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Was treiben die Banken? (3) : Was macht die Bank mit meinem Geld?

  • -Aktualisiert am

Die Bank legt die Ersparnisse ihrer Kunden an. Bild: Röth, Frank

Das Ersparte kommt nicht in den Tresor: Die Bank nutzt es für riskante Geschäfte. Und zahlt fast keine Zinsen.

          3 Min.

          Als die Sparbüchse gut gefüllt ist, trägt Melanie sie auf die Bank: Dort sind ihre Münzen sicher, so lehren sie die Eltern: Die Bank oder Sparkasse hat dickere Wände, die Schatzkammer dahinter nennt sich Tresor. Und wenn Melanie eines Tages groß ist und sie das Geld zurückhaben will, weil sie dringend ein Eis essen will, dann legt ihr die Bank was oben drauf, das heißt Zins. Dafür gibt’s eine Kugel Schoko extra.

          Georg Meck
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Euro-Krise, genauer gesagt der Pleite Zyperns, ist es zu verdanken, dass diese Erzählung entlarvt wurde als das, was sie ist: Kinderglaube, Illusion. Wer auf der Mittelmeerinsel mehr als 100.000 Euro auf der falschen Bank liegen hatte, hat verloren, und alle Welt hat damit kapiert: Eine Bank schließt die Spargroschen nicht ein, sie gibt sie gleich wieder aus und verleiht das Geld weiter. Womöglich ist es irgendwann weg. Ihr Eis bekommt Melanie in ein paar Jahren nur, wenn ihre Bank solide wirtschaftet, also nicht pleitegeht. Besser die kleine Melanie lernt also schon heute: Sie ist ein Gläubiger - wie jeder, der sein Erspartes einer Bank oder Sparkasse anvertraut. Die Lehre aus Zypern, von Ökonomen zum Modell erhoben, lautet also: Nicht Staaten, somit die Steuerzahler, sollen Banken rauspauken, sondern andere, diejenigen nämlich, die davon zuvor profitiert haben: An erster Stelle die Eigentümer, also die Aktionäre. Danach kommen Anleiheinhaber dran, dann die Sparer; Melanie und all die anderen Gläubiger, sie wären dann ihr Vermögen los.

          Wäre Melanie heute schon groß und richtige Kauffrau, dann müsste sie eine Bilanz aufstellen. Ihr Sparbuch wäre darin ihr Vermögen, als solches stünde es auf der linken Seite der Bilanz, der Aktiva: Das Mädchen hat Forderungen gegen die Bank, weitere Aktiva sind: ihr Fahrrad, ihre Puppen und was sonst noch zusammenkommt im Kinderzimmer. Die Bank wiederum führt Melanie in ihrer Bilanz auf der Passivseite: Unter den vielen Schulden, die sie hat, findet Melanie sich unter dem Posten „Verbindlichkeiten gegenüber Kunden“.

          Banken haben einen Größenvorteil

          Melanie hat ihre Spardose getauscht gegen den Anspruch, dass die Bank das Geld eines Tages zurückbezahlt, mit welchen Münzen auch immer. Das Kind hat der Bank folglich einen Kredit gegeben, auch wenn nicht mal ihr Papa das so nennt: Denn wer verleiht sein Geld für solche Mickerzinsen, wie sie die Banken gerade bieten? Wer gibt Kredit, wenn er für das Risiko des Ausfalls keine oder kaum eine Prämie bekommt? Wäre Melanie sich dieses Risikos bewusst, würde sie ihre Spardose vielleicht anderen anvertrauen, der Opa wäre wahrscheinlich kreditwürdiger, oder sogar der Nachbarjunge. Mehr Zins bekäme sie von Leuten, die dringend Kredit brauchen, etwa der Mann von der Eisdiele, der etwas anzufangen weiß mit dem Geld, der es investiert - und deshalb angewiesen ist auf einen Darlehensgeber. Die Bank wiederum lebt von der Differenz, zwischen dem, was der Eismann an Zinsen abdrückt, und dem, was sie Melanie bietet. Würden die beiden sich kurzschließen, ginge der Bank Geschäft verloren.

          Woher aber weiß Melanie, wie zuverlässig der Eismann ist? Es würde Zeit und Geld kosten, dessen Kreditwürdigkeit zu prüfen, für kleine Beträge lohnt sich der Aufwand kaum. Banken haben da einen Größenvorteil, das spart Kosten und macht Darlehen billiger, zumindest in der Theorie.

          Null-Komma-nix-Zinsen

          Darin besteht der volkswirtschaftliche Nutzen der Bank: Sie versorgt die Wirtschaft mit Geld, effizienter und günstiger als alle Melanies der Welt das je könnten. Das System funktioniert so lange, wie das Mädchen ihre Sparbüchse in der Bank gut aufgehoben glaubt. Hat sie daran Zweifel, so droht das, was die Fachwelt „Bank run“ nennt: Die Sparer stürmen die Bank, sie stellen ihren Kredit fällig, aus Angst, sie bekommen ihr Geld sonst nicht zurück. Im Amerika der 30er Jahre, in der großen Depression, musste deshalb eine Bank nach der anderen schließen. Um die Panik zu stoppen, hat die Regierung am 6. März 1933 deshalb einen nationalen „Bankfeiertag“ beschlossen, als Lehre wurde danach eine Versicherung für die Sparer eingeführt - die „Einlagensicherung“, die heute in den meisten Staaten der Welt existiert: Geht eine Bank pleite, ist das Vermögen nicht verloren, der Staat oder die anderen Banken im Club stehen für den Kredit bis zu einer bestimmten Obergrenze gerade. Auf 100.000 Euro je Sparer bemisst sich in Deutschland der gesetzliche Anspruch auf Entschädigung, darüber hinaus haben die Banken eine freiwillige Einlagensicherung.

          Als im Herbst 2008 verdächtig viele Leute angefangen haben, an Geldautomaten Scheine zu ziehen, sah sich die Regierung gezwungen zu handeln: Kanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück garantierten die „Einlagen“ aller Bundesbürger. Was genau sie da garantiert haben, hatten sie nicht bedacht, das fiel ihnen erst hinterher ein. Zum Glück, sonst hätten die Sparer panikartig ihr Vermögen umgeschichtet.

          Stillschweigend vertraut Melanie bis heute auf dieses Versprechen, davon profitiert die Bank, sie speist sie mit Null-Komma-nix-Zinsen ab. Wäre das nicht der Fall, würde die Sparerin das Risiko „einpreisen“, das heißt: Man würde mehr Prämie von der Bank verlangen: Je unsicherer der Kreditnehmer, desto mehr Zins verlangt der Gläubiger. So aber, dank der Einlagensicherung, spart die Bank den Risikoaufschlag. Das Versprechen des Staates, für die Schulden der Bank notfalls geradezustehen, ist für die bares Geld wert - eine Art Subvention des Steuerzahlers, also Melanies Papa, die unter den Aktionären und Angestellten der Bank aufgeteilt wird.

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