https://www.faz.net/-gv6-afxoq

Bundestagswahl : „Rot-Grün-Rot     würde den   Euro bewegen“

Eine Regierungsbeteiligung der Grünen um Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock würde die Finanzmärkte nicht mehr erschüttern. Bild: dpa

Ein großer Erfolg der Grünen allein wäre heute kein Schock mehr für die Finanzmärkte, meint Finanzfachmann Andreas Billmeier. Nur Anleihemärkte haben es am liebsten langweilig.

          3 Min.

          Noch etwas mehr als eine Woche bis zur Bundestagswahl – und auch an den Finanzmärkten macht man sich Gedanken, wie sehr diese Richtungsentscheidung die Kurse treiben oder gar zu Turbulenzen führen könnte. Insbesondere Überraschungen gegenüber den Umfragen könnten die Anleihe- und Devisenmärkte bewegen – aber auch eine außergewöhnlich lange und schwierige Regierungsbildung, meint der Ökonom Andreas Billmeier von der Fondsgesellschaft Western Asset, einer Tochtergesellschaft von Franklin Templeton: „Unsicherheit mögen die Finanzmärkte gar nicht; nach der vorigen Bundestagswahl 2017 haben manche Anleger beispielsweise beunruhigt reagiert, als die FDP Ende November die Verhandlungen über die Jamaika-Koalition abgebrochen hat.“

          Die Angst vor dem Patt

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Erwartungen der Finanzmärkte aus heutiger Sicht beschreibt der Finanzfachmann so: Am wahrscheinlichsten sei, dass am 26. September die SPD die stärkste Partei werde, die CDU dahinter liege, die Grünen die drittstärkste Partei würden und dann vermutlich die FDP komme. „Sollte es große Abweichungen von den Polls, also den Umfragen, geben, könnte das Auswirkungen auf die Märkte haben – das wär eine Möglichkeit von handfesten Folgen der Wahl für die Anleger“, sagt der Finanzfachmann.

          Wenn ein Patt zwischen den drei voraussichtlich stärksten Parteien – SPD, CDU und Grüne – zu sehr komplizierten Koalitionsverhandlungen führen sollte, könnte das die Rentenmärkte wie die Aktienmärkte für einige Zeit durchaus belasten, meint Billmeier. Eine Regierungsbeteiligung der Grünen würde die Märkte dagegen nicht erschüttern: „Das ist anders als noch vor einigen Jahren.“

          Mittlerweile sei es auch bei den Investoren am Finanzmarkt eine verbreitete Ansicht geworden, dass eine grüne Wende notwendig sei: „Auch grüne Finanzprodukte haben schließlich mehr und mehr an Bedeutung gewonnen.“ Das Ziel von mehr Klimaschutz sei ja auch unter den meisten Parteien nicht strittig; gerungen werde nur über den Weg und das Tempo: „Als Schreck für die Finanzmärkte, wie einst, haben die Grünen auf jeden Fall ausgedient.“

          Die größte Überraschung für die Finanzmärkte hinsichtlich der künftigen Regierung wäre eine rot-grün-rote Koalition, meint der Finanzfachmann. Diese Koalition habe bei den Buchmachern im Moment allerdings nur eine Wahrscheinlichkeit von 15 Prozent: „Wenn es zu einer solchen Regierungsbildung kommt, könnte das in der Tat sogar den Wechselkurs des Euro bewegen.“

          Laschet oder Scholz? Für Fixed Income ist „boring“ gut

          Der Eintritt der Linkspartei in die Regierung könnte an den Finanzmärkten durchaus gewisse Ängste hinsichtlich stärkerer Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen wecken. „Einen höheren Mindestlohn und irgendeine Form der Mietenbegrenzung könnte es allerdings auch ohne Linkspartei sowieso geben“, meint Billmeier. „Wir halten es für eher unwahrscheinlich, dass die SPD eine solche Koalition mit der Linkspartei am Ende wirklich eingeht, da gibt es doch viele Vorbehalte in der Partei und der breiten Wählerschaft.“

