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Haltestellen : Immer Ärger mit dem Fernbus

Wo ist mein Bus? Das alltägliche Durcheinander in Frankfurt am Main Bild: Amadeus Waldner

An vielen Fernbushaltestellen in Deutschland herrscht Chaos. Warum gibt es nur so wenige Städte mit einem richtigen Busbahnhof?

          3 Min.

          Am schlimmsten ist es in Frankfurt. Gegenüber dem Südausgang des Hauptbahnhofs herrscht Chaos wie nirgends sonst an einem Fernbushalt in Deutschland. Dort drängeln sich die Linienbusse von Flixbus, Postbus, Dein Bus & Co. und parken am Seitenstreifen der Straße. Einen Busbahnhof wie in anderen Großstädten gibt es nicht.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf dem Bürgersteig daneben versuchen die Fahrgäste, sich zwischen den anderen Passagieren und vielen Koffern hindurchzuwühlen. Und die Orientierung zu behalten, um nicht in den falschen Bus einzusteigen. Wer ein überdachtes Wartehäuschen sucht, einen Kiosk für die Reiseverpflegung oder auch nur eine Toilette – das gibt es hier alles nicht.

          Auch in Dresden geht es oft ähnlich chaotisch zu, in Bremen werden die Passagiere an einer der am meisten befahrenen Straßen der Hansestadt herausgelassen. In anderen Städten wie Aachen, Bielefeld, Saarbrücken oder Ulm ist es zwar übersichtlicher, dafür sind die Haltepunkte oft am Stadtrand oder an der Autobahn gelegen. Also genau da, wo Fahrgäste eigentlich nie hinwollen.

          Sie wollen ins Zentrum, wo sie einen guten Anschluss an den Nahverkehr haben. Kaum einer der meist jungen Fahrgäste hat Lust und das Geld, dorthin mit dem Taxi zu fahren, das mehr kostet als die ganze Fahrt mit dem Fernbus.

          Bester Busbahnhof in Hannover

          So ist die Situation an den Fernbusstationen mittlerweile eines der Hauptärgernisse der Fahrgäste in den Bussen. Nur wenige Großstädte wie Berlin, München und Hamburg haben einen richtigen Fernbusbahnhof.

          Die sind abgetrennt vom normalen Straßenverkehr, haben eigene überdachte Bahnsteige mit übersichtlichen Fahrtzielanzeigen, mit Warteräumen, sanitären Anlagen und Informationsschaltern. Und manchmal sogar ein paar Läden. Fast wie ein kleiner Bahnhof für Züge. In mittelgroßen Städten wie Freiburg teilen sich oft Nahverkehr und Fernbusse einen kleinen Omnibusbahnhof. Das kann gut funktionieren, führt aber manchmal auch zu Engpässen im Berufsverkehr.

          In einer Umfrage von Marktführer Flixbus unter 40.000 Passagieren wurde Hannover zum besten deutschen Busbahnhof gewählt. In der Spitzengruppe sind auch Hamburg, München-Flughafen und Kaiserslautern. Als besonders schlimm bewertet wurden in der Umfrage neben Frankfurt die Bushaltestellen in Kassel/Kaufungen, Wuppertal, Trier und Augsburg.

          Die Städte warten erst einmal ab

          Besserung ist nur sehr langsam in Sicht. In Frankfurt, Duisburg und Leipzig entstehen gerade neue Busbahnhöfe. Ein paar wenige andere Städte planen das oder prüfen es zumindest. Bei mehr als der Hälfte aller rund 400 Haltepunkte in ganz Deutschland sei die Situation derzeit nicht zufriedenstellend, sagt Tim Raven, der Leiter der Standortplanung bei Flixbus. „Und in fünf Jahren wird das Problem noch nicht gelöst sein.“

          Das hat viele Gründe. Erst 2013 fiel das Fernverkehrsmonopol der Bahn. Seitdem dürfen innerdeutsch Fernbusse fahren. Bis dahin ging das als eine Folge der deutschen Teilung nur auf den Strecken nach Berlin. Seit der Liberalisierung haben die Städte erst einmal beobachtet, wie sich der Markt entwickelt.

          Schließlich will keine Kommune einen Busbahnhof bauen, wo kurz danach kein Bus mehr hält. Doch das Geschäft boomt, schon 20 Millionen Fahrgäste transportieren die Fernbusse jedes Jahr. Auch wenn das Wachstum in diesem Jahr stockt, hat sich der Bus etabliert. Das bringt einige Städte nun zum Nachdenken. „Grundsätzlich wollen die meisten Städte die Fernbusse fördern, vor allem natürlich die mit schlechten Bahnverbindungen“, sagt Tim Raven.

          Keine so zahlungskräftigen Kunden

          Doch die Finanzierung ist schwierig. Viele Kommunen haben kein Geld übrig. Stationsgebühren verlangen nur ein paar wenige große Busbahnhöfe, und auch die decken nicht die ganzen Kosten. Die Passagiere sind nicht so zahlungskräftige Kunden, dass sie Geschäfte anlocken würden, wie das am Flughafen der Fall ist. Dann könnte man Pacht kassieren. Frankfurt versucht es nun mit privaten Investoren. Die bauen ein Hotel und ein Parkhaus, die den Busbahnhof mitfinanzieren.

          Oft scheitern Busterminals auch an mangelnden Flächen in der Innenstadt. Und wenn doch mal welche frei werden, sind die heißbegehrt. Mit Büros oder einem Einkaufszentrum lässt sich mehr verdienen als mit Bussen. Wie viel bei solchen Entscheidungen die Bahn im Hintergrund mitwirkt, um die Buskonkurrenz zu vergraulen, ist umstritten. Immerhin besitzt sie Grundstücke an möglichen Standorten für neue Busbahnhöfe.

          Der Kampf um lukrative Flächen führt in einigen Städten sogar zu Rückschritten für die Busfahrgäste. In Erfurt etwa werden die Fernbusse ihren attraktiven Halt nahe dem Hauptbahnhof verlieren, weil dort ein Einkaufszentrum gebaut wird. In Ulm wird der Omnibusbahnhof im Zentrum verkleinert, um Flächen für eine andere Verwendung zu gewinnen. Die Fernbusse mussten deswegen an den Stadtrand ausweichen.

          Die Busse ganz vertrieben

          Verschlechterungen gibt es auch aus anderen Gründen. In Köln wurden die Busse aus dem Zentrum verjagt, sie dürfen jetzt nur noch am Flughafen halten. Es wird spekuliert, dass das vor allem der Flughafen so wollte, um mehr Menschen in seine Läden locken zu können. Der Flughafen ist aber so weit vor der Stadt, dass einige Buslinien nun Köln ganz meiden und in das nahe Leverkusen fahren.

          Hagen hat die Busse ganz vertrieben und schiebt das auf die erhöhte Feinstaubbelastung. In Nürnberg gibt es sogar einen Rechtsstreit mit Flixbus, weil der Betreiber des 2002 eröffneten Busbahnhofs gerne am Busboom mitverdienen will und horrend hohe Stationsgebühren einführte, mit Abstand die höchsten in Deutschland. Der IC-Bus der Bahn dagegen darf vor dem Hauptbahnhof kostenlos parken.

          Und Stuttgart hat zwar einen neuen Busbahnhof, im Mai wurde er eingeweiht. Doch nicht an dem von den Fahrgästen erhofften Standort in Vaihingen, denn dort bekämpften die Anwohner aus Angst vor zu viel Lärm das Projekt. Nun steht das neue Busterminal weit draußen am Flughafen. Zufrieden ist damit keiner.

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