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Zahlungsdienstleister : Wie Adyen vom Wirecard-Skandal profitiert

Für den Adyen-Chef Pieter van der Does läuft es an der Börse derzeit sehr gut. Bild: Adyen

Der Umsatz der niederländischen Unternehmens legte im ersten Halbjahr um mehr als ein Viertel zu. Dass unter dem Strich aber weniger übrig blieb als im vorigen Jahr, liegt kurioserweise an der Kursexplosion an der Börse.

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          Vor kurzem waren sie noch Rivalen in der Abwicklung von Zahlungen, doch die Verhältnisse haben sich in nur einem halben Jahr dramatisch verändert: Während vom einstigen Höhenflieger Wirecard nur noch ein Trümmerhaufen übrig geblieben ist, haben sich im starken Kontrast dazu die Zahlen des ehemaligen Konkurrenten Adyen prächtig entwickelt.

          Antonia Mannweiler
          (mann), Wirtschaft

          Seit Jahresbeginn hat sich der Aktienkurs nahezu verdoppelt mit einem Plus von mehr als 90 Prozent. Die Aktie notiert derzeit bei 1420 Euro. Damit legt Adyen einen Börsenwert von 42 Milliarden Euro auf die Waagschale. Zum Vergleich: Der deutsche Autohersteller Daimler hat eine Börsenbewertung von 44,6 Milliarden Euro. Von den 29 von Bloomberg befragten Analysten empfehlen nur fünf, Adyen-Aktien zu verkaufen. Der Rest rät zum Kauf oder zum Halten. Dabei ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis selbst für einen Wachstumswert noch äußerst hoch mit rund 220, in der Regel schwankt der Wert für diese Unternehmen um die 30.

          Der Finanzdienstleister mit Sitz in Amsterdam, der Zahlungen zwischen Endkunden und Händlern abwickelt, hat sich seit seiner Gründung 2006 zum europäischen Branchen-Schwergewicht entwickelt. Zu den Kunden von Adyen gehören neben Ebay, Uber oder Spotify etwa auch der deutsche Online-Händler Zalando. In diesem Jahr haben vor allem zwei Themen dem Aktienkurs zusätzlichen Rückenwind verliehen: die Corona-Pandemie, die den Trend zum Online-Handel noch einmal verstärkt hat, und der spektakuläre Fall des Aschheimer Zahlungsdienstleisters Wirecard.

          ADYEN N.V. EO-,01

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          Profitiert Adyen durch den Wirecard-Skandal?

          Laut den am Donnerstag veröffentlichten Halbjahresgeschäftszahlen hat Adyen in den ersten sechs Monaten Zahlungen in Höhe von 129 Milliarden Euro abgewickelt – rund ein Viertel mehr als noch ein Jahr zuvor. Auch stieg der Umsatz in der ersten Jahreshälfte um 27 Prozent auf rund 280 Millionen Euro. Die Einnahmen über die Reisebranche sind erwartungsgemäß gesunken, die Zunahme des digitalen Handels hat die Verluste aber mehr als ausgleichen können.

          Zwar vergisst Adyen nie zu betonen, wie sehr der Wirecard-Skandal dem Ruf der Zahlungsdienstleister geschadet habe. So sagt auch Adyen-Chef Pieter van der Does im Gespräch mit der F.A.Z., dass ein betrügerischer „Player“ auf dem Feld schlecht für alle in der Branche sei. Das Unternehmen selbst profitiert jedoch wie kaum ein anderes davon. So seien ehemalige Kunden von Wirecard auf den niederländischen Finanzdienstleister zugekommen, andere habe man selbst angesprochen.

          Das gelte vor allem für die Region Asien und Pazifik. Damit könnte Adyen stärker auf diesem Markt werden, der zusammen mit Lateinamerika noch am wenigsten zum Umsatz beiträgt. Zwar war das Umsatzwachstum in Nordamerika mit 58 Prozent im Vergleich zum Vorjahr am höchsten, doch schon dahinter folgte die Region Asien und Pazifik mit einer Steigerungsrate von 28 Prozent. Van der Does betont jedoch, dass man nur ein paar wenige Händler in der Region hinzugewonnen habe, sie das Gesamtgeschäft aber nicht signifikant beeinflussten.

          Es verwundert dennoch auf den ersten Blick, dass trotz des starken Umsatzwachstums unter dem Strich weniger übrig blieb als noch vor einem Jahr. So ging das Nettoeinkommen im ersten Halbjahr um 15 Prozent auf 78,4 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr zurück. In seinem Halbjahresbericht schreibt Adyen vage, dass sich dies aus der Bewegung anderer finanzieller Ergebnisse ergebe, ausgelöst durch die starke Aktienkursentwicklung. Klarer ausgedrückt, seien für den Rückgang des Nettoeinkommens vor allem sogenannte „Warrants“, also Optionsrechte, verantwortlich, heißt es auf Nachfrage.

          Das amerikanische Online-Auktionshaus Ebay konnte vor gut zwei Jahren solche Warrants von Adyen erwerben unter der Voraussetzung, dass das Unternehmen bei Zahlungsabwicklungen primär auf die Dienste von Adyen zurückgreift. Die Warrants geben Ebay die Möglichkeit, Anteile von Adyen zu einem vorher ausgehandelten Preis zu kaufen. Da der Kurs seit dem Börsengang 2018 nahezu explodiert ist – er kletterte um mehr als 480 Prozent nach oben –, stiegen damit auch die Gewinnmitnahmen von Ebay, sollte das Unternehmen seine Rechte ausüben.

          Das habe Ebay aber noch nicht getan, da das Unternehmen noch nicht das im Vertrag vereinbarte Mindesthandelsvolumen mit Adyen erreicht habe, heißt es von dem Unternehmen mit Sitz in Amsterdam. Das liegt wohl auch daran, dass der Vertrag zwischen Ebay und dem amerikanischen Zahlungsdienstleister Paypal erst kürzlich ausgelaufen ist. Somit handelt es sich laut Adyen um keinen „wirklichen Verlust“, da er noch nicht realisiert worden sei und es in Zukunft auch davon abhänge, welches Handelsvolumen Ebay dem niederländischen Zahlungsdienstleister bringe. Der Vertrag sei in jedem Szenario profitabel.

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