https://www.faz.net/aktuell/finanzen/warum-muetter-ihr-eigenes-geld-verdienen-sollen-17841047.html

Beruflich erfolgreiche Frauen : Warum Mütter ihr eigenes Geld verdienen sollen

Eine Familie im Sonnenuntergang auf der dänischen Ferieninsel Rømø (Symbolbild) Bild: picture alliance / ZB

Frauen, die ein gutes Einkommen haben, sollten nicht kürzer treten, wenn sie Kinder bekommen. Das kann sich rächen – mehr noch als unsichere Lagen an den Finanzmärkten.

          5 Min.

          Liebe Anleger, werte Narren! Erinnern Sie sich, was vor zwei Jahren geschehen ist? Damals ist Corona ausgebrochen. Und wissen Sie noch, was vor zwei Jahren mit dem Kurs der deutschen Aktien passiert ist? Der Dax stand am 28. Februar 2020 bei 11.890 Punkten, und in den folgenden Tagen ging’s steil bergab. Der Index fiel bis zum 18. März 2020 auf 8442 Punkte. Das war ein Minus von 29 Prozent, und kein Mensch wusste, wie es weitergehen würde. Heute wissen wir, dass der Dax gestiegen und gestiegen und gestiegen ist. Im November des vergangenen Jahres kletterte er zum ersten Mal über 16.000 Punkte.

          Volker Looman
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Nun hat Russland in der vergangenen Woche die Ukraine überfallen, und der Dax ist in der vergangenen Woche auf 14.000 Punkte gefallen. Das ist zwar ein Gewinn von 18 Prozent im Vergleich zum Frühjahr 2020, aber ein Verlust von 13 Prozent im Vergleich zum Herbst 2021. Seither steht mein Telefon nicht mehr still. Die Leute wollen wissen, wie es weitergehen wird, was sie mit ihren Aktien machen sollen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie die Zukunft aussieht, doch ich kann Ihnen sagen, was Sie mit Ihren schönen Aktien machen sollen, wenn ich weiß, wer Sie sind, wie Sie leben und was Sie wollen, so wie zum Beispiel im folgenden Fall.

          Die Dame, die mich in der vergangenen Woche um (m)einen Blick in die Glaskugel bat, ist 42 Jahre jung. Sie ist von Hause aus Juristin und wohnt im Hessischen. Die Frau berichtete mir, in den vergangenen Jahren rund 110.000 Euro in Aktien gesteckt zu haben. Nun habe sie aber kalte Füße bekommen und wolle aussteigen, weil die Welt in den nächsten Tagen zusammenbrechen werde. Was soll man dazu sagen? Sie wissen ja, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es zuvor gekocht worden ist. Daher glaube ich nicht, dass die letzte Stunde geschlagen hat.

          Chapeau, Madame

          Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Auch mir ist mulmig zumute, was in der Ukraine passiert, doch ich bin mir sicher, dass uns Panik nicht helfen wird. Vor 30 Jahren tobten auf dem Balkan und im Kaukasus grausame Kriege. Russland und Georgien haben sich 2008 bekämpft, und die Krim wurde von Russland vor acht Jahren annektiert. Wir haben diese Kriege überlebt, und unser Geld ist in dieser Zeit nicht wertlos geworden. Folglich kann es doch sein, dass wir auch diesen Krieg überleben werden, und wenn Sie sich wirklich ganz sicher sind, in sieben Tagen ums Leben zu kommen, dann brauchen Sie sich um die Aktien nicht mehr zu kümmern. Oder sehen Sie das anders?

          Ich habe die Dame in ein längeres Gespräch verwickelt, weil ich den Eindruck hatte, dass die Aktien gar nicht das wahre Problem sind, und nach zehn Minuten war ich mir sicher, dass es so ist. Die Anlegerin hat mit 18 Jahren ihr Abitur gemacht. Danach hat sie zehn Semester lang Jura studiert. Sie ist mit 25 Jahren ins Berufsleben eingestiegen und hat in finanzieller Hinsicht alles richtig gemacht. Sie hat sich beruflich glänzend verkauft, wodurch das anfängliche Nettogehalt von 2500 Euro im Laufe der Zeit auf 5000 Euro gestiegen ist.

