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Folge des Bilanzskandals : Wirecards Gläubiger sind über den Insolvenzantrag irritiert

Konzernzentrale von Wirecard in Aschheim bei München. Dem Zahlungsabwickler droht vermutlich die Zerschlagung. Bild: EPA

Was wird aus dem Zahlungsabwickler? Während die Banken sich wundern, wächst die Kritik an der Finanzaufsicht Bafin.

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          Der Insolvenzantrag des deutschen Zahlungsabwicklers Wirecard am Donnerstag sorgt bei den rund 15 Gläubigerbanken weiterhin für Irritation. Aus Bankenkreisen heißt es gegenüber der F.A.Z., Wirecards Kreditgeber  hätten angeboten, die nach dem fehlenden Testat des Wirtschaftsprüfers Ende Juni kündbare Kreditlinie über 1,85 Milliarden Euro bis zum 30. September zu verlängern.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          „Dann wäre der Druck aus den Fälligkeiten für Wirecard erst einmal heraus gewesen“, sagte ein Beteiligter der F.A.Z. Als Bedingung für die verlängerten Kredite habe das erstaunlich einige Bankenkonsortium lediglich verlangt, dass Wirecard einen Gutachter beauftragt, der bis Ende September ein Sanierungskonzept erstellt.

          Der Bankenvertreter nannte es „Legendenbildung“, dass Wirecard die Gläubigerbanken darüber informiert habe, dass der Konzern die Gehälter der Mitarbeiter für Juni nicht habe zahlen können. Vielmehr habe Wirecard nie nach neuem Geld gefragt, sondern den Eindruck erweckt, es sei genügend Geld vorhanden. 

          Kritik an der Bafin

          Während es in München um die nackte wirtschaftliche Existenz geht, gewinnt die Kritik am Versagen der Finanzaufsicht Bafin im Fall Wirecard an Schärfe. Hart ins Gericht mit der Bafin geht der frühere finanzpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Gerhard Schick, der seit Juli 2018 Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende ist. „Die Bafin hat nicht nur zu wenig gemacht. Dort wo sie gehandelt hat, war sie auf der falschen Seite: Sie hat diejenigen angezeigt, die auf Unregelmäßigkeiten hinwiesen, statt den Vorwürfen gründlich nachzugehen“, sagte er auf Anfrage der F.A.Z.

          Damit erinnert Schick an die Anzeige der Bafin im Frühjahr 2019 unter anderem gegen Journalisten der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“, die zuerst über die Vorwürfe der Bilanzmanipulation berichtet hatten. Schicks Bürgerbewegung schlägt vor, große internationale Zahlungsdienstleister künftig von der Europäischen Zentralbank (EZB) zu beaufsichtigen. So sei es die Regelung längst bei Großbanken.

          Außerdem fordert Schick einen völligen Neustart der Bafin. „Wie in der Vergangenheit so oft, hatte die Aufsicht auch in diesem Fall ein falsches Selbstverständnis. Es wird immer mühevoll nach einer Ausrede gesucht, warum man nicht zuständig war“, erinnert Schick an frühere Fälle, wie zum Beispiel den Zusammenbruch des Container-Vermieters P&R, dem mehr als 50.000 Anleger mehr als 3 Milliarden Euro anvertraut hatten. Auch in diesem Insolvenzfall ist Michael Jaffé zum Insolvenzverwalter bestellt worden.

          WIRECARD

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          Nach Meinung von Schick sollte die Aufsicht bestehende Prüfmaßnahmen umfassend nutzen und auf Lücken im Aufsichtsrahmen hinweisen – und „das bitte nicht erst dann, wenn es mal wieder zu spät ist“. Mit Blick auf Wirecard kritisiert er die Bafin, weil sie formalistisch  nur ihre jeweiligen spezifischen Zuständigkeiten für die deutsche Bank-Tochtergesellschaft  genutzt habe, statt der Entwicklung dieses großen digitalen Finanzkonzerns mit einer umfassenden Beaufsichtigung gerecht zu werden.

          Doch wird die Bafin auch in Schutz genommen. So verweist Christoph Schalast, Professor für Wirtschaftsrecht an der Frankfurt School of Finance, darauf, dass es die Bafin gewesen sei, die mit ihren Anzeigen die Sache jetzt ins Rollen gebracht habe.

          Die Aufsicht sei vorrangig für die Wirecard Bank zuständig gewesen, aber die Manipulationen seien, soweit bisher bekannt, außerhalb dieser Tochtergesellschaft und wohl auch außerhalb Deutschlands sowie Europas passiert, sagt Schalast. Das erinnert ihn an die Regulierungsarbitrage vor der Finanzkrise 2008, als Banken über Zweckgesellschaften im Ausland gefährliche Wetten eingegangen und deshalb in Schieflagen geraten sind.

          Erste Interessenten an Wirecard

          Seiner Worten zufolge muss geprüft werden, wie die Aufsicht komplexen Konzernstrukturen wie die von Wirecard besser in den Griff bekommen könne. „Wir brauchen eine stärkere Zusammenarbeit auf internationaler Ebene und das über Europa hinaus“, fordert Schalast.  Doch das sei eine schwierige Frage, weil hier die nationale Souveränität betroffen sei.

          Die Vereinigten Staaten hätten im Vergleich zu Europa einmal mehr den Vorteil einheitlicher Strukturen, die eine bessere Kontrolle durch die Aufsicht ermöglichten. Zudem könne die Aufsicht dort mit radikaleren Strafen und Sanktionen abschreckender durchgreifen.

          Nur einen Tag nach dem Insolvenzantrag der Wirecard AG gibt es derweil erste Interessenten, die Teile des Münchner Zahlungsabwicklers übernehmen wollen. Darunter sind nach Informationen der F.A.Z.  Privatinvestoren und Private-Equity-Fonds aber auch der Konkurrent Worldline. Der französische Zahlungsverkehrsdienstleister hatte schon zu Beginn dieses Jahres in Frankreich seinen Wettbewerber Ingenico für fast acht Milliarden Euro gekauft. Die beiden französischen Unternehmen sind durch den Zusammenschluss zum größten Anbieter in Europa aufgestiegen.

          Offenbar haben die Investoren unterschiedliche Interessen. Werthaltig erscheint bei Wirecard das Geschäft mit europäischen Kunden, sofern diese nicht weiter abspringen. Einige Kunden, darunter die großen Kreditkartenanbieter Visa und Mastercard überdenken schon ihre Geschäftsbeziehungen mit den Münchnern. Die Wirecard-Bank wiederum, bei der Tausende Privatanleger zuletzt Einlagen von zuletzt 1,7 Milliarden Euro hielten, steht unter Sonderverwaltung der Finanzaufsicht Bafin. Die Behörde will sicherstellen, dass die Bank nicht in die Insolvenz des Mutterkonzerns hineingleitet.

          Nach Angaben des bisherigen Wirecard-Vorstands unter Leitung von Interimschef James Freis gibt es eine Bilanzlücke von gut 1,9 Milliarden Euro im Konzern. Zudem hat Wirecard Anleihen über rund 500 Millionen Euro sowie eine Wandelanleihe über 900 Millionen Euro im Umlauf.

          Hinzu kommen vermutlich noch Schadenersatzklagen von Aktionären, die durch den Kurssturz der vergangenen Tage hohe Verluste erlitten haben und das Unternehmen auf Schadensersatz verklagen werden. Der Wirecard-Vorstand hatte die Insolvenz auch damit begründet, dass er die Fortführbarkeit des Unternehmens als nicht sichergestellt sah.

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