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Russischer Aktienmarkt : Russische Unternehmen streben wieder an die Börse

Mit einer härteren Corona-Welle als je zuvor sind die meisten Geschäfte zwar geschlossen, an der russischen Börse ist davon jedoch nichts zu merken. Bild: dpa

Die Corona-Pandemie trifft die russische Bevölkerung gerade so hart wie nie – an der Börse ist davon allerdings nichts zu spüren. Nach Jahren mit wenigen oder gar keinen Börsengängen aus Russland geht es langsam wieder los.

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          An der Moskauer Börse deutet nichts darauf hin, dass in Russland derzeit die schlimmste Corona-Welle seit Ausbruch der Pandemie wütet. Im Gegenteil: Der in Rubel denominierte Leitindex Moex überstieg im Oktober erstmals in seiner Geschichte die Marke von 4000 Punkten; seit Jahresbeginn hat er gut 27 Prozent hinzugewonnen.

          Katharina Wagner
          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Zu Beginn der Pandemie, im Frühjahr 2020, war das anders, da brachen auch in Moskau die Kurse ein. Doch weil auf einen ersten, harten Lockdown mit Ausgangssperren lange Zeit keine weiteren Maßnahmen folgten und der Pandemie weitgehend freier Lauf gelassen wurde, erholte sich die russische Wirtschaft in Folge des globalen Aufschwungs recht schnell. Für die russischen Leitindizes, in denen Öl- und Gaskonzerne stark gewichtet sind, spielen aber insbesondere die globalen Rohstoffpreise eine Rolle, deren Rekordanstieg in diesem Jahr den Moex und sein in Dollar berechnetes Pendant, den RTS-Index, mit in die Höhe zog: Der RTS-Index hat seit Jahresbeginn um fast 34 Prozent zugelegt.

          Die Anleger kehrten aber auch deshalb an die Moskauer Börse zurück, da ihre traditionell große Angst vor neuen Sanktionen zuletzt in den Hintergrund getreten ist und der russische Aktienmarkt mit seiner stabilen Währung, einer im Vergleich komfortablen Schuldenlast der Emittenten und hohen Dividendenrenditen als attraktiv gilt – insbesondere in Zeiten wie diesen, da viel billiges Geld im Umlauf ist.

          Russland meldet sich an der Börse zurück

          Der Aufschwung der Moskauer Indizes hat nach Jahren der Zurückhaltung eine ganze Reihe von Börsengängen russischer Unternehmen veranlasst, sowohl in Moskau als auch im Ausland. Gerade erst absolvierte die russische IT-Firma Softline ihren Börsengang in London; im ersten Halbjahr dieses Jahres gingen die Holzverarbeitungsgruppe Segezha und die private Krankenhauskette EMC in Moskau an die Börse; der Discounter Fix Price wählte die Doppelbewertung in London und Moskau: Mit einem Erlös von beinahe 2 Milliarden Dollar war der Börsengang der Billigsupermarktkette der größte seit Verhängung der westlichen Sanktionen gegen Russland wegen der Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2014.

          Russlands Unternehmen erholten sich vergleichsweise schnell vom Corona-Tief.
          Russlands Unternehmen erholten sich vergleichsweise schnell vom Corona-Tief. : Bild: Bloomberg/F.A.Z.-Grafik niro.

          Seit damals hatte es nur wenige russische Börsengänge gegeben; im Jahr 2018 zum Beispiel keinen einzigen. Im Oktober vergangenen Jahres hatte dann mit der Staatsreederei Sowkomflot zum ersten Mal seit drei Jahren ein Unternehmen einen größeren Börsengang gewagt; bald folgte der Onlinehändler Ozon an der New Yorker Nasdaq. Nun planen etliche weitere Unternehmen ihr Debüt, darunter das Carsharing-Unternehmen Delimobil, die Immobiliensuchplattform Cian und der Lebensmittelhändler Wkuswill.

          Derzeit profitieren an der Moskauer Börse nicht nur Öl- und Gaskonzerne, sondern auch Banken. So gewannen die Aktien des Mutterkonzerns der erfolgreichen Onlinebank Tinkoff seit Anfang des Jahres beinahe 220 Prozent an Wert, die der VTB-Bank um gut 41 Prozent. Die höheren Einnahmen aus den Exporten dank steigender Rohstoffpreise verbesserten die „ohnehin soliden“ finanziellen und wirtschaftlichen Rahmenwerte Russlands, sagte Dmitrij Babin, Analyst der Anlagegesellschaft BKS Mir Investizii, der Zeitung Kommersant. Das stärke die Verbraucher- und Geschäftsaktivität, was wiederum die Gewinne der Banken erhöhe.

          Neue Corona-Maßnahmen verlangsamen Erholung

          Zusätzlich werden die Geldhäuser aber von einer Verschärfung der Geldpolitik durch die russische Zentralbank gestützt: Mitte Oktober hob der Regulator den Leitzins entgegen den Erwartungen überraschend deutlich um 0,75 Prozentpunkte auf 7,5 Prozent an. Kurz zuvor hatte Präsident Wladimir Putin angesichts neuer Rekorde der Coronainfektions- und Totenzahlen zum ersten Mal seit dem Frühjahr 2020 deutliche Einschränkungen angeordnet; diese Woche sind die meisten Geschäfte geschlossen, Restaurants und Cafés dürfen nur Speisen zur Mitnahme anbieten, viele Angestellte befinden sich im Sonderurlaub, den die Unternehmen zu bezahlen haben.

          Wegen der Folgen dieser neuen Maßnahmen für die Wirtschaft, deren Erholung sich zuletzt ohnehin verlangsamt hatte, hatten viele Analysten erwartet, dass die Zentralbank vorsichtiger agieren würde. Zentralbankchefin Elwira Nabiullina erklärte ihr Vorgehen indes mit der anhaltenden Inflation, die nach Schätzung des Regulators in diesem Jahr im Durchschnitt zwischen 7,4 und 7,9 Prozent betragen wird und damit deutlich über dem Zielwert von etwa 4 Prozent, während die Wirtschaft um 4 bis 4,5 Prozent wachsen soll. Auch die Corona-Maßnahmen treiben in den Augen der Zentralbank die Preise weiter in die Höhe, da die Nachfrage dadurch kaum sinke, die Produktion aber wegen Betriebsschließungen verlangsamt werde.

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          Für den Aktienmarkt jenseits der Banken ist die Entscheidung Nabiullinas ein schlechtes Signal: In der vergangenen Woche fiel der Moex-Index ab, liegt aber weiter deutlich jenseits der 4000 Punkte. Einer der Gründe für die zuletzt gezeigte Schwäche sei der Anstieg der Zinsen infolge der Zentralbankentscheidung, da so Unternehmensanleihen attraktiver würden als Aktien, schrieb Wassilij Karpunin, Analyst des Investmentunternehmens BKS Express, am Montag. Dennoch gehen viele Analysten davon aus, dass der russische Aktienmarkt zumindest in den nächsten Monaten noch von den hohen Rohstoffpreisen und der lockeren Geldpolitik westlicher Notenbanken profitieren dürfte.

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