          Sie hat ihre Ersparnisse vor zehn Jahren in eine selbst genutzte Wohnung gesteckt, die 400.000 Euro gekostet hat. Heute ist die Wohnung rund 500.000 Euro wert, und die aktuelle Restschuld von 100.000 Euro wird in fünf Jahren vom Tisch sein, weil der Kredit jeden Monat mit 2000 Euro getilgt wird. Darüber hinaus hat die Dame eine Rücklage von 40.000 Euro und die Aktien im Wert von 110.000 Euro. Nicht zu vergessen ist die Rente des Versorgungswerkes. Die Einzahlungen der vergangenen 20 Jahre haben vom 67. Lebensjahr an einen Anspruch von 1500 Euro je Monat begründet, und wenn dieser Wert mit 3 Prozent je Jahr kapitalisiert wird, liegt der heutige Wert der Rente bei 120.000 Euro. Das Kontoguthaben, die Rente, die Wohnung und Aktien führen unter dem Strich zu einem Nettovermögen von rund 670.000 Euro, sodass mein Fazit lautet: Chapeau, Madame, bien fait, da kann man nur den Hut ziehen!

          Kein Zuckerschlecken

          Gerne würde ich das Kompliment um ein „Weiter so!“ ergänzen, doch das wird wohl nicht klappen, und damit sind wir beim Haken des heutigen Falles. Die Juristin ist vor zwei Jahren stolze Mutter eines Buben geworden, doch das Glück hat seinen Preis. Der Kindsvater hat zwar gute Gene zur Verfügung gestellt, ist aber in finanzieller Hinsicht ein Reinfall, wie die Juristin zu Protokoll gab. Für ihn ist der Sohn das dritte Kind, und er lebt von der Hand in den Mund, sodass er sich an der „materiellen Aufzucht“ des jüngsten Sprosses nicht beteiligt. Das muss die Juristin alleine stemmen, was bei dem Einkommen kein Beinbruch ist. Viel schlimmer sind die Tatsache, dass die Mutter ihr Einkommen bereits auf 75 Prozent gesenkt hat, um Zeit für das Kind zu haben, und der Wunsch nach dem zweiten Kind. Sosehr ich das Verlangen der Anwältin verstehe, so groß ist meine Sorge, dass sich die Frau um die Früchte ihrer Arbeit bringt. Oder wie beurteilen Sie die Aussichten?

          Das aktuelle Nettoeinkommen beträgt 3750 Euro. Davon fließen 2000 Euro in die Tilgung des Kredites. Sollte die Frau von demselben Mann ein weiteres Kind bekommen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der Wunsch aufkommen, den beruflichen Einsatz noch weiter zu reduzieren. Das kann sich die Juristin aber nur leisten, wenn sie den Kredit mit Hilfe der Aktien tilgt. Dann hat die Frau eine Rücklage von 50.000 Euro und lebt in einer schuldenfreien Wohnung, die 500.000 Euro wert ist. Das künftige Nettogehalt von 2500 Euro und das Kindergeld von 438 Euro werden in den Konsum der „vaterlosen“ Kleinfamilie fließen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn der Mutter bewusst ist, dass die Halbierung des Gehaltes zu Minirenten im Alter führen wird.

          Es wird Sie nicht verwundern, dass ich den Fall meiner professoralen Gefährtin aus dem Holsteinischen zur Prüfung vorgelegt habe. Ihr Urteil besteht aus elf Wörtern: Wer im Bett nicht wählerisch ist, muss eben eigenes Geld verdienen! Ich muss mich diesem Urteil „vollumfänglich“ anschließen, wie die Juristen sagen, und das heißt im Klartext: Die Frau sollte im Beruf wieder Vollgas geben, und sie wird auf professionelle Betreuung der Kinder angewiesen sein. Das ist kein Zuckerschlecken, doch wenn die Ansprüche hoch sind, dann ist auch der Preis für dieses Leben hoch.

