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Nach der Wahl : Was könnten Anleger jetzt tun?

  • Aktualisiert am

Amerika beschäftigt die Finanzmärkte. Bild: dpa

Erst einmal einen kühlen Kopf bewahren, meinen Finanzprofis. Sie sehen sowohl in Amerika als auch in Europa jetzt Rendite-Chancen: Unter anderem könnten Auto- und Industrieaktien profitieren.

          3 Min.

          An vielen Aktienmärkten auf der Welt sind am Donnerstag die Kurse gestiegen. Und das, obwohl das Ergebnis der Wahl noch gar nicht feststeht. Was können Anleger jetzt machen? Sollten sie der euphorischen Stimmung an den Börsen misstrauen oder lieber mutig einsteigen? 

          Finanzprofis reden jetzt erstaunlicherweise erst einmal die Bedeutung der Wahl herunter. Stephen Dover von der Fondsgesellschaft Franklin Templeton, meinte, der Ausgang der Wahl sei speziell für den amerikanischen Markt nicht so entscheidend, viel wichtiger werde der weitere Verlauf der Pandemie.

          Heute sei viel Unsicherheit aus dem Markt genommen worden, meinte hingegen Scott Glasser, Chefanlagestratege bei Clear Bridge Investments. Obwohl das Ergebnis der Wahlen noch nicht eindeutig feststehe, sehe es so aus, dass es unterschiedliche Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus geben werde. Trotzdem hätten sich die Aktienmärkte auch bei solchen Konstellationen immer gut entwickelt, meinte Glasser. In Zeiten, als es einen demokratischen Präsidenten und einen geteilten Kongress gegeben habe, seien die Märkte empirisch im Durchschnitt um etwa 13 Prozent pro Jahr gestiegen: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es dieses Mal anders sein wird.“

          Renditevorteil Amerika

          „Wer hätte das gedacht“, meinte Dirk Steffen, Leiter Kapitalmarktstrategie im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank. Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Joe Biden und Donald Trump sei nach wie vor nicht entschieden, doch die Aktienmärkte lieferten trotzdem ein regelrechtes Kursfeuerwerk.  „Die Kapitalmärkte denken einige Schritte weiter“, sagte Steffen. Ein wohl weiterhin gespaltener Kongress verhindere die Umsetzung größerer Veränderungen. „Höhere Steuern und schärfere Regulierung könnten auch unter Präsident Biden am Senat scheitern, und am Ende haben wir ja immer noch die amerikanische Notenbank.“

          Während sich Amerika erhole, dürfte der Markt in den Vereinigten Staaten für Anleger im Vergleich zu anderen lokalen Märkten in Europa oder Asien weiterhin einen angemessenen Renditevorteil bieten, meint Christian Hantel, Senior Portfolio Manager von Vontobel Asset Management: „Darüber hinaus sind die Kosten für die Absicherung des Währungsrisikos zurückgegangen.“

          Chancen für Autoaktien

          Für Europa sei die politische Entwicklung zumindest einigermaßen positiv, sagte Jörg Zeuner, Leiter Research und  Investment Strategie der Fondsgesellschaft Union Investment. „Anders als Trump sollte Bidens Präsidentschaft die transatlantischen Beziehung insbesondere zu Deutschland und Frankreich beruhigen, was auch den exportstarken deutschen Unternehmen etwa aus der Automobil- und der Industriebranche helfen dürfte.“

          Letztlich sollten die Märkte zufrieden sein, wenn sich das Szenario „Biden plus gespaltener Kongress“ verwirklicht, meinte Esty Dwek, Chefstrategin beim Vermögensverwalter Natixis Investment Managers. „Wir würden nicht das größtmögliche Hilfspaket bekommen, aber wir würden auch nicht die Steuererhöhungen und die Regulierung bekommen, um die sich die Märkte Sorgen machen.“

          Joe Bidens Haltung zu den großen Technologieunternehmen sei tatsächlich weit weniger ablehnend als häufig angenommen, meint Marko Behring, Leiter Asset Management der Fürst Fugger Privatbank. Während der demokratischen Vorwahl habe er sich explizit nicht den Stimmen angeschlossen, die eine Zerschlagung der großen Tech-Unternehmen forderten. „Stattdessen hielt er die Forderung für verfrüht“, sagte Behring. Dennoch gebe er zu, dass die Durchsetzung des Kartellrechts in der Vergangenheit nicht ausreichend gewesen sei und dass Technologiefirmen stärker von den Bundesbehörden überwacht werden sollten. „Wir glauben jedoch nicht an eine Zerschlagung der Big-Techs unter Biden - dazu tritt er zu gemäßigt auf.“

          Kühlen Kopf bewahren

          Die Aktienmärkte begrüßten das Ausbleiben der „blauen Welle“ in den Vereinigten Staaten, ein Durchregieren Bidens hätte sie beunruhigt, meint Andreas Hürkamp, Aktienfachmann der Commerzbank. Optimistische Anleger setzten jetzt gleichwohl wieder auf eine verlässlichere Außenpolitik der Vereinigten Staaten, während für Aktien negative Trends wie höhere Steuern und mehr Regulierung in den Sektoren Banken, Energie, Pharma und Technologie ohne Senatsmehrheit der Demokraten unwahrscheinlich geworden seien.

          Anleger hätten kurz nach der Wahl die Gelegenheit, für einen Moment durchzuatmen und sich wieder den wesentlichen Dingen zuzuwenden, die Einfluss auf die langfristige Marktbewegung ausüben, meinen die Fondsmanager von Grüner Fisher Investments. „Für eine erfolgreiche Anlagestrategie ist es nach wie vor notwendig, Emotionen auszublenden und die eigene politische Überzeugung nicht in den Fokus zu rücken.“ Es dürften noch einige turbulente Tage mit aufgeregten Schlagzeilen folgen, deshalb werde der berühmte kühle Kopf im Jahr 2020 weiterhin entscheidend sein.

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