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Wilhelm Hankel : „Mein Bundesschätzchen ist tot“

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Wie viel Prozent Zinsen bekam man denn damals?

Es war eine, wie ich fand, sehr vernünftige Regelung. Der Bundesschatzbrief war mit einer Zinstreppe ausgestattet: Es fing klein an, 1969 mit vier Prozent im ersten Jahr. Und endete mit phantastisch hohen Zinsen, im sechsten Jahr acht Prozent. Auf die Weise kam ein guter Durchschnitt heraus. Die hohen Endzinsen haben zu seiner Popularität beigetragen. Aber auch zur Treue: Es wäre unwirtschaftlich gewesen, den Bundesschatzbrief vor Ende seiner Laufzeit zu verkaufen. Man musste die Endfälligkeiten abwarten. Dadurch kam eine gewisse Stetigkeit im Wertpapiersparen in die Märkte. Sie sehen: Es war ein hochinteressantes Papier. Und ich bin wirklich konsterniert, dass man dieses Papier hat auslaufen lassen.

Hankel: „Ich finde, eine große Idee ist gestorben“

Heute heißen Wertpapiere ETF oder ETC. Wurden die Bundesschätzchen einfach irgendwann zu altmodisch?

Das Altmodische muss ja nicht schlecht sein. Der Bundesschatzbrief muss immer in Parallele zum Sparbuch gesehen werden. Er war, weil er auch eine Konkurrenz zum Sparbuch war, nicht einmal bei den Sparkassen sehr beliebt. Auch sie haben es an der Förderung fehlen lassen.

Die Bundesregierung sagt, am Ende sei die Nachfrage einfach zu gering gewesen...

Das ist ein vordergründiges Argument. Die Bundesregierung hätte die Möglichkeit gehabt, die Attraktivität zu steigern. Und sie hat es nicht gemacht. Zu den Konditionen gehörte ja nicht nur der Zinsertrag, sondern auch die kostenlose Aufbewahrung. Und all das verursachte natürlich in der Bundesschuldenverwaltung Kosten. Der Bundesfinanzminister hat wahrscheinlich auch unter dem Aspekt gehandelt. Er wollte Kosten sparen. Aber leider am falschen Ende und bei den falschen Leuten.

Ist es ein Verlust für die Menschheit, dass es den Bundesschatzbrief nicht mehr gibt?

Ich finde, eine große Idee ist gestorben.

Bundesschatzbriefe wurden Ende der 60er Jahre erstmals aufgelegt und waren über Jahre hinweg ein beliebtes Sparprodukt. Allerdings ist ihre Bedeutung in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, was sicherlich auch an den niedrigen Zinsen von zuletzt 0,05 Prozent gelegen haben dürfte. Hatten Bundesschatzbriefe Ende 2000 noch ein Volumen von 36 Milliarden Euro, sind es gegenwärtig weniger als 8 Milliarden Euro.

Leiht sich der Staat heute lieber Geld an den anonymen Kapitalmärkten als bei seinen Bürgern?

Man könnte es vermuten. Natürlich haben sich die Märkte auch verändert, sie sind globaler, schneller und technischer geworden. Aber das alles hätte sich mit dem Bundesschatzbrief verbinden lassen. Man hat ihn einfach langsam, aber stetig erdrosselt. Die Gründe kann man sich denken: Das Verhältnis zwischen Staat und Banken ist seit 1969 viel enger geworden. Und der Schatzbrief stand dieser Familienbeziehung im Wege. Banken gelten inzwischen ja als „systemrelevant“, was sie damals noch nicht waren. Also musste der Staat ihre Wünsche erfüllen. Dem ist, so fürchte ich, auch das Bundesschätzchen zum Opfer gefallen. Es war ja der Staat, der den Schatzbrief ausgab - nicht die Banken. Und die Banken haben am Schatzbrief nichts verdient.

Sie selbst haben sich von Bundesschatzbriefen getrennt, als der Euro kam?

Ich haben dem Euro-Regime von der ersten Stunde an misstraut, wie in vielen Büchern dokumentiert ist. Selbstverständlich hätte der Bund das höhere Risiko, das mit dem Euro auftrat, in höheren Zinsen für den Bundesschatzbrief abgelten müssen. Das hat man nicht gemacht. Insofern ist der Bundesschatzbrief nicht direkt, aber indirekt auch ein Opfer des Euro.

Was raten Sie Menschen, die jetzt nach einer Alternative suchen?

Das ist ein sehr schwerer Rat. Vielleicht, in Sachwerte zu investieren. Und in Währungen, die in der Vergangenheit regelmäßig gegenüber dem Euro aufgewertet haben. Auf jeden Fall muss der Bürger jetzt Selbstschutz betreiben: Er muss seinen eigenen Verstand gebrauchen.

Das Gespräch führte Christian Siedenbiedel.

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