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Börsengänge : Warum Heimatmärkte bei Unternehmen hoch im Kurs stehen

Börsengang in der eigenen Heimat für viele Unternehmen eine gute Option Bild: dpa

Der Börsengang in der eigenen Heimat ist für viele Unternehmen eine sinnvolle Option. Die meisten können dort mit genügend Kapital und guter Infrastruktur rechnen.

          3 Min.

          Amsterdam, New York, Frankfurt. Für viele Unternehmen stellt sich die Frage nach dem Schauplatz der ersten öffentlichen Ausgabe eigener Anteilsscheine (IPO) nicht mehr. Nur rund 10 Prozent der weltweiten Börsengänge geschähen nicht im Heimatmarkt der jeweiligen Unternehmen, sagt Martin Steinbach, Leiter Börsengänge und Listing Services in der Region Westeuropa von EY, im Gespräch mit der F.A.Z. „In hocheffizienten und -entwickelten Kapitalmärkten macht es heute kaum noch einen Unterschied, wo ich zuerst an die Börse gehe. Wenn in meiner Heimat kein solcher Markt besteht, kann ich mir als Unternehmen überlegen, mich an einer Börse im Ausland notieren zu lassen.“

          Gregor Brunner
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viel Aufmerksamkeit erhielt in den vergangenen 18 Monaten die Biotechnologie-Branche. Man fragte sich, warum das Leuchtturmunternehmen BioNTech 2019 den Gang an die Nasdaq wählte und nicht etwa an die Börse Frankfurt. 2020 folgte der Impfstoffhersteller CureVac nach New York. Kein leichtes Unterfangen, da mit einem Börsengang in den Vereinigten Staaten mitunter hohe Hürden verbunden sind. „Viele ausländische Unternehmen, die in den Vereinigten Staaten an die Börse gehen, wählen den indirekten Weg über Hinterlegungsscheine, auch ‚ADR‘ genannt, die von amerikanischen Depotbanken, bei denen die tatsächlichen Aktien des Unternehmens lagern, ausgegeben werden“, erklärt Philipp Suess, Ko-Leiter des Eigenkapitalmarktgeschäfts von Goldman Sachs in Deutschland und Österreich.

          „In dieser Form haben die Aktien keinen Zugang zu Indizes. Sollte ein Unternehmen diesen anstreben, müsste es eine Direktnotierung vollziehen“, führt Suess aus. Ein solches bedürfe entweder der Rechtsform einer amerikanischen Aktiengesellschaft oder der niederländischen Gesellschaftsform „NV“. Zusätzlich müsse ein signifikanter Teil der Verwaltung in den Vereinigten Staaten ansässig sein, und es bestünden höhere Anforderungen bei den Veröffentlichungspflichten, gibt Suess weiter zu bedenken.

          Angesichts dieser Schwierigkeiten braucht es triftige Gründe, um dennoch seine Aktien in Amerika listen zu wollen. „Das kann zum einen attraktiv sein, wenn ein großer Wettbewerber am jeweiligen Aktienmarkt eine Sogwirkung für die gesamte Branche entfaltet“, sagt Suess. „Zum anderen ist es eine Erwägung, falls der aktuelle oder künftige Umsatz hauptsächlich in einem Auslandsmarkt generiert wird. Der Börsengang von Prada in Hongkong war hierfür ein Beispiel.“

          Die Biotechnologie-Branche betreffen Sonderfaktoren bei den Börsengängen. Im Zuge der New Economy kam es zu vielen Neugründungen in diesem Sektor. Wie viele junge Unternehmen zu dieser Zeit verschwanden sie mit dem Platzen der Dotcom-Blase wieder. Parallel zu diesem Aufstieg und Niedergang entwickelte die Finanzbranche Kompetenzen für Biotechnologie, die aufgrund hoher Kosten und langer Entwicklungszeiten nicht rentabel waren und in Europa anschließend Einsparmaßnahmen zum Opfer fielen.

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          Joachim Rothe, geschäftsführender Gesellschafter des Wagniskapitalunternehmens LSP, setzt diese Zeit mit einem nuklearen Winter gleich. „Es hat zehn Jahre gedauert, bis sich auf dem europäischen Markt wieder etwas geregt hat. Mittlerweile haben wir hier wieder ein gutes Verhältnis, was Angebot und Nachfrage bei der Finanzierung junger Unternehmen in frühen Phasen angeht. Für Börsengänge blicken wir jedoch vornehmlich nach Amerika“, sagt er.

          Deutschland bietet Kapital für junge, innovative Unternehmen

          Dort konnte sich die Infrastruktur erhalten, und das Angebot an institutionellem Kapital sei größer. „Deshalb fühlen sich Biotech-Unternehmen in Amerika heimisch“, erklärt Steinbach. „Dort können sie mit Analystenexpertise rechnen und ihre ‚Equity-Story‘, also die Wachstumsgeschichte ihrer Unternehmen, bei Investoren platzieren, die sie auch verstehen. Das führt dazu, dass 90 Prozent aller Biotech-IPOs in Amerika stattfinden.“

          Abseits dieses Sektors streben immer weniger europäische Unternehmen an fremde Börsen. Das liege auch an der Harmonisierung der europäischen Kapitalmärkte, sagt Steinbach. Zum Großteil angelsächsische institutionelle Investoren können auf dieser Basis Unternehmen als Anker-Investoren bei ihren Börsengängen begleiten. Sichtbar wurde dies bei IPOs von technologielastigen Firmen wie About You oder Suse in diesem Jahr. Gestützt wurden diese Börsengänge durch solche Investoren, fanden aber in Deutschland statt.

          „Das ist eine erfreuliche Entwicklung, die uns zeigt, dass Deutschland ebenso wie die Vereinigten Staaten Kapital und Wachstumschancen für junge, innovative Unternehmen bietet“, sagt Suess. Steinbach sieht in Deutschland aber immer noch Verbesserungspotential: „Wir sind ein reiches Land und ein innovatives Land. Leider ist es oft schwierig, diese beiden Vorteile zueinanderzubringen.

          Am besten ginge das über den Kapitalmarkt, aber an vielen mittelgroßen, semi-institutionellen und privaten Investoren gehen IPOs aufstrebender Unternehmen vorbei. Die Informationspflichten sind zu aufwendig, sodass sich die Werbung um diese Investoren nicht lohnt. Mit Blick auf die Bundestagswahl wäre es sinnvoll, sich das Aktiengesetz, dessen ursprüngliche Fassung aus dem Jahr 1937 stammt, noch einmal gründlich anzusehen.“

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