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Aktienrückkäufe und Dividenden : Wenn Unternehmen durch Ausschüttungen ausbluten

  • -Aktualisiert am

Der Autokonzern GM stoppt Aktienrückkäufe und Dividenden. Bild: dpa

Manche Unternehmen verteilen mehr Geld an Aktionäre als sie in Zukunftsinvestitionen stecken. Das schwächt ihre Widerstandsfähigkeit, wie ein Vermögensverwalter kritisiert.

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          Aktienrückkäufe und Dividenden sind international insbesondere im Fall von Unternehmen in die Kritik geraten, die trotz hoher Ausschüttungen öffentliche Hilfen gegen die Corona-Krise in Anspruch nehmen wollen. Tim Garratt, Partner der Vermögensverwaltung Baillie Gifford, kritisiert, dass sich viele Unternehmen durch großzügige Dividenden und Aktienrückkäufe selbst in eine prekäre Finanzlage gebracht hätten.

          Mark Fehr

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Beispiel seien die Fluggesellschaften: Während sie jetzt um Staatshilfe bettelten, hätten sie in den letzten zehn Jahren 96 Prozent ihrer freien Mittel für Aktienrückkäufe ausgegeben. Insgesamt sei in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Aktien im S&P 500 Composite Index von knapp 9 Milliarden auf knapp 8,3 Milliarden gesunken. Es handelt sich dabei um den für den amerikanischen Aktienmarkt repräsentativsten Index.

          Zudem hat Baillie Gifford untersucht, in welchem Umfang Unternehmen Geld für Investitionen und Forschung und Entwicklung (F&E) im Vergleich mit Aktienrückkäufen und Dividenden ausgeben. Für die im weltweiten Index MSCI AWCI notierenden 2500 größten Unternehmen aus Industrie- und Schwellenländern sei das Verhältnis deutlich unter eins gefallen – die Unternehmen haben also mehr Geld an ihre Aktionäre verteilt als sie in Investitionen und F&E gesteckt haben. Während im Jahr 1989 die Investitionen und F&E-Ausgaben noch das 2,5-fache der Dividenden und Aktienrückkäufe ausmachten, liege die Kennzahl seit 2014 im negativen Bereich. Das war seit 2002 bis zum Beginn der Finanzkrise auch schon der Fall gewesen.

          Abwehrkräfte geschwächt

          Dieses Missverhältnis ist laut Garratt der Hauptgrund dafür, dass sich die Unternehmen im Schnitt als so wenig widerstandsfähig erweisen und sich aktuell in so großen Schwierigkeiten befinden. „Viele der Unternehmen, die wir halten, haben jedoch investiert, statt sich – wenig nachhaltig – zu verausgaben“, sagt der Vermögensverwalter. Diese Kandidaten sieht er gut aufgestellt, um nicht nur den Sturm zu überstehen, sondern auch ihren Vorsprung zu festigen. Garratt sieht das auch als Argument für gezielte Investitionen statt breit gestreute Anlagen in den Gesamtmarkt. Er verweist dafür auf eine im Juli 2019 veröffentlichte und von Baillie Gifford finanziell unterstützte Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass nur eine Handvoll Unternehmen überhaupt über einen längeren Zeitraum Wert für Aktionäre geschaffen haben.

          S&P 500

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          Die Studie sollte eigentlich die Frage klären, ob Aktien für Anleger besser abschneiden als amerikanische Staatsanleihen. Laut den Ergebnissen hat mit fast 61 Prozent der größte Teil von insgesamt rund 61.100 Unternehmen in den Jahren von 1990 bis 2018 Wert vernichtet. Ein weiterer Teil von knapp 38 Prozent aller börsennotierten Unternehmen der Welt erwirtschaftete zwar ein Plus für die Aktionäre, jedoch gerade mal soviel, um rechnerisch das Minus der negativ rentierenden Aktien auszugleichen.

          Nur einem winzigen Rest von 1,3 Prozent der globalen Aktien dagegen war der gesamte Netto-Wertzuwachs während des untersuchten Zeitraums zu verdanken. Allein die Hälfte der gesamten Wertsteigerung fiel auf nur 121 Unternehmen zurück. Zu den besten 10 gehörten die amerikanischen Tech-Konzerne Apple, Microsoft, Amazon und Alphabet, gefolgt von den eher traditionellen Vertretern Exxon Mobil, Berkshire Hathaway, Johnson & Johnson, Walmart und Altria. Mit dem chinesischen Tech-Konzern Tencent schaffte es übrigens nur ein nicht-amerikanisches Unternehmen unter die Top Ten.

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