          Bäume pflanzen

          Ich weiß nicht, ob der Wunsch nach dem zweiten Kind zu der Überlegung geführt hat, sich von den Aktien zu trennen, doch ich bin mir sicher, dass das wahre Problem der Anlegerin die Versorgung im Alter ist. Die Dame will in fünf Jahren, wenn der Kredit getilgt ist, die monatlichen „Ersparnisse“ von jeweils 2000 Euro in den Kauf einer vermieteten Wohnung stecken. Ich habe nichts gegen Immobilien auf Pump, wenn die Zahlen stimmen, doch im vorliegenden Fall bin ich skeptisch, ob sich die Frau mit diesem Vorhaben einen Gefallen tun wird. Sie will ein zweites Kind, hat aber offenbar nicht den richtigen Mann. Folglich „muss“ die Anlegerin zu 100 Prozent arbeiten. Nun würde der Druck durch weitere Schulden erhöht, sodass die Juristin für eine Bank und zwei Kinder arbeitet. Das sind ideale Voraussetzungen für einen Burnout de luxe, und ich kann nur hoffen, dass die „Prognose“ nicht eintrifft. Stattdessen wünsche ich der Anlegerin das zweite Kind mit dem richtigen Mann und viel Gelassenheit beim Aufbau der Altersversorgung.

          Ich würde die Aktien, die momentan 110.000 Euro wert sind, auf keinen Fall anrühren. Moment, das stimmt nicht ganz. Ich würde das Depot, das zurzeit aus 15 Einzelwerten besteht, in drei Indexfonds umschichten, um die Risiken zu minimieren. Ich würde jeweils 40.000 Euro in Amerika und Europa anlegen, und ich würde 30.000 Euro in Asien investieren. Mir ist natürlich bewusst, dass dieser Umbau zurzeit viel Überwindung kostet, doch wer (mehr) Kinder haben möchte, der glaubt in meinen Augen auch an die Zukunft, und wer für die Altersvorsorge rund 25 Jahre vor sich hat, hat alle Zeit der Welt, um die eine oder andere „Delle“ aussitzen zu können.

          Die heutigen 110.000 Euro und die 240 Monatsraten von jeweils 2000 Euro nach der Tilgung des Kredites führen bei einer Verzinsung von jährlich 5 Prozent in 25 Jahren zu einem Guthaben von 1.030.000 Euro, und das ohne jeden Kredit. Dafür gibt es natürlich keine Garantie, doch es steht auch nirgendwo geschrieben, dass es unmöglich ist. Bitte rekapitulieren Sie, was in den vergangenen 25 Jahren passiert ist, und vertrauen Sie darauf, dass sich die Welt auch in 50 Jahren noch drehen wird. Russland ist trotz seiner Größe und Rohstoffe ein wirtschaftlicher Zwerg. Die Kräne drehen sich in Asien, Europa und Nordamerika, und ich bin mir sicher, dass sie sich auch in Zukunft dort drehen werden. Kurzum: Bitte lassen Sie sich von dem Krieg in Russland nicht entmutigen, sondern pflanzen Sie einen Baum, auch wenn die Kanonen donnern!

          Jetzt mit F+ lesen

          Hat Microsoft hier bald ausgedient? Ein Amt in Deutschland

          Excel, Word und Teams : Droht Microsoft-Software das Aus?

          Die Software von Microsoft ist allgegenwärtig in den deutschen Büros. Doch Datenschützer würden das gern ändern. Ihre Bedenken kann der Konzern nicht ausräumen.
          Blick auf Rottach-Egern am Tegernsee

          Leben am Tegernsee : Nationalpark für Großkopferte

          Nach einer Razzia bei einem russischen Oligarchen ist das bayerische Postkartenidyll am Tegernsee wieder in die Schlagzeilen geraten. Dabei mag man das dort gar nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.