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Auslandsmarkt : Wie wird das Italien nach der Krise?

Hindernisse für private Investitionen

Von Hindernissen für mehr private Investitionen in Börse und Fonds berichten alle vier Ökonomen: Der ehemalige Minister Siniscalco spricht von der bekannten italienischen und europäischen Scheu, in riskantere Finanzanlagen zu investieren wie die Amerikaner – und auch die europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid sei da nicht hilfreich. Für Paolo Garonna vom Finanzdachverband Febaf gibt es da viele „kulturelle Hürden“, die nur langsam verändert werden könnten. Dazu gehöre auch auf der Seite der Familienunternehmen eine Abneigung dagegen, sich für fremdes Kapital zu öffnen. Carmine Di Noia von Italiens Börsenaufsicht Consob verweist auf die hohen direkten und indirekten Kosten für eine Quotierung von Unternehmen und auch auf die großen laufenden Aufwendungen für börsennotierte Unternehmen. Die müssten weniger aus Festkosten bestehen und mehr proportional zur Unternehmensgröße sein, denn ansonsten sei es viel verlockender, weiter billige Bankkredite in Anspruch zu nehmen. Zudem seien in der EU die Handelsplattformen – insgesamt 400 – eher zersplittert. Der kritische Kommentator Oscar Giannino zielt dagegen auf Missstände, die er für typisch italienische hält: Dazu gehöre große Polemik gegenüber Unternehmen, die ihren Sitz ins Ausland verlegten, sowie eine nationalistische Denkweise gegenüber Investitionen für Entwicklungszusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen.

Gerade der wirtschaftsliberale Oscar Giannino sieht große Gefahren durch das Vordringen von staatlichem und politischem Einfluss auf die Wirtschaft, vor allem durch das staatlich kontrollierte Finanzhaus Cassa Depositi e Prestiti, das sich immer mehr in Richtung Staatsholding entwickle. Dorthin seien 40 Milliarden Euro für Investitionen geflossen, von denen nun ein Teil für 150 Krisenunternehmen verwendet werden solle, „die größtenteils Zombie sind und seit Jahren keinen Markt mehr haben“. Carmine Di Noia von der Börsenaufsicht Consob wünscht sich dagegen „Anreize für direkte und indirekte Investitionen, diversifiziert und verantwortlich, der einzelnen Bürger in die Finanzmärkte. Das ist vor allem wichtig für die junge Generation, damit sie mit ausreichenden Ertragsaussichten in die Zukunft investieren können“. Der ehemalige Minister Domenico Siniscalco fordert, die Leistung von Fonds mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Und Paolo Garonna sieht schon jetzt großes Potential für Unternehmenskapitalisierung durch institutionelle Investoren: Dort gebe es ein Vermögen von 1.000 Milliarden Euro. Davon könnten sofort 20 Milliarden Euro in Richtung von kleinen und mittleren Unternehmen und deren Zukunftsinvestitionen gelenkt werden. „Eine solche Orientierung in Richtung Innovation und Wachstumsprojekten von mittleren und kleinen Unternehmen könnte das Wachstum deutlich beschleunigen.“ Aus Sicht von Oscar Giannino müsste Italiens Wachstumsrate nicht, wie bisher vorhergesagt, schon 2023 wieder auf 1 bis 2 Prozent zurückfallen: „Wir könnten länger mit real 4 Prozent wachsen.“

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