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Krieg und Inflation : Harte Zeiten für Zentraleuropa

Prag bleibt beliebt – aber Anleger sollten sich trotzdem vor Aktien von Tschechien und seinen Nachbarn in Acht nehmen. Bild: Getty

Nicht nur der Krieg in der Ukraine auch hausgemachte Fehler trüben die wirtschaftlichen Aussichten in Mittel-Ost-Europa. Nicht nur die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine lassen Analysten zurückhaltend sein. Das hat auch Folgen für Anleger.

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          Gezeichnet von den Kriegsfolgen in der Ukraine, steuern die Länder Zentral- und Südosteuropas (CEE) in eine wirtschaftlich schwierige Phase. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine werde vermutlich länger anhalten und langfristig wirtschaftliche und politische Folgen für sie haben, schreibt die italienische Bank Unicredit in ihrer neuesten Regionalstudie. Sie steht damit nicht allein.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Analysten erwarten auch ohne das Kappen der Gasflüsse in Ländern wie Tschechien, Polen und Ungarn eine „technische Rezession“, also den Rückgang des Wachstums in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen unter das Vorjahresniveau. Die Wiener Raiffeisenbank International (RBI) sieht die lokalen Währungen daher in einem eher „schwierigen Umfeld“.

          2023 moderateres Wachstum erwartet

          Die Gefahren für die Region seien „vielfältig und reichen von höherem und anhaltendem Inflationsdruck über ein langsameres Wirtschaftswachstum bis hin zur Ausweitung der Außenhandels- und Haushaltsdefizite sowie der Unterbrechungen der Lieferketten und der russischen Energieversorgung“, lautet die Schreckensliste der Ratingagentur Scope .

          Darüber hinaus macht sie „Herausforderungen für die Kreditwürdigkeit der CEE-Länder im Jahr 2022 und darüber hinaus“ aus. Denn 2023 könnte das Wachstum moderater ausfallen. Sollte die Wachstumsdelle aber tiefer sein und sich länger hinziehen als heute erwartet, könnte sich das nachteilig auf die Kreditqualität der mittel- und osteuropäischen EU-Mitglieder auswirken.

          Höhepunkt der Preissteigerungen im Herbst

          Der Internationale Währungsfonds sieht ganz Europas Wirtschaft leiden unter den Folgen des Krieges und einer strafferen Geldpolitik. Während die geldpolitischen Folgen in der Eurozone wegen der verhaltenen Politik der EZB erst jetzt spürbar werden, sind die nicht zur Eurozone gehörenden EU-Länder Tschechien, Ungarn und Polen schon länger mit steigenden Zinsen vertraut.

          Höhere Zinsen sind wiederum eine Folge der Angebotsschocks, die die Inflation im zweiten Quartal angeheizt haben. Viele Beobachter rechnen mit einem Höhepunkt der Preissteigerungen im Herbst. Dan Bucsa, Chef der Osteuropa-Beobachter der Unicredit, ist sich da nicht so sicher. Er erwartet eine Fortsetzung der Teuerung „wahrscheinlich auch in den Jahren 2022 und 2023 durch steigende Lebensmittel- und Energiepreise“.

          Wie groß der Inflationsschock ist, zeigt dieser Tage die ungarische Notenbank. Gleich um 100 Basispunkte schraubte sie den Zinssatz auf 10,75 Prozent nach oben. Zusammen waren das 485 Punkte Zinserhöhung in den vergangenen drei Sitzungen. Weitere Zinsschritte dürften angesichts einer zum Herbst erwarteten Inflationsrate von 17 Prozent bevorstehen. Experten der ING-Bank sehen nun „eine allmähliche Verlangsamung des Straffungszyklus mit einem Wert von 14 Prozent“ zum Ende des Jahres.

          In Tschechien ist zweifelhaft, ob die Notenbank nach der Umbesetzung von vier der sieben Posten im Bankrat den bisherigen Kurs von Zinserhöhungen über das aktuelle Maß von 7 Prozent hinaus fortsetzen wird. Eine Inflationsrate von zuletzt 17,2 Prozent spräche auf der Sitzung am kommenden Donnerstag nach klassischer Auffassung dafür. Doch versucht man in Prag mit anhaltenden Interventionen am Devisenmarkt den Druck auf die Krone nehmen.

          Prags Sparkurs geht nicht auf

          Für die Notenbank bestehe ein Anreiz, die Krone zu stützen, „weil ein stärkerer Wechselkurs den Druck zu weiteren Zinserhöhungen etwas mildert“, schreibt David Vagenknecht von der RBI. Er ist allerdings skeptisch, dass diese Strategie angesichts der bestehenden Fundamentaldaten mittelfristig aufgehen könnte.

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