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Wirtschafts-Nobelpreisträger Eugene Fama : „Der Markt ist rational, das glaube ich immer noch“

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Nein, die Zentralbanken sind nicht so mächtig, wie die meisten Menschen denken. Das sieht man doch derzeit. Sie können so viel Geld ausgeben, wie sie wollen, und die Zinsen bleiben nahe null.

Aber die Zentralbanken setzen doch den Zins.

Wirklich? Ich würde sagen, sie reagieren auf den Markt. Ihr Einfluss auf das Zinsniveau ist gering, das habe ich kürzlich nachgewiesen. Die Zentralbanken können nicht verhindern, dass die Zinsen derzeit extrem niedrig sind.

Also sind EZB und Fed überhaupt nicht wichtig?

Es wird ihnen mehr Macht zugeschrieben, als sie tatsächlich haben. Sie liefern gute Geschichten für die Medien.

Aber die Märkte reagieren doch auch auf alles, was die Fed macht. Nicht nur die Journalisten.

Nicht so sehr. Wirklich nicht so sehr.

Alles, was Sie erzählen, klingt so, als könnten wir nichts tun, um die nächste Krise zu verhindern oder vorherzusehen.

Genau, niemand kann das. Alle versuchen es, aber es gibt keinen Beweis, dass es klappt. Natürlich, es gibt Menschen, die über Jahre hinweg gute Vorhersagen treffen. Aber wenn man sieht, wie wenige das sind, sollte man skeptisch sein und sich fragen, ob die nicht einfach Glück gehabt haben.

Das ist aber deprimierend.

Tja, aber so sieht es aus. Man kann es nicht ändern.

Und eine Finanzkrise wie 2008 können wir auch nicht verhindern?

Doch, das ist möglich. Wir müssen den Banken vorschreiben, viel mehr Kapital vorzuhalten. So viel, dass 2008 sich nicht wiederholen kann, und noch ein bisschen mehr als Sicherheit.

Wie viel wäre das?

Ich kenne die Antwort nicht, aber es gibt Leute, die so etwas errechnen können. Und dann müssen wir das schnell angehen. Kapital erhöhen kann man nur in guten Zeiten, in schlechten Zeiten geht das nicht. Da hauen wir die Banken heraus – auch das haben wir in der Finanzkrise gelernt.

Hätten wir sie besser pleitegehen lassen?

Das hätte womöglich fürchterliche Konsequenzen gehabt, das wagt kein Politiker, ob rechts oder links. Deshalb ist diese Frage irrelevant. Aber man hätte die Banken natürlich verstaatlichen können.

Verstaatlichen? Das sagt ein Chicago-Ökonom?

Ich bin kein Freund von Verstaatlichung, im Gegenteil. Aber die Banken haben in der Finanzkrise gelernt, dass sie jedes Risiko eingehen können, denn wenn die Dinge sich schlecht entwickeln, wird der Staat sie retten. Das ist eine fürchterliche Botschaft. Eine Verstaatlichung hätte ihnen gezeigt, dass sie eben manchmal auch verlieren. Dann wären die Anreize besser.

Können wir den Banken noch vertrauen, wenn es darum geht, wie wir unser Geld anlegen?

Wenn sie uns die besten Aktien herauspicken wollen, dann nicht. Niemand kann den Markt dauerhaft schlagen, auch keine Bank. Das ist vielfach untersucht.

Wieso versuchen es dann so viele?

Darauf habe ich keine Antwort, das verblüfft mich immer wieder. Viele lassen sich sicher blenden von den Geschichten über die wenigen, die dann doch gewinnen. Sie übersehen, dass das in den meisten Fällen einfach Glück ist. Sie verstehen zu wenig von Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Sind die Leute irrational?

In dieser Hinsicht vielleicht.

Wie legen Sie selbst Ihr Geld an, wenn man nicht gewinnen kann? Einfach per Zufall?

Es gibt zwei Lehren aus meiner Forschung. Erstens: Gib nicht zu viel Geld aus für Leute, die glauben, sie könnten die besten Aktien oder Anlagen herauspicken. Sie können es nämlich nicht. Ich habe also einen billigen Geldmanager gewählt. Zweitens: Überlege genau, wie viel Risiko du eingehen willst. Es ist nämlich so, dass man für mehr Risiko langfristig besser entlohnt wird. Kurzfristig aber kann es gehörig schiefgehen. Da muss man selbst entscheiden, was einem lieber ist.

Und Sie? Lieben Sie den Nervenkitzel des Risikos, oder schlafen Sie lieber ruhig?

Ich lege selbst gerne riskant an. Das macht man etwa, indem man auf den Aktienmarkt wettet, also Aktien statt Anleihen kauft.

Und welche Aktien, wenn eh keiner weiß, welche gut laufen?

Man kauft sie alle. Und wenn man gerne besonders riskant anlegt wie ich, dann wählt man sich unter den Aktien noch diejenigen aus, die besonders schwankungsanfällig sind.

Werden Sie Ihr Nobelpreisgeld genau so anlegen?

Nein, das stifte ich der Universität Chicago, der ich alles verdanke.

Das Gespräch führte Lisa Nienhaus.

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