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Vorwurf Schneeballsystem : Eher Hybris als Betrug bei Prokon

Vorläufiges Ende eines Ideals: Prokon-Geschäftsführer Carsten Rodbertus (r) und der vorläufige Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin Bild: dpa

Für viele Beobachter scheint klar: Wer sich wie Prokon auf Kleinanleger stützt, muss ein Betrüger sein. Doch es spricht mehr für Ideologie als kriminelle Energie.

          Das Windkraft-Unternehmen Prokon hat seinen spektakulären Überlebenskampf verloren. Der Insolvenzantrag ist gestellt, der vorläufige Insolvenzverwalter im Haus. Für viele Verbraucherschützer war alles von vornherein Betrug. Das Geschäftsmodell von Prokon erinnere an ein Schneeballsystem, sagte etwa Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg. Haben die Kritiker Recht? Ein erster Zwischenstand ist: Wenig spricht für einen Betrug, vieles dagegen dafür, dass am Steuer des Konzerns ein ambitionierter Weltverbesserer und schlechter Geschäftsmann stand.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei stimmt schon der Begriff des Schneeballsystems nicht. In so einem System werben Investoren andere Investoren an, damit sie selbst Geld bekommen. Ebenso übel für die Anleger sind aber so genannte Ponzi-Systeme („Ponzi scheme“) – und das kommt hier in Frage: Es ist benannt nach dem Italo-Amerikaner Charles Ponzi. Er gab frühen 20. Jahrhundert vor, er würde Preisunterschiede von internationalen Postantwortscheinen ausnutzen. Dafür warb er Geld von Anlegern ein und nutzte es, um andere Anleger auszuzahlen.

          Es wird also Geld unter falschen Versprechungen eingetrieben, mit dem alte Anleger bedient werden. Gleichzeitig werden einige Projekte gestartet, um den Schein des Anständigen aufrecht zu erhalten. Und viel Geld fließt in die eigene Tasche. Über Geldflüsse in die eigene Tasche ist im Fall Prokon nichts bekannt. Dass Geld benutzt wird um die Akquisition von Geldern zu finanzieren, ist nicht verwerflich und so bleibt die Frage, ob Potemkinschen Dörfer gebaut wurden. Ponzi-Betrüger bevorzugen Immobilien oder hochfliegende Hightech-Projekte. Da lässt sich viel erfinden, viel behaupten und wenn keiner genau weiß, wo die Projekte sind, lässt sich auch nicht viel nachprüfen.

          Die Prokon-Windparks dagegen waren seit Jahren zu sehen. Stolz prangte der Schriftzug auf den Säulen. Das war nicht nötig, um Anlegern lediglich das Geld aus der Tasche zu ziehen. Mag sein, dass die Windparks mit sehr optimistischen Werten in der Bilanz standen. Aber Prokon hat zu viel investiert, eine zu große Zahl von Mitarbeitern beschäftigt, als dass alles von vornherein nur der Bereicherung einiger weniger hätte dienen sollen.

          Wer wurde betrogen?

          Es bleibt die Frage: Hat Gesellschafter Carsten Rodbertus die Anleger betrogen? Die Antwort muss wohl lauten: Mehr sich selbst als die Anleger. Wie er das Geschäft finanziert hat