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Theodor Weimer : „Amerika spielt in einer anderen Liga“

Theodor Weimer ist ein Freund klarer Worte: Hier bei der letzten Präsenz-Hauptversammlung der Börse 2019. Bild: dpa

Nach dem Wirecard-Skandal haben die Bürokraten Oberwasser. Noch mehr Regulierung und Vorschriften könnten aber das Wachstum ersticken, warnt der Chef der Deutschen Börse.

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          Theodor Weimer ist gut in Fahrt. Der 61 Jahre alte Chef der Deutschen Börse, der als leidenschaftlich, authentisch und wenig technokratisch gilt, nimmt kaum ein Blatt vor den Mund: „Wir spielen nicht mehr in derselben Liga wie die Amerikaner.“ Und: „Wir müssen uns davon freimachen, dass das am Management unserer Unternehmen liegt.“ Weimer nimmt die Bilanzpressekonferenz der Deutschen Börse am Donnerstag zum Anlass, seine grundsätzliche Sorge um die Wachstumskraft in Europa kundzutun. „Verteilung ist in Europa wichtiger als Wachstum, wir sind sehr stark reguliert, haben komplexe Bürokratien, das ist ein großer Strukturnachteil.“

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dazu muss man wissen, dass Weimer schon von Berufs wegen ein Freund von Regulierung sein muss. Die Deutsche Börse zeigt tagtäglich, wie wichtig ein regulierter und überwachter Marktplatz ist. Alles andere wäre unkontrollierte Zockerei mit Risiken für die Finanzstabilität. Das hat spätestens die Finanzkrise gelehrt. Worauf Weimer anspielt, ist daher nicht die effiziente Form von Regulierung, die einer Volkswirtschaft gut zu Gesicht steht, sondern das Geflecht an Behörden, Zuständigkeiten, Regelungen und Gesetzen, das in Deutschland und Europa das Wirtschaften erschwert.

          Wandern die Unternehmen nach Amerika ab?

          Konkret sorgt sich Weimer darum, dass sein Unternehmen künftig von der Finanzaufsicht Bafin als Finanzholding eingestuft wird und damit anderen Kontrollen und Rechenschaftspflichten unterliegt. „Dass wir da in einem Atemzug mit einem Unternehmen aus Aschheim genannt werden, hat mich sehr gestört“, sagt Weimer und spielt auf das Desaster um den Finanzdienstleister Wirecard an, der nicht als Finanzholding eingestuft und mithin unzureichend von der Bafin überwacht worden ist. „Wir sind keine Holding“, sagt Weimer. „Im September 2020 war die letzte entsprechende Überprüfung der Bafin, die zu demselben Ergebnis kam. Es wäre absolut falsch als Sekundärkonsequenz aus Wirecard, wenn wir jetzt eine Finanzholding werden, da mache ich mir echte Sorgen. So etwas wäre in den Vereinigten Staaten undenkbar.“

          Mehr Bürokratie und Regulierung in Europa sorgen auch dafür, dass immer mehr deutsche Unternehmen mit einer Börsennotiz in Amerika liebäugeln. Die großen Investoren sitzen dort sowieso. Der Finanzplatz Frankfurt und Europa könnte so nach und nach seine Basis verlieren.

          Wer Theodor Weimer kennt, weiß, dass ihn solche Themen maßlos ärgern, er aber letztlich pragmatisch mit den Gegebenheiten umgeht und versucht, das Beste daraus zu machen. Damit ist die Deutsche Börse im vergangenen Geschäftsjahr nicht schlecht gefahren. Die Nettoerlöse stiegen um 9 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Die Börse hat dabei unter anderem von den regen Handelsaktivitäten im Frühjahr profitiert, als die Corona-Sorgen die Börsen in Atem hielten. Der Jahresüberschuss stieg ebenfalls um 9 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Die Dividende soll um 3 Prozent von 2,90 Euro auf 3 Euro je Aktie steigen.

          Mehr als 100 Milliarden Euro Sicherheiten hinterlegt

          Wichtigstes Geschäft der Börse bleibt der Derivatehandel an der Terminbörse Eurex, der für ein Drittel der Umsätze und Gewinne steht. In dieses Segment fällt auch das Sicherheitenmanagement. Hier zeigt sich die wichtige Rolle der Börse für die Finanzstabilität. Mit ihrer Einheit Eurex Clearing steht die Börse für die sichere und zuverlässige Abwicklung von Finanztransaktionen ein. In turbulenteren Börsenzeiten mit höheren Risiken, wie es 2020 der Fall war, müssen die Marktteilnehmer mehr Sicherheiten bei der Börse hinterlegen, damit diese im Fall der Fälle genug Finanzkraft hat, um an die Stelle zahlungsunfähiger Handelsteilnehmer einzuspringen. Die Entgelte für hinterlegte Sicherheiten erhöhten sich 2020 um 63 Prozent auf 85 Millionen Euro, die hinterlegten Sicherheiten um ein Drittel auf mehr als 100 Milliarden Euro. Auch die anderen Geschäftsfelder der Deutschen Börse haben sich überwiegend gut entwickelt. Die Währungsplattform 360T und die Strombörse EEX sind solide gewachsen. Das Aktiengeschäft auf Xetra hat sich auch dank Rekordkursen stark entwickelt. Noch höheres Wachstum erzielt die Börse im Geschäft mit Dienstleistungen für die Fondsbranche und mit Daten und Indizes.

          Für die nächsten Jahre strebt die Börse weiterhin ein Wachstum von Umsatz und Gewinn um 10 Prozent im Jahr an. Große Hoffnungen setzt die Börse auf das Thema Nachhaltigkeit. „Alle schreiben über ESG und wir kaufen einfach die Nummer zwei oder drei auf der Welt in diesem Geschäft“, sagt Theodor Weimer. Für die Übernahme des amerikanischen Datenanbieters ISS mitten in Pandemiezeiten für 2 Milliarden Dollar habe er Glückwunschmails aus der ganzen Welt erhalten. Dem Aktienkurs der Börse fehlt es indes seit Monaten an Inspiration. Die Höchstkurse aus dem Sommer sind gut 20 Prozent entfernt. Am Donnerstag lag der Kurs 1 Prozent im Plus gegenüber dem Vortag.

          Krypto-Währungen als spannendes Thema für die Börse

          Mit großem Interesse verfolgt der Börsenchef das Geschehen um Kryptowährungen wie Bitcoin. „Das ist aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Krypto, digitaler Euro, Tokenisierung, das sind alles Themen, die werden kommen.“ Inwieweit die Börse sich dort größer engagieren wird, lässt Weimer offen. „Man muss auch die Reputation beachten, wir sind da sehr abwägend unterwegs.“ Auch beim amerikanischen Nebenwert Gamestop, dessen Kurs Privatanleger in die Höhe schießen und wieder fallen ließen, nimmt die Börse eine beobachtende Rolle ein. „Mich freut, dass mehr junge Leute Spaß an der Börse und am Aktienhandel haben und wir beobachten die Neobroker und die Retailisierung des Marktes, also die Tendenz zu mehr Privatanlegern, aber wir haben den Schwerpunkt auf anderen Geschäften.“

          Wo Weimer auch künftig seinen beruflichen Schwerpunkt sieht, daran wollte er keinen Zweifel aufkommen lassen. Ein Wechsel an die Aufsichtsratsspitze der Deutschen Bank, der im Mai 2022 anstehen könnte, sei überhaupt kein Thema. „Ich habe hier Vertrag und mit der Deutschen Bank gibt es keine Diskussionen.“

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