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Corona-Folgen : Was auf Osteuropas Bankenmarkt passiert

Andreas Strobl, Chef der mit Osteuropa verflochtenen österreichischen Raiffeisenbank International, während einer Pressekonferenz im Jahr 2017 Bild: Reuters

Die Pandemie hinterlässt Spuren in einer Finanzregion, die bisher erstaunlich prosperierte. Banken-Volkswirte haben sich die Ursachen und Folgen angeschaut.

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          Die Wirtschaftsleistung schrumpft, und die Arbeitslosigkeit steigt, während eine zweite Welle an Corona-Infektionen über Ost- und Südosteuropa hinwegfegt. Doch die dort tätigen Banken verzeichnen weniger faule Kredite als im Vorjahr, dafür wachsen die Ausleihungen. Der wichtigste Grund liegt auf der Hand: Großzügige staatliche Hilfsprogramme und spendable Notenbanken halten Betriebe und Haushalte auch hier vielfach über Wasser. Doch was, wenn die Programme auslaufen?

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Volkswirte der Raiffeisen Bank International (RBI) haben sich die Lage genauer angeschaut. Sie gehen davon aus, dass die Nachwirkungen der Covid-Krise den osteuropäischen Bankensektor noch bis Ende 2022 beschäftigen dürften. Dabei erwarten sie eine „deutliche und schleichende Verschlechterung der Qualität der Vermögenswerte im Jahr 2021 und möglicherweise darüber hinaus“. Die aktuelle zweite Covid-Welle bringe den Banken zusätzliche Risiken durch Privatkunden und kleine und mittelgroße Unternehmen. Entsprechend erwarten sie einen sprunghaften Anstieg der Kreditausfallraten.

          Ausfälle von bis zu 10 Prozent

          In Ostmitteleuropa kalkulieren sie mit Ausfällen in Höhe von 4 bis 8 Prozent, im Südosten von bis zu 10 Prozent. Das wäre, gemessen an den aktuell von den stark in der Region tätigen österreichischen Instituten Erste Group und RBI genannten Ausfallraten, ein Anstieg um das Drei- bis Vierfache, gemessen an den durchschnittlichen Ausfallraten aller Banken mit 5 bis 6 Prozent im vergangenen Jahr aber eher wenig. Das sorgt daher bei den Beteiligten auch nicht für schlaflose Nächte. Denn selbst im schlimmsten Fall würden „insbesondere die Steigerungen in Südosteuropa weit weniger dramatisch ausfallen als vor zehn Jahren“, heißt es im Raiffeisen-Report. In der damaligen Finanzkrise waren die Banken der Region schwer getroffen, auch weil sie zu wenig Eigenkapital besaßen. Nicht nur Südosteuropa war damals betroffen, wo seither ein Drittel der Banken vom Markt verschwunden ist.

          Internationale Finanzinstitutionen und Banken hatten sich im Jahr 2009 in der „Wiener Initiative“ zusammengefunden, um die Stabilität des Finanzsektors in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu sichern. Den Koordinierungszirkel gibt es immer noch, aber er hält, so berichten Eingeweihte, weitgehend die Füße still. Denn die Finanzinstitute haben anders als in der Krise vor zehn Jahren genug Kapital angesammelt.

          „Es ist derzeit nicht zu erkennen, dass der Finanzsektor große Probleme haben wird“, sagt Mario Holzner, der Leiter des Wiener Instituts für Wirtschaftsvergleiche – trotz des Einbruchs von 4,5 Prozent, den er für dieses Jahr in der Region prognostiziert und dessen Folgen er erst im übernächsten Jahr ausgebügelt sieht.

          Robert Holzmann, der Gouverneur der österreichischen Notenbank, hatte dieser Tage auf einer Konferenz seiner Bank auf den beträchtlichen Anteil der EU-Unterstützung in der Bekämpfung der Pandemiefolgen in vielen Staaten Osteuropas hingewiesen. Wirtschaftsforscher Holzner wiederum erinnert an den durch Niedrigzinsen der Europäischen Zentralbank ausgelösten „riesigen Spillover nach Mittel- und Osteuropa, der die Zinsen niedrig hält und Massenausfälle weniger wahrscheinlich macht“. Zwar garantiere das nicht, dass es zu keiner Finanzkrise komme, „aber bisher befinden wir uns noch nicht in einem Szenario wie 2009“.

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