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Inflation : Geldpolitik bedarf der Bescheidenheit

EZB-Chefin Lagarde (links) und Fed-Chef Powell in Portugal Bild: Getty

„Wir verstehen jetzt, warum wir wenig von Inflation verstehen“, meint Fed-Chef Jerome Powell. EZB-Präsidentin Lagarde schätzt die Lage ähnlich ein: Geldpolitik sei keine reine Wissenschaft, sondern auch Kunst.

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          Führende Geldpolitiker haben zur Bescheidenheit im Kampf gegen die Inflation aufgerufen. „Geldpolitik ist keine reine Wissenschaft. Sie ist auch Kunst“, sagte EZB-Präsidentin auf einer Veranstaltung im portugiesischen Sintra. Die ökonomischen Modelle haben Schwächen, sagte Lagarde weiter und ermutigte die Geldpolitiker dazu, sich den Ursachen der jüngsten Fehleinschätzungen der Inflationsgefahren zu stellen: „Das ist eine nützliche Übung.“ So habe die EZB unter anderem den Anstieg der Energiepreise unterschätzt.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Agustin Carstens, nahm den Ball auf. „Wir verstehen Inflation heute etwas besser als früher, aber wir verstehen nicht alles.“ Mit der Bedeutung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage für Inflation und Wirtschaftswachstum habe man sich lange beschäftigt. Jetzt sei es notwendig, sich stärker mit dem gesamtwirtschaftlichen Angebot zu befassen. Die üblichen ökonomischen Modelle in der Geldpolitik seien nicht in der Lage gewesen, einen so kräftigen Anstieg der Inflationsrate innerhalb kurzer Zeit vorauszusagen. „Wir verstehen jetzt besser, warum wir wenig von Inflation verstehen“, meinte der Vorsitzende der amerikanischen Federal Reserve, Jerome Powell. „Wir dachten, dass nach der Pandemie die Angebotsprobleme schneller verschwinden würden.“

          Nach Ansicht der EZB-Präsidentin wird es keine Rückkehr in die frühere Zeit geben, in der starke wirtschaftliche Kräfte dazu beigetragen hatten, die Inflationsraten sehr niedrig zu halten und die Geldpolitik damit beschäftigt war, eine nahe Null liegende Inflationsrate in die Nähe ihrer Zielmarke von 2 Prozent zu schieben. „Die Landschaft hat sich verändert“, konstatierte Lagarde, die hierfür als Ursachen unter anderem die Störungen in der globalen Wirtschaft und die ökologische Transformation der Wirtschaft nannte. Auch Powell sah im Aufbau geopolitischer und wirtschaftlicher Rivalitäten eine Ursache, die zusammen mit der demografischen Entwicklung in vielen Ländern zu einer Kombination aus schwachem Wachstum der Produktivität und niedrigem Wirtschaftswachstum beitragen könne. Die gegenwärtige Wachstumsdynamik in den Vereinigten Staaten bereitet Powell indessen wegen ihrer Kraft Sorge. Angesichts der sehr hohen Inflation müsse die Geldpolitik das Wirtschaftswachstum dämpfen, um Angebot und Nachfrage in der amerikanischen Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Zentralbank wolle diesen Prozess so steuern, dass er nicht zu einer Rezession führe. „Es gibt aber keine Garantie, dass dies gelingt“, warnte Powell.

          Allerdings gibt es auch nach Ansicht Andrew Baileys, des Gouverneurs der Bank of England, zu einer zupackenden Geldpolitik keine Alternative. In längerer Frist wäre es für die Wirtschaft schädlicher, die Inflation laufen zu lassen, bemerkte Bailey: „Wir werden daher kräftig reagieren, wenn es sich als notwendig erweisen sollte.“ Auch nach Ansicht des Briten müssen sich die Zentralbanken auf ein anderes Umfeld einstellen. Die Pandemie werde langfristig die Arbeitsmärkte beeinflussen, sagte er. Das gelte auch für Änderungen in der europäischen Sicherheitsarchitektur als Folge des Kriegs in der Ukraine: „Diese strukturellen Veränderungen sind sehr wichtig.“

          Auf den Wechselkurs achtet die amerikanische Zentralbank nach den Worten Powells nicht. Auf den Wechselkurs achte in den Vereinigten Staaten das Finanzministerium, sagte er. Eine Aufwertung des Dollars verringere sicherlich das Inflationspotenzial in den Vereinigten Staaten, doch dürfe dieser Effekt nicht überschätzt werden. Carsten betonte, dass der Wechselkurs des Dollars für viele Entwicklungs- und Schwellenländer hingegen von großer Bedeutung sei, unter anderem, weil sich viele Länder in Dollar verschuldeten und die amerikanische Währung eine überragende Rolle in der grenzüberschreitenden Bezahlung von Rohstoffen wahrnehme.

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