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McKinsey-Studie : Banken stehen vor langem Winter

Eng wird es nicht nur bei den Kunden, auch die Banken müssen wegen Corona den Gürtel enger schnallen. Bild: dpa

Nach einer McKinsey-Studie stehen der Finanzbranche schwere Jahre bevor. Gegen die Risiken von Krediten und mögliche hohe Ertragseinbußen empfehlen die Berater Einsparungen und höhere Produktivität.

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          In der berühmten Fantasy-Fernsehserie „Game of Thrones“ steht „Winter is coming“, also der nahende Winter, für eine Zeit voller Unheil. Eine sehr lange, durch die Corona-Krise ausgelöste Kälteperiode erwarten die Berater von McKinsey in ihrer aktuellen Bankenstudie für die Finanzbranche. „Die Banken müssen sich auf einen langen Winter einstellen“, fasst Philipp Koch, leitender Partner von McKinsey, die zentrale Aussage der Studie im Gespräch mit der F.A.Z. zusammen. Sie seien zwar besser aufgestellt als in der großen Finanzkrise 2008 und 2009, trotzdem stünden sie vor großen Herausforderungen, was Kapital, Risikomanagement und Produktivität betrifft, sagt der Bankenexperte.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In der Studie, die sich auf die Banken in der ganzen Welt bezieht, rechnen die Berater mit hohen Kreditausfällen aufgrund der nachgeholten Insolvenzen in der Realwirtschaft. Sie spielen drei Szenarien für den Zeitraum 2020 bis 2024 durch. Bleibt der Winter milde, drohen den Instituten Ertragseinbußen von 1,5 Billionen Dollar. Wird der Winter hart, sind es sogar 4,7 Billionen Dollar weniger. Im mittleren Szenario brechen Erträge von 3,7 Billionen Dollar weg, so viel, wie die Banken üblicherweise  in einem halben Jahr erwirtschaften. In Europa beträgt der Ertragsverlust gut 770 Milliarden Dollar.

          Hinzu kommen mit der von vielen erwarteten Insolvenzwelle hohe Kreditausfälle. In diesem Jahr hätten die Banken in der ganzen Welt dafür Risikovorsorgen von 900 Milliarden Dollar gebildet. Zusammen mit den Rückstellungen im kommenden Jahr erwarten die McKinsey-Berater einen Vorsorgebedarf von 1,9 Billionen Dollar. In den Jahren 2022 bis 2024 könnten ihrer Ansicht nach weitere 800 Milliarden Dollar hinzukommen.

          Kosteneinsparungen empfohlen

          Das belastet die Profitabilität der Banken deutlich. Die Eigenkapitalrendite, die im Jahr 2019 noch im Durchschnitt 8,9 Prozent betragen hatte, könnte demnach in diesem Jahr auf 4,9 Prozent und im kommenden Jahr auf 1,5 Prozent sinken. Im mittleren sowie im schlechten Konjunkturszenario würden die Eigenkapitalrenditen sowohl nordamerikanischer als auch europäischer Institute in den negativen Bereich rutschen.

          Wie es sich für eine Beratungsgesellschaft gehört, empfiehlt McKinsey den Banken Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung und natürlich zu Kosteneinsparungen. Die Produktivität kann nach ihrer Ansicht um bis zu 30 Prozent gesteigert werden. Die Schätzungen zu den Ertragsverlusten berücksichtigen diese Effizienzverbesserungen nicht, so dass die Banken noch dagegensteuern könnten. Koch sieht in den Banken noch Einsparmöglichkeiten. So ermögliche die Digitalisierung den Abbau von Filialen und die Umschulung des Personals für neue Geschäftsbereiche. In der Auslagerung bestimmter Funktionen auf externe Dienstleister gebe es noch Optimierungspotential, zum Beispiel bei den abgefragten Mengen und den Preisen. In den Zentralbereichen, die wie zum Beispiel Rechtsabteilungen auch wegen der strengeren regulatorischen Vorgaben aufgebaut werden mussten, lassen sich seiner Einschätzung zufolge Überkapazitäten reduzieren. Schließlich ermögliche der Trend zum Homeoffice auch eine Überprüfung der Immobilienkontingente, also wie viele Büroflächen noch benötigt würden.

          Die Banken können auch auf der Ertragsseite gegensteuern. „Die Kundenpotentiale der Digitalisierung sind noch längst nicht ausgeschöpft“, zeigt sich Koch überzeugt. Die hohen Bestände an Kundeneinlagen könnten in gebührenstärkere Produkte übertragen werden. Schließlich ließen sich bestimmte Dienstleistungen anders bepreisen. So sind die Kontogebühren der Banken in diesem Jahr schon deutlich gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mussten die Verbraucher im Oktober dafür 6,4 Prozent mehr bezahlen als zwölf Monate zuvor. Zwischen 2015 und 2019 sind die Kontogebühren um 25 Prozent gestiegen.

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