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Wall Street : Jahresend-Rally am Ende

  • -Aktualisiert am

Händler an der New York Stock Exchange Bild: dpa

In der nächsten Zeit ist Vorsicht angesagt. Kurserholungen können sich als trügerisch erweisen. Technische Kommentare aus Wall Street.

          3 Min.

          In den nächsten zwei bis drei Wochen müssen sich die Anleger auf willkürlich erscheinende Kursbewegungen an der Wall Street einstellen. Es kann durchaus sein, dass die weithin beachteten Indizes in dieser Phase weiter nach oben vorstoßen, als es derzeit aus technischer Sicht möglich erscheint. Doch selbst wenn dabei als bedeutsam geltende Marken überwunden werden sollten, dürfte dies an der zugrunde liegenden, nach unten weisenden Tendenz nichts ändern.

          In diesem Sinne äußern sich zahlreiche technisch orientierte Analysten. Sie begründen ihre Sicht der Dinge mit den während der Feiertagsphase traditionell stark schrumpfenden Handelsumsätzen. Sie können selbst bei geringem Kapitaleinsatz überproportional kräftige Kursbewegungen auslösen. Dies nutzen interessierte Kräfte, besonders Hedgefonds und Hochfrequenzhändler, um ihr „Süppchen“ zu kochen. Hinzu kommen institutionelle Anleger, die ihre Portefeuilles zum Jahresende ein wenig „frisieren" wollen, um ihren Kapitalgebern zum Stichtag der Rechnungslegung mit einem attraktiv erscheinenden Aktienbestand unter die Augen treten zu können. Erst Mitte Januar dürften aller Erfahrung nach wieder normale Verhältnisse eingezogen sein.

          Die zyklische Baisse lebt wieder auf

          Was dann geschieht, ist den meisten Technikern schon klar: Die saisonal bedingten Auftriebskräfte werden schwinden, wenn sie sich nicht schon zuvor verflüchtigt haben. Spätestens dann dürfte die im Mai 2011 angebrochene zyklische Baisse wieder aufleben. Sie werde das neue Jahr über weite Strecken hinweg prägen, heißt es.

          Indizes wie der Standard & Poor's 500 Index (S&P 500) könnten im Zuge der erwarteten Abwärtsbewegung sehr viel weiter sinken, als es die gängigen Prognosen selbst ausgewiesener Pessimisten in Aussichten stellten. In diesem Zusammenhang sei an Voraussagen wie die von Robin Griffiths, Techniker bei Cazenove Capital, und von Albert Edwards, Stratege bei Société Générale, erinnert, die einen Fall des S&P 500 im neuen Jahr auf rund 670 Punkte beziehungsweise auf weniger als 500 Zähler für möglich halten.

          Die Jahresend-Rally ist gelaufen

          Für Mary Ann Bartels, Cheftechnikerin von Bank of America Merrill Lynch, ist die Jahresend-Rally gelaufen. Als Nächstes steht ihrer Ansicht nach ein Test des Tiefs vom Oktober bevor. In der vergangenen Woche sei der S&P 500 unter seinen gleitenden Durchschnitt von 50 Tagen gefallen. Jetzt müsse die Marke von 1228 Punkten beobachtet werden. Sollte es dem Index nicht gelingen, über dieses Niveau zu steigen und sich dort zu halten, müsse dies als Bestätigung dafür angesehen werden, dass die Testphase der Tiefs vom Herbst zwischen 1074 und 1100 Zählern schon begonnen habe.

          Es bestehe sogar eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass diese Zone unterschritten wird. In diesem Fall wäre nach Erkenntnissen der Technikerin ein Fall in den Bereich von 935 bis 986 Punkten möglich. Andererseits glaubt sie im größeren Bild einen Prozess der Bodenbildung zu erkennen, der im August begonnen habe. Er könne etwa im zweiten Quartal die Basis für einen neuen Haussezyklus darstellen.

          Vorsichtiger Optimismus

          Auch Walter Murphy, ein unabhängiger Techniker, hält das Ende der Jahresend-Rally für gekommen. Wenn der Markt jetzt kippen sollte, hätte dies seiner Meinung nach auf mittlere und längere Sicht ungünstige Folgen. Es könne sich eine monatelange Abwärtsbewegung einstellen. Bedeutenden Widerstand sieht der Techniker jetzt beim S&P 500 zwischen 1263 und 1293 Punkten. Stützung ergäbe sich zunächst bei 1158 Zählern, doch die würde angesichts der schlechten mittelfristigen Perspektiven wahrscheinlich nicht halten. Ein erstes, wirklich ernstzunehmendes Auffangnetz könne zwischen 1075 und 1121 Punkten liegen, vermutet Murphy.

          Jeffrey Saut, einer der stets auch technisch argumentierenden Aktienstrategen von Raymond James, zählte bis zuletzt zu den wenigen, die noch vorsichtigen Optimismus verbreitet haben. Er hatte aber eingeräumt, dass er seine Haltung überdenken würde, falls der S&P 500 die Marke von 1217 Zählern eindeutig unterschreiten sollte. "Eindeutig" wäre seiner Ansicht nach ein Fall unter das Tief vom Mittwoch vergangener Woche von 1209,47 Punkten. Tatsächlich schloss der Index am Montag bei 1205,35 Zählern. Damit ist das Merkmal des Strategen erfüllt. Sollte er seine Toleranzgrenze angesichts der inzwischen eingetretenen Erholung nicht doch noch "nachbessern", müsste er sich nun an seine Empfehlung halten, Aktien zu verkaufen und die liquiden Mittel zu erhöhen.

          John Hussman, Gründer des Hussman Investment Trust, seinerseits weist darauf hin, dass der Anteil der Pessimisten unter den Beratungsdiensten nach Ermittlungen von Investors Intelligence kürzlich unter die Marke von 30 Prozent gesunken ist. Aus historischer Sicht spricht dies nach Erkenntnissen von Hussman für schlechte Börsenzeiten selbst dann, wenn amerikanische Aktien nicht so hoch bewertet sind, wie sie es gegenwärtig sind.

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