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Was treiben die Banken? (1) : Da schau her: Die Banker sind nackt

  • -Aktualisiert am

Bild: Getty Images

Vergessen Sie alles, was Sie über Banken gehört haben: Das Geschäft ist gar nicht so kompliziert. Sie leihen sich Geld und verleihen es weiter. Das ist gefährlich.

          4 Min.

          Mit Bankern ist es wie mit Ärzten. Sie sprechen eine Sprache, die außerhalb ihrer Branche kein Mensch versteht. Hybridkapital, Tier 2, Basel III, Hedge, Value at Risk, Zero-Bond - das sind nur ein paar Begriffe, die in den Banktürmen ganz selbstverständlich verwendet werden, außerhalb aber nur Stirnrunzeln hervorrufen. Wie die lateinischen Fachbegriffe der Ärzte, so dient auch das Vokabular der Banker dazu, sich abzugrenzen. Sie zeigen: Seht her, es ist so kompliziert, was ich mache - also mischt euch da besser nicht ein.

          Nun hat die Finanzkrise gezeigt, dass das nicht gutgeht. Seither heißt es: Kauf kein Finanzprodukt mehr, das du nicht verstehst. Und eigentlich auch: Vertrau keiner Bank mehr, deren Geschäft und Risiken du nicht verstehst. Aber wer versteht schon Banken? Wer ihre Geschäftsberichte liest oder ihren Vertretern bei öffentlichen Auftritten zuhört, der bekommt rasch den Eindruck, dass er durch Milchglas auf die Branche blickt. Alles so undurchschaubar.

          Selbst die Regulierer scheinen die Branche fürchterlich kompliziert zu finden. Oder müssten sie sonst Regelwerke erlassen, die Regale voller Aktenordner füllen? Dabei ist es gar nicht so schwierig zu verstehen, was Banken tun und wieso das gefährlich werden kann. Es braucht dafür noch nicht einmal Mathematik. Im Grunde ist es so: Banken leihen sich Geld und verleihen es weiter. Ihr Kerngeschäft ist der Kredit. Auf der Aktiva-Seite der Bankbilanz stehen dabei die Kredite, die sie etwa an Hausbauer oder Unternehmen vergeben hat und für die sie jetzt und in Zukunft Zinsen kassiert.

          Konto wirkt wie ein Kredit

          Auf der Passiva-Seite stehen die Kredite, die sie bekommen hat - etwa von anderen Banken oder eben von den Menschen, die bei der Bank ein Konto haben. Ein Konto ist zwar im engen Wortsinn kein Kredit, wirkt aber wie einer. Der Inhaber leiht sein Geld zeitweise der Bank - unter der besonderen Bedingung, dass er es jederzeit kurzfristig zurückfordern kann. Ein Konto ist also wie ein Kredit mit einer besonders kurzen Laufzeit, der sich automatisch verlängert.

          Die einfachste Bank, die wir uns vorstellen können, hat folgendes Geschäftsmodell: Sie leiht sich Geld von den Kunden, die ein Konto bei ihr haben, und verleiht es weiter an Menschen, die ein Haus bauen, oder Firmen, die investieren wollen. Damit bietet sie der Wirtschaft etwas, das ohne sie deutlich schlechter funktionieren würde. Sie führt Kreditgeber und -nehmer zusammen, und sie verhandelt die Konditionen für sie. Zudem kann sie die Kreditwürdigkeit einzelner Kreditnehmer besser prüfen, als es der einzelne Kleinsparer könnte.

          Bei dieser einfachen Bank basiert das ganze Geschäftsmodell darauf, dass sie etwas tut, das Banker Fristentransformation nennen. Sie beschafft sich Geld, das schnell von den Eignern wieder zurückverlangt werden kann. Sie verleiht das weiter in Form von Krediten, die sich häufig über Jahre oder Jahrzehnte strecken. Der Kreditnehmer, der Hauskäufer etwa, zahlt sein Haus selten schon in fünf Jahren ab. Der Kreditgeber aber, der Kontoinhaber, kann sein Geld problemlos innerhalb von wenigen Tagen der Bank entziehen und anderswo anlegen.

          Blitzschnell insolvent

          Und damit sind wir bei den Gefahren, die schon der einfachsten Bank innewohnen. Wer Geld kurzfristig aufnimmt und langfristig wieder verleiht, kann gut verdienen, solange alles gut läuft. Denn für kurzfristige Kredite muss man weniger Zinsen zahlen als man für langfristige bekommt. Doch es gibt das Risiko, dass die Kreditgeber der Bank, die Kontoinhaber, ihr Geld plötzlich abziehen, wenn ihnen etwas nicht passt. Dann ist die Bank blitzschnell insolvent.