          Anders als die Aktienmärkte seien die Anleihemärkte traditionell keine Freunde spektakulärer Wahl-Nachrichten: „Für Fixed Income gilt, ,boring‘ ist gut: Unter den denkbaren Koalitionen lieben die Anleihemärkte das Langweilige, während die Aktienmärkte schon eher von spannenden Konstellationen profitieren könnten“, sagt Billmeier. In diesem Sinne „langweilig“ könnte zum Beispiel eine stabile Mehrheit für Armin Laschet sein oder auch für Olaf Scholz. „Es gehört zu den Charakteristika dieser Wahl in Deutschland, anders als zum Teil in anderen Ländern, dass ohnehin eine mittlere Linie der Wirtschaftspolitik siegen wird – eine von der wirtschaftsliberalen FDP dominierte Regierung ist genauso unwahrscheinlich wie eine mit einem starken Gewicht der interventionsfreundlichen Linkspartei.“

          Relativ kompliziert könnte die Regierungsbildung werden, da ein Kanzlerkandidat aus heutiger Sicht drei Parteien hinter sich scharen müsse, um regieren zu können – zum ersten Mal auf Bundesebene. Lange Verhandlungen und die damit verbundene Übergangszeit könnten für Unsicherheit an den Märkten sorgen, sagt Billmeier. Etwa, wenn SPD und Grüne zuerst mit der FDP sprächen, aber die Liberalen dann doch merkten, dass die Hürden für eine Koalition mit Rot-Grün zu groß seien, und auf diese Weise die Linkspartei dann doch irgendwie wieder ins Spiel komme.

          „Auch Gespräche zwischen CDU, FDP und Grünen würden nicht einfach werden“, meint der Ökonom. „Womöglich läuft es dann am Ende doch auf ein Bündnis zwischen SPD, CDU und Grünen hinaus“, spekuliert der Finanzfachmann.

          Kompromisse führen zu höheren Ausgaben

          Nach der Wahl werde es eine wichtige Frage werden, wie die neue Regierung mit der Staatsverschuldung und der Schuldenbremse umgehe. „Längerfristig kann die Weichenstellung in dieser Frage sowohl die Anleihemärkte als auch die Devisenmärkte erheblich bewegen. Aber das wird man erst in einigen Jahren richtig merken“, meint Billmeier.

          Unmittelbare Auswirkungen auf die Inflation werde die Bundestagswahl nicht haben, meint der Ökonom. Man könnte sich vorstellen, dass eine expansivere Fiskalpolitik und eine höhere CO2-Bepreisung einer eher linken Regierung über die Zeit Auswirkungen auch auf die Inflationsraten haben könnten – aber auch hier lägen die großen Parteien in ihren Plänen nicht so weit auseinander, dass dies unmittelbar nach der Bundestagswahl die Märkte bewegen könnte.

          „Wir glauben, dass das Zinsniveau unter fast allen möglichen Konstellationen ansteigen wird“, sagt Billmeier. „Einerseits erwarten ein weiterhin relativ hohes Ausgabenniveau, um drei Parteien zur Regierungsverantwortung zu bewegen. Andererseits glauben wir, dass die EZB nächstes Jahr den Fuß etwas vom Gaspedal nehmen und die Anleihekäufe reduzieren wird.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Schüler führt in einer Klasse in Rheinland-Pfalz einen Corona-Schnelltest an sich selbst durch.

          RKI-Zahlen : Corona-Inzidenz bundesweit wieder über 110

          Die Zahl der Infektionen steigt stark an. Das Ende der „epidemischen Lage“ könnte zu einem noch kleinteiligeren Flickenteppich an Maßnahmen führen. SPD-Experte Lauterbach sorgt sich um die Schüler.
          Der Rechtsstreit geht in die nächste Runde: Maike Kohl-Richter fordert als Alleinerbin mindestens fünf Millionen Euro

          F.A.Z. Frühdenker : Millionenstreit um Entschädigung für die Kohl-Witwe

          Die Pandemie scheint immer mehr zur Pandemie der Ungeimpften zu werden. Der Bundesgerichtshof verhandelt mal wieder in der Sache Familie Kohl gegen Autor Schwan. Und das Jugendwort des Jahres 2021 wird verkündet. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.