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Auslandsmarkt : Wie wird das Italien nach der Krise?

Mario Draghi seit dem 13. Februar 2021 italienischer Ministerpräsident. Bild: EPA

In Italien sorgen sich Ökonomen darüber, dass Aufbaufonds und Krisenprogramme das Gewicht des Staates in der Wirtschaft verstärken.

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          Sind bei den Weichenstellungen zugunsten eines wirtschaftlichen Aufschwungs nach der Coronakrise die privaten Investitionen in Aktienkapital und Fonds vernachlässigt worden, weil zu viel über den staatlichen Aufbaufonds gesprochen wird? In Italien gibt es dazu Sorgen und weitreichende Perspektiven von herausragenden Ökonomen. „Während der Covid-Krise ist eine Finanzkrise durch massive Liquiditätsspritzen der Regierungen, aus europäischen Programmen und aus den Zentralbanken verhindert worden. Jetzt ist aber die Zeit, die Finanzstruktur der Unternehmen wieder mit Zufuhr von Eigenkapital ins Gleichgewicht zu bringen, und das geht nur mit einer echten Kapitalmarktunion“, sagt Carmine Di Noia, Vorstandsmitglied der italienischen Börsenaufsicht Consob. Mit alarmierenden Daten antwortet der Kommentator Oscar Giannino, dem 350.000 Interessenten auf Twitter folgen: Schon vor der jüngsten Krise sei das Volumen an Eigenkapitalbedarf für die italienischen Unternehmen auf 230 Milliarden Euro geschätzt worden, nun könne man von einer Unterkapitalisierung von 300 Milliarden Euro sprechen, obwohl es Schuldenmoratorien für 155 Milliarden Euro und Staatsgarantien für 180 Milliarden Euro an Unternehmenskrediten gebe.

          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Diesem Bedarf an Eigenkapital der Unternehmen stehen gewachsene liquide Einlagen im Bankensystem gegenüber. Obwohl manche Branchen, vor allem die Tourismusbranche mit Hotels und Restaurantbetreibern, mit Existenzängsten zu kämpfen haben, sind insgesamt die liquiden Einlagen der Italiener in der Krisenzeit kräftig gewachsen. Die italienische Notenbank berichtet, dass Italiens Konsumenten ihre Bankeinlagen von 1.044 Milliarden Euro Ende 2019 bis Februar 2021 auf 1.122 Milliarden Euro gesteigert hätten. Die extra ausgewiesenen Unternehmerfamilien haben die Einlagen von 64 Milliarden Euro Ende 2019 auf nunmehr mehr als 78 Milliarden Euro gesteigert.

          „An dieser Stelle gilt es nun, einen virtuosen Kreislauf in Gang zu setzen, und das Finanzsystem spielt dabei eine fundamentale Rolle“, kommentiert Paolo Garonna, Generaldirektor von Febaf, dem Dachverband für Italiens Banken, Versicherungen und Fonds. Parallel zum europäischen, staatlich genutzten Aufbaufonds müssten nun Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass öffentliche und private Investitionen Hand in Hand gehen könnten. Für den ehemaligen Schatz- und Finanzminister Domenico Siniscalco, ehemals Vorsitzender des Dachverbands der Anlagefonds, nun bei einer internationalen Bank, wird sich aus den Vereinigten Staaten Druck in Richtung Veränderungen in Europa bemerkbar machen. Hier gebe es aber noch Angst vor der Zukunft, fehlten langfristige Perspektiven. Siniscalco fügt gegenüber der F.A.Z. noch ein kritisches Urteil hinzu: „Wirtschaftspolitik und Bankensystem müssen all die Verbindungen verbessern, die Ersparnisse und Investitionen in Verbindung bringen. Für allzu lange Zeit sind diese Kanäle in Italien unterentwickelt geblieben“. Carmine Di Noia von der Börsenaufsicht Consob wendet sich gegen die Idee, nach Ende der Coronakrise die Kräfte auf eine Steigerung des Konsums zu richten: „Ersparnisse von heute, die investiert werden, sind der Konsum von Morgen“.

          Hindernisse für private Investitionen

          Von Hindernissen für mehr private Investitionen in Börse und Fonds berichten alle vier Ökonomen: Der ehemalige Minister Siniscalco spricht von der bekannten italienischen und europäischen Scheu, in riskantere Finanzanlagen zu investieren wie die Amerikaner – und auch die europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid sei da nicht hilfreich. Für Paolo Garonna vom Finanzdachverband Febaf gibt es da viele „kulturelle Hürden“, die nur langsam verändert werden könnten. Dazu gehöre auch auf der Seite der Familienunternehmen eine Abneigung dagegen, sich für fremdes Kapital zu öffnen. Carmine Di Noia von Italiens Börsenaufsicht Consob verweist auf die hohen direkten und indirekten Kosten für eine Quotierung von Unternehmen und auch auf die großen laufenden Aufwendungen für börsennotierte Unternehmen. Die müssten weniger aus Festkosten bestehen und mehr proportional zur Unternehmensgröße sein, denn ansonsten sei es viel verlockender, weiter billige Bankkredite in Anspruch zu nehmen. Zudem seien in der EU die Handelsplattformen – insgesamt 400 – eher zersplittert. Der kritische Kommentator Oscar Giannino zielt dagegen auf Missstände, die er für typisch italienische hält: Dazu gehöre große Polemik gegenüber Unternehmen, die ihren Sitz ins Ausland verlegten, sowie eine nationalistische Denkweise gegenüber Investitionen für Entwicklungszusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen.

          Gerade der wirtschaftsliberale Oscar Giannino sieht große Gefahren durch das Vordringen von staatlichem und politischem Einfluss auf die Wirtschaft, vor allem durch das staatlich kontrollierte Finanzhaus Cassa Depositi e Prestiti, das sich immer mehr in Richtung Staatsholding entwickle. Dorthin seien 40 Milliarden Euro für Investitionen geflossen, von denen nun ein Teil für 150 Krisenunternehmen verwendet werden solle, „die größtenteils Zombie sind und seit Jahren keinen Markt mehr haben“. Carmine Di Noia von der Börsenaufsicht Consob wünscht sich dagegen „Anreize für direkte und indirekte Investitionen, diversifiziert und verantwortlich, der einzelnen Bürger in die Finanzmärkte. Das ist vor allem wichtig für die junge Generation, damit sie mit ausreichenden Ertragsaussichten in die Zukunft investieren können“. Der ehemalige Minister Domenico Siniscalco fordert, die Leistung von Fonds mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Und Paolo Garonna sieht schon jetzt großes Potential für Unternehmenskapitalisierung durch institutionelle Investoren: Dort gebe es ein Vermögen von 1.000 Milliarden Euro. Davon könnten sofort 20 Milliarden Euro in Richtung von kleinen und mittleren Unternehmen und deren Zukunftsinvestitionen gelenkt werden. „Eine solche Orientierung in Richtung Innovation und Wachstumsprojekten von mittleren und kleinen Unternehmen könnte das Wachstum deutlich beschleunigen.“ Aus Sicht von Oscar Giannino müsste Italiens Wachstumsrate nicht, wie bisher vorhergesagt, schon 2023 wieder auf 1 bis 2 Prozent zurückfallen: „Wir könnten länger mit real 4 Prozent wachsen.“

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