          Das kann etwa passieren, wenn die Zinsen einer Volkswirtschaft über ein paar Jahre hinweg deutlich steigen. Dann steigen nämlich auch die Zinsen, die die Bank fürs Tagesgeldkonto ihres Kunden zahlen muss - oder er wandert ab zur Konkurrenz. Was aber dummerweise nicht parallel steigt, sind die Zinsen, die der Hausbauer zahlt, der von der Bank vor Jahren einen Kredit bekommen hat. In solch einem Fall gerät die Bank über kurz oder lang in eine Klemme. Denn irgendwann muss sie höhere Zinsen zahlen, als sie hereinbekommt. Das kann in die Insolvenz führen.

          Ebenfalls höchst gefährlich ist es, wenn sich das, wofür der Kredit gegeben wird, als keine gute Investition erweist. Wenn etwa die Hauspreise in einer Region, wo die Bank viele Immobilienkredite vergeben hat, sinken. Dann zahlt der Kreditnehmer ein Haus womöglich jahrzehntelang zu einem mittlerweile völlig überhöhten Wert ab. Solange er das tut, gibt es wenig Probleme. Die Frage lautet: Wird er das dauerhaft tun? Wenn nämlich nicht, dann hat die Bank zwar ein Haus, auf das sie zurückgreifen kann. Aber das ist deutlich weniger wert als ursprünglich angenommen. Die Bank verliert.

          Hoch gefährliche Sache

          Schlimm wird es, wenn viele Hauseigentümer sich auf einmal ihr überteuertes Haus nicht mehr leisten können (etwa weil parallel die Wirtschaft einbricht und viele ihre Stellen verlieren) oder wollen. Dann kann es für die Bank schnell existenzbedrohend werden. Wie in der Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008. Hinter all den komplizierten Produkten, die dort für das Wanken der Banken sorgten, steckten nämlich simple Kredite an amerikanische Hausbauer - die nicht mehr entsprechend der ursprünglichen Konditionen bedient wurden, weil die Hauspreise auf breiter Front sanken.

          Das zeigt: Das Geschäft mit Krediten, ein scheinbar so einfaches und berechenbares Instrument, ist eine hoch gefährliche Sache. Schon dieses Kerngeschäft der einfachen Sparkasse ist pure Spekulation. Und genau deshalb riskant. Natürlich beschafft sich eine moderne Bank ihr Geld nicht nur über Girokonten. Und sie gibt es auch nicht bloß in Form von Krediten an Privatpersonen und Firmen weiter. Aber die meisten der weiteren Geschäfte, die eine Bank macht, funktionieren auch nicht groß anders.

          Geld wird eingesammelt auf vielfältige Weise: Fonds, Tagesgeld, Festgeld, Kredite von anderen Banken. Und Geld wird vergeben, um es möglichst irgendwann mit Gewinn zurückzubekommen: als Hauskredit, als Investition in Aktien, Staatsanleihen oder auch in komplizierte Wertpapiere wie CDS und ABS. Vieles, was die vielgescholtenen Investmentbanker an ihren Bildschirmen in London, Tokio und New York tun, mag riskant sein. Doch es geht auch dort vor allem darum, das kurzfristig von Anlegern bekommene Geld möglichst so weiterzugeben, dass es mehr einbringt, als es die Bank kostet.

          Und wenn eine Bank wirklich arge Probleme hat, dann steckt dahinter meist am Ende ein ganz simples Produkt: ein fauler Kredit oder genauer massenhaft faule Kredite. Das war nicht nur in der Finanzkrise so. Auch die Euro-Krise ist in ihrem Kern eine Überschuldungskrise. Banken haben Staaten Kredit gegeben (über Staatsanleihen), den einzelne Länder auf einmal nicht mehr bedienen können. Siehe da: Auch die Kreditvergabe an Staaten ist kein sicheres Geschäft.

          Die neue Serie der F.A.S.: Was treiben die Banken?

          The Bankers’ New Clothes, die neuen Kleider der Banker, heißt ein Buch der Ökonomen Martin Hellwig und Anat Admati (Princeton University Press, 18,95 Euro), in dem diese die Bankenwelt entzaubern.

          Das Buch hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung für eine neue Serie inspiriert: In zehn Folgen sollen die wichtigsten Themen zum Verständnis des Geschäfts und der Risiken der Finanzwelt beschrieben werden.

          Los geht es in dieser Woche mit einem Beitrag darüber, dass Bankgeschäft ursprünglich Kreditgeschäft ist, auch wenn es oft in einem ganz anderen Gewand daherkommt.

          Nächste Woche beschäftigen wir uns damit, was eigentlich genau passiert, wenn jemand einen Immobilienkredit erhält. (“Immobilienkredite - Melanie finanziert ein Haus“)

          In weiteren Folgen werden die Funktion von Eigen- und Fremdkapital für Banken beschrieben, die Rolle von Sparern und Gläubigern sowie Maßstäbe für den Erfolg von Banken. sibi.

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