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Schweizer Anleger : Cool durch die Krise

Nahaufnahme einer Schweizer Flagge an der Schifflände: Vermögende Schweizer haben an der Börse in der Krise die Nerven behalten. Bild: Fabian Fiechter

Nur die wenigsten vermögenden Schweizer Anleger gerieten während der Corona-Kursturbulenzen in Panik. Etliche kauften sogar Aktien zu. Eine Studie, die der F.A.Z. vorab vorliegt, offenbart noch weitere interessante Dinge über die Anlegerklientel.

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          Als im März die Aktienkurse wegen der Corona-Krise tief in den Keller rauschten, haben die meisten vermögenden Anleger Ruhe bewahrt. Nur die wenigsten gerieten in Panik und trennten sich von ihren Wertpapieren. Etliche kauften sogar Aktien zu. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Abteilung für Asset Management der Johannes-Keppler-Universität Linz, die von der Liechtensteiner Privatbank LGT in Auftrag gegeben wurde. Sie wird am Montag veröffentlicht, liegt der F.A.Z. aber vorab vor.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          „Die meisten Investoren haben besonnen auf den Kurssturz reagiert“, sagt der Studienleiter Professor Teodoro Cocca im Gespräch mit der F.A.Z. Seine Erkenntnisse beruhen auf der Befragung von 127 Anlegern aus der Schweiz, die über ein frei verfügbares Anlagevermögen von jeweils mehr als 90.0000 Franken verfügen. Cocca glaubt, dass die Ergebnisse bei einer Umfrage unter vermögenden deutschen Privatinvestoren sehr ähnlich ausgefallen wären. In der Vergangenheit habe man immer wieder gesehen, dass reiche Deutsche und Schweizer ähnlich auf Krisen an den Aktienmärkten reagierten.

          Überraschungseffekt verhinderte eine schnelle Reaktion

          Die knappe Mehrheit der befragten Eidgenossen hat ihr Portfolio zwischen Mitte Februar und Ende April einfach gar nicht angerührt. Cocca räumt ein, dass dies wohl auch mit der hohen Geschwindigkeit der Talfahrt an den Börsen zu erklären sei. Will heißen: Der Überraschungseffekt verhinderte eine schnelle Reaktion. Und da es schon kurz nach dem starken Kurseinbruch zu einer raschen Erholung kam, sah man hernach auch keine Veranlassung mehr zu handeln.

          Der Kursverlauf habe die Anleger insgesamt in der von vielen Beratern gestützten Haltung bestärkt, nicht aufgrund kurzfristiger Schwankungen von einer einmal gewählten, langfristigen Anlagestrategie abzuweichen. Damit bestätige sich die Lehre aus der Finanzkrise 2008: „Damals hat sich auch ausgezahlt, im Markt investiert zu bleiben.“ Um die Anleger in Panik zu versetzen, müsse offenkundig noch mehr passieren.

          „Nur wenige der Anleger sind in die Falle getappt, bei tiefen Kursen zu verkaufen“, sagt Cocca. Der Umfrage zufolge betrug der Anteil derer, die sich ausschließlich als Aktienverkäufer betätigten, im betreffenden Zeitraum 5 Prozent. Rund 24 Prozent nutzten die Kursschwankungen für Zukäufe; 21 Prozent haben Aktien sowohl gekauft als auch verkauft. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Phase der Corona-Krise hätten sich die Anleger mehrheitlich für günstige Zukäufe entschieden. „Insgesamt deuten die Umfrageergebnisse darauf hin, dass die Anleger den Mut nicht verloren haben. Sie gehen überwiegend davon aus, dass die Aktienmärkte trotz der globalen Krise nicht kollabieren werden.“ Für diese Zuversicht spreche auch, dass es die meisten Privatkunden nicht für notwendig erachteten, sich mit Derivaten gegen Kursrückschläge abzusichern, berichtet Cocca.

          Kein gutes Zeugnis für Banken und Berater

          Kein gutes Zeugnis stellen die Privatanleger in dieser Krise hingegen ihren Banken und deren Beratern aus: „Ein großer Teil der Kunden fühlte sich allein gelassen und ist entsprechend unzufrieden“, sagt der Studienleiter. So habe es oft viel zu lange gedauert, bis die Berater auf den krisenhaften Markteinbruch reagiert und sich bei ihren Kunden gemeldet hätten. Vertrauen hätten die Banken insbesondere bei jenen Kunden verloren, die ihre Anlageentscheidungen sowieso selbständig träfen und keine sonderlich enge Beziehung zu ihrer Bank oder ihrem Berater pflegten. Diese Kunden könnten nun erst recht zu dem Schluss kommen, dass nun der Wechsel zu einer preisgünstigen Online-Bank angezeigt sei. „Bei den Privatbanken sollten die Alarmglocken läuten“, warnt Cocca. Um ihre vermögende Klientel nicht zu verlieren, müssten sie neue Kommunikationsinstrumente wie zum Beispiel Videokonferenzen nutzen. So könne man im Ernstfall in kurzer Zeit viele Kunden auf einmal erreichen.

          Dass Kunden, die ihre Anlageentscheidungen bereits vor Beginn der Krise komplett ihrer Bank überlassen haben, zufriedener mit deren Leistung sind, überrascht nicht: Durch die Wiedererholung nach dem Einbruch halten sich die Wertverluste im Depot in Relation zur Gesamtdimension der Krise offenbar überwiegend noch in Grenzen.

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