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Standpunkt : Die EZB setzt ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel

  • -Aktualisiert am

Noch sieht die EZB angesichts der steigenden Inflation keinen Handlungsbedarf. Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank hält an ihrem expansiven Kurs fest – trotz Rekordinflation. Warum? Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          In den vergangenen Monaten ist die Inflationsrate im Euroraum stark gestiegen und hat im November mit 4,9 Prozent den höchsten Wert seit Einführung des Euros erreicht. Glaubt man offiziellen Beteuerungen, so wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihren geldpolitischen Kurs aber keineswegs anpassen. EZB-Präsidentin Lagarde und andere Mitglieder des EZB-Rats versichern bisher regelmäßig, dass die EZB auch in Zukunft ihre expansive Geldpolitik fortsetzen will. Zwar schließt sie nicht aus, die Anleihekäufe zurückzufahren, die Zinsen sollen während des gesamten nächsten Jahres aber nicht angehoben werden.

          Warum aber legt sich die EZB trotz Rekordinflation auf einen weiterhin expansiven Kurs fest? In ihrer Rechtfertigung verweist sie darauf, dass der Anstieg der Inflation vermutlich nur vorübergehend sei, weil die zugrunde liegenden Treiber der Inflation, wie Lieferkettenprobleme, nur kurzfristiger Natur seien. Diese Argumentation ist im Einklang mit den Inflationsvorhersagen der EZB: Laut offizieller Prognose vom September soll die Inflation im vierten Quartal zwar 3,1 Prozent betragen, aber schon im zweiten Quartal 2022 wieder unter 2 Prozent fallen, und zwar ganz ohne eine Änderung des geldpolitischen Kurses.

          Die EZB hat die Inflation früher überschätzt

          Doch wie glaubwürdig sind die Inflationsprognosen, auf die sich die Argumentation der EZB stützt? Zur Klärung dieser Frage lohnt sich ein Blick auf die vergangene Entwicklung der Inflation und die jeweiligen Prognosen. Wie sich zeigt, legen die EZB-Prognosen fast immer nahe, dass das Inflationsziel innerhalb von zwei Jahren erreicht wird. Im Rückblick zeigt sich aber, dass diese Einschätzung regelmäßig zu optimistisch war. So hat die EZB die längerfristige Inflation bis zur Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 in der Regel unterschätzt und seit 2013 tendenziell überschätzt.

          Damit soll nicht gesagt sein, dass die Inflationsprognosen der EZB besonders schlecht sind. Andere Prognosen sind ähnlich ungenau. Die Prognose der Inflation, wie überhaupt der wirtschaftlichen Entwicklung, ist notorisch schwierig. Was aber angesichts der Prognoseleistung in der Vergangenheit überrascht, ist die Vehemenz, mit der die EZB eine Anpassung des geldpolitischen Kurses ablehnt, und zwar nicht zuletzt mit Verweis auf die aktuelle Inflationsprognose.

          Hinzu kommt, dass die EZB ihre Pro­gnosen gegenwärtig in einem Umfeld größter Unsicherheiten erstellt. Tatsächlich verzichtet die EZB seit Juni 2020 wegen der erhöhten Unsicherheit selbst darauf, die Unsicherheit ihrer Jahresprognosen zu quantifizieren, und erstellt stattdessen lediglich alternative Szenarien dafür, wie sich die Inflation bei unterschiedlichen Verläufen der Pandemie entwickeln wird.

          Maßnahmen wirken nur mit Verzögerung

          Es ist unumstritten, dass geldpolitische Maßnahmen nur zeitverzögert auf die Inflation wirken. Schätzungen legen eine Verzögerung zwischen einem halben Jahr und zwei Jahren nahe. Eine sofortige Änderung des geldpolitischen Kurses würde sich demnach frühestens auf die Inflationsrate im Sommer 2022 auswirken. Gerade den langfristigen Prognosen der Inflationsrate kommt daher eine zentrale Bedeutung für die Gestaltung der Geldpolitik zu. Geht man – wie aktuell die EZB – davon aus, dass die Inflation auch ohne geldpolitische Maßnahmen zurückgeht, wäre eine Änderung des Kurses heute sogar kontraproduktiv. Dass aber auch für die nächste Zeit eine Änderung des expansiven geldpolitischen Kurses praktisch ausgeschlossen wird, erscheint uns im Hinblick auf die gegenwärtigen Unsicherheiten und die geringe Präzision langfristiger Inflationsprognosen pro­blematisch. Insbesondere besteht die Gefahr, dass die Inflation anhaltender wird, entgegen den Annahmen der EZB, aber im Einklang mit früheren Erfahrungen.

          In unseren Augen wäre es daher angemessen, Bereitschaft zu signalisieren, den geldpolitischen Kurs grundsätzlich zu ändern, sollte sich die Inflationsentwicklung in den nächsten Monaten nicht deutlich abschwächen. Man kann nur über die Motive der EZB spekulieren, anders zu verfahren: Es ist denkbar, dass die Versicherung der EZB, die Inflation sei befristet, dazu dient, die Inflationserwartungen zu dämpfen. Denn moderate Inflationserwartungen sind für eine funktionierende Geldpolitik hilfreich. Sollten sich die Versicherungen der EZB aber nicht bewahrheiten, könnten sie genau das Gegenteil bewirken. Letztlich setzt die EZB somit ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

          Christian Conrad ist Professor für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität ­Heidelberg.

          Zeno Enders ist Professor für Wirtschafts­politik an der Universität Heidelberg.

          Gernot Müller ist Professor für Geld und ­Währung an der Universität Tübingen.

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