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Umfrage : Was Aktionäre an Online-Hauptversammlungen stört

Werner Baumann auf der ersten Online-Hauptversammlung Bild: dpa

Im Corona-Jahr haben fast alle großen deutschen Unternehmen ihre Hauptversammlungen virtuell abgehalten. Aktionärsvertreter fordern Nachbesserungen.

          3 Min.

          Die Hauptversammlung im Jahr 2020 sah in diesem Jahr meist so aus: Die Aktionäre sitzen zu Hause vorm Computerbildschirm und lauschen den Reden von Aufsichtsrat und Vorstand per Videokonferenz. Wenn jemand Fragen stellen wollte, musste er sie vorher per Mail einreichen. Zu mehr oder weniger sinnvollen Themenpaketen zusammengefasst kamen dann die vorgefertigten Antworten der Vorstände zurück. Nachfragen? Fehlanzeige. Spontane Fragen, die sich aus dem Gesagten ergaben, waren in der Regel auch nicht möglich.  Nachdem in diesem Jahr fast alle großen deutschen Unternehmen ihre Hauptversammlungen online abgehalten haben, fordern Aktionärsschützer nun für das nächste Jahr Nachbesserungen. 

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Weil bei den jährlichen Aktionärstreffen in der Regel Tausende Menschen zusammenkommen, hatte der deutsche Gesetzgeber wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr erstmals erlaubt, Hauptversammlungen auch ohne vorherige Satzungsänderung online abzuhalten. Weil die Lage unsicher bleibt, verlängerte die Bundesregierung die Sonderregelung bis Ende 2021.

          In diesem Jahr haben 90 Prozent der deutschen Unternehmen, die in den großen Aktienindizes gelistet sind, ihre Jahrestreffen mit den Aktionären online über Videokonferenzen ab, wie eine am Dienstag vorgestellte Untersuchung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ergab. Dabei habe es eine ganze Reihe von Schwächen gegeben: „Folgen dieser Notstandsgesetze waren oft die Schwächung des Rede- und Fragerechts der Aktionäre sowie der verantwortungsvollen Ausübung ihres Stimmrechts“, sagte die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der DSW, Jella Benner-Heinacher, anlässlich der Vorstellung der Studie. „Nur auf den Aktionärstreffen kann es zu einem echten Austausch zwischen Management und Anteilseignern kommen.“

          Aktionäre wollen Präsenztreffen zurück

          Gemeinsam mit der europäischen Anlegerschutzvereinigung Better Finance hat die DSW analysiert, welche Erfahrungen dieses Jahr in verschiedenen Staaten mit Hauptversammlungen ohne Aktionärspräsenz gemacht wurden. Dafür wurden in mehreren europäischen Ländern über die jeweiligen Aktionärsvereinigungen Anleger und deren Vertreter befragt.  „Die Meinung der Aktionäre und ihrer Vertreter ist in dieser Hinsicht sehr klar“, sagte Benner-Heinacher. “Eine überwältigende Mehrheit beider Gruppen zieht es vor, die Präsenz-Hauptversammlung beizubehalten oder mit virtuellen Komponenten als Hybrid-Hauptversammlung zu kombinieren.“

          Beide Modelle hätten ihre Stärken und ihre Schwächen. Vorteile der Online-Versammlungen seien unter anderem, dass sie von Aktionären aus aller Welt leicht erreicht werden könnten. Die Teilnahme sei kostengünstiger und mit weniger Zeitaufwand verbunden. Auch könnten die Veranstaltungen - sofern sie aufgezeichnet werden – noch im Nachhinein abgerufen werden. Ein großer Nachteil sei aber, dass Personen ohne Internetzugang oder mit schlechten IT-Kenntnissen an virtuellen Hauptversammlungen nicht oder nur mit Schwierigkeiten teilnehmen könnte. „Zudem geht ein wesentlicher Teil der Hauptversammlung, nämlich die Diskussion, bei der Online-Variante verloren“, sagte Benner-Heinacher.

          Nachfragen sind ein Muss

           Auf der anderen Seite seien auch die klassischen Präsenz-Veranstaltungen für viele Aktionäre nicht leicht erreichbar. Zudem seien sie zeitaufwändig und kostenintensiv. Ein großer Vorteil der Präsenz-Versammlungen sei ihre Transparenz: Sowohl die Fragen der Aktionäre als auch die Antworten des Vorstands können von allen Teilnehmern gehört werden. Um eine Mischung aus beiden Formaten zum Zukunftsmodell für EU-börsennotierte Unternehmen zu machen, müssten die Schwächen von beiden Varianten behoben werden, forderte Benner-Heinacher.

          Schon die Frage, ob eine Hauptversammlung rein virtuell abgehalten wird, sollte durch eine Satzungsänderung von den Aktionären und nicht von der Verwaltung des Unternehmens entschieden werden. Im Falle einer Misch-Veranstaltung müsste für die Aktionäre dann sichergestellt werden, dass sie gleichberechtigt behandelt werden, gleich ob sie virtuell oder vor Ort daran teilnehmen.  Wichtig sei, dass jeder Aktionär das Recht behalte, Fragen zu stellen, aussagekräftige Antworten zu erhalten, nachzufragen, und die Abstimmungsentscheidung dann auch auf Basis des Verlaufs der Hauptversammlung fällen zu können. Bei vielen virtuellen Hauptversammlungen hatten die Unternehmen nur vorweg eingesandte Fragen beantwortet und diese dann zu Themenpaketen zusammengefasst beantwortet. Nachfragen von Aktionären waren oft nicht möglich.

          Rocket Internet als dramatischer Fall

          Als „besonders dramatisch“ bezeichnete Benner-Heinacher den Wegfall der Möglichkeit des direkten Austausches, wenn mit den Entscheidungen auf einer reinen Online-Veranstaltung  massive Einschnitte für die Aktionäre auf den Weg gebracht würden. Als Beispiel aus der abgelaufenen Saison nannte sie die Hauptversammlungen von Axel Springer und Comdirect, auf denen ein sogenanntes Squeeze Out, also der zwangsweise Rauswurf der noch verbliebenen freien Aktionäre, beschlossen werden sollte. Rocket Internet wiederum habe auf der Online-Hauptversammlung Maßnahmen beschließen lassen, die zum Abschied von der Börse führen werden. „Die Abstimmung über solch einschneidende Entscheidungen auf die Tagesordnung einer rein virtuellen Hauptversammlung zu setzen, auf der es keinerlei Diskussion gibt und zudem das Frage- und Auskunftsrecht der Anteilseigner extrem eingeschränkt ist, zeigt ein Verständnis von Aktionärsdemokratie, das wir nicht nachvollziehen können“, sagte Benner-Heinacher.

          In ganz Europa hielten der Studie zufolge zwei Drittel der Unternehmen ihre Hauptversammlung 2020 rein als Online-Veranstaltung ab. In Frankreich waren es sogar 100 Prozent und in Großbritannien 95 Prozent.

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