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Was treiben die Banken (6) : Staatsgeld verführt die Banken zum Risiko

Bild: Marcus Kaufhold

Banken gehen nie pleite, weil der Steuerzahler immer einspringt. Mit dieser Garantie kommen sie billiger an Kredite und spekulieren wie wild.

          Banken sind keine ganz normalen Unternehmen. Wenn der Drogist Schlecker pleitegeht, ist zwar überall großes Wehklagen, doch am Ende macht der Insolvenzverwalter das Licht aus. Wenn die Bayern LB oder die Commerzbank zu kippen drohen, kommt der Staat und hilft mit dem Geld des Steuerzahlers.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Allein in Deutschland addieren sich die Kosten der Staatshilfen für Banken im Verlauf der Finanzkrise auf knapp 70 Milliarden Euro; der Löwenanteil ging mit 19 Milliarden an die Hypo Real Estate, dicht gefolgt von 18 Milliarden für die West LB. In den Vereinigten Staaten mussten die Steuerzahler ihre Kreditinstitute mit bis zu 500 Milliarden Dollar retten. Gewinne werden privatisiert (“Bankerboni“), Verluste sozialisiert: Das gilt heute mehr denn je und ist nicht bloß spätmarxistische Polemik.

          Natürlich begründet der Staat den Eingriff nicht mit Mitgefühl für notleidende Banker. Banken seien eben „systemrelevant“, „zu dick“ und „untereinander zu sehr verbandelt“, als dass man sie fallenlassen dürfe. Kippt eine Bank, kippen alle Banken wie Dominosteine, so lautet die Angst: und dann wäre das Finanzsystem am Ende.

          Fremdkapital ist nur deshalb billig, weil der Steuerzahler für die Risiken geradesteht

          Weil Banken stets gerettet werden (Zypern und Island sind die Ausnahme), genießen sie eine implizite Staatsgarantie. Das ist nichts anderes als eine Subvention ihrer Geschäfte durch den Steuerzahler, der als Bürge für alle geplatzten Spekulationen zur Stelle ist. Dies wiederum ermöglicht den Banken, sich billiger zu finanzieren: Die Zinsen, die eine Bank ihren Kreditgebern (reiche Sparer, andere Banken) bezahlen muss, sind niedriger, als sie es wären, wenn der Staat nicht als letzter Bürge bereitstünde. Der Beweis: Die Industrie muss höhere Zinsen für Kredite zahlen als die Banken.

          Das gibt den Banken einen Anreiz, ihre Geschäfte mit viel fremdem statt eigenem Geld zu finanzieren und hohe Risiken einzugehen. Man zecht schließlich auf Rechnung des Steuerzahlers. Banken sagen, Eigenkapital (Aktien) sei teuer. Das ist schiere Propaganda, die verschleiert, dass Fremdkapital nur deshalb billig ist, weil der Steuerzahler für die Risiken geradesteht (während die Aktionäre Kursverluste in Kauf nehmen müssen und deswegen eine höhere Verzinsung erwarten). Eigenkapital ist nicht zu teuer, Fremdkapital ist zu billig.

          Nehmen wir zur Veranschaulichung Melanie, eine erfolgreiche junge Angestellte, die sich ein kleines Häuschen für 300.000 Euro kaufen will. In Folge 2 unserer Serie konnten wir zeigen, dass je weniger Eigenkapital Melanie einsetzt, um so größer die Gewinnchancen werden beim Verkauf des Häuschens. Leider gilt die Regel auch in die andere Richtung: Das Verlustrisiko erhöht sich, je höher die Schulden sind. Im schlimmsten Fall ist das Eigenkapital aufgezehrt; aber die Schulden bleiben. Das Fremdkapital wirkt in beide Richtungen als riskanter Hebel.

          Für Banken ist es attraktiv, als systemrelevant zu gelten

          Angenommen, Melanies reiche Tante Ulla aus Blankenese bekommt Mitleid mit ihrer Nichte und ist bereit, ihren Hypothekenkredit zu garantieren. Damit haben die Hauskreditgeber faktisch kein Risiko, weswegen sie den Zins für das Darlehen von vier auf drei Prozent verbilligen können. In unserer Tabelle lässt sich nachlesen, dass Melanie deshalb für einen Kredit von 270.000 Euro (bei 30.000 Euro Eigenkapital) statt jährlich 10.8oo Euro nur noch 8100 Euro zahlen muss: Mit Tante Ulla im Rücken spart sie 2700 Euro Zinsen. Kann sie nach einem Jahr ihr Haus mit einer Wertsteigerung von fünf Prozent für 315.000 Euro verkaufen, erhöht sich dank Tante Ulla ihr Gewinn auf 36.900 Euro (statt 34.200 Euro).

          Aber auch Melanies Verluste reduzieren sich, wenn sie sich, gestützt auf Tante Ulla, Geld billiger borgen kann. Kein Wunder, dass Melanie auf die Idee kommt, das Haus mit lediglich 10.000 Euro Eigenkapital (statt 30.000) zu finanzieren, sofern Tante Ulla auch für 290.000 Euro einzustehen bereit ist. Sinkt der Wert des Hauses beim Verkauf nach einem Jahr, steigen zugleich die Kosten, die auf Tante Ulla zukommen: Ein Verkaufserlös von 255.000 Euro belastet die arme reiche Tante mit 43.700 Euro (statt „lediglich“ 23.100 Euro bei 30.000 Euro Eigenkapital). Melanie dagegen hat ihr Risiko minimiert und kann die „gesparten“ 20.000 Euro anderweitig rentierlich anlegen. Am besten käme Melanie ganz ohne Eigenkapital davon, sofern Tante Ulla für 309.000 Euro geradezustehen bereit ist (Kredit plus drei Prozent Zins).

          Für die Banken übernimmt Vater Staat die Rolle von Tante Ulla. Nach Berechnungen der „Bank von England“ mindert die implizite Staatsgarantie die Finanzierungskosten der weltgrößten Banken um bis zu einer Billion Dollar pro Jahr. Diese Subvention schlägt sich direkt in den Gewinnen der Banken nieder und nicht selten auch in den Boni der Banker, deren flexibles Einkommen an die Eigenkapitalrendite gebunden ist. Für Banken ist es also attraktiv, als systemrelevant (“too big to fail“) zu gelten; kein Wunder, dass sie bereit sind, viel Geld für Fusionen zu zahlen, um dieses Ziel zu erreichen. Sie kaufen sich gewissermaßen eine Tante Ulla, die ihnen billigere Kredite und Schutz vor Insolvenz bietet.

          Die Konsequenz ist klar: Wenn der Steuerzahler sich weigert, Tante Ulla zu spielen, wird Fremdkapital für Banken teurer. Banken werden dann riskante Geschäfte scheuen und sich mit mehr Eigenkapital vor Verlusten schützen (oder man muss sie dazu nötigen). Im 19. Jahrhundert waren Eigenkapitalquoten von 25 bis 40 Prozent üblich. Dagegen betrug Ende 2012 das Eigenkapital der Deutschen Bank weniger als drei Prozent der Bilanzsumme - genau wie vor der Krise und ähnlich wie bei Lehman Brothers 2008. Darüber dann mehr in den nächsten Beiträgen der Serie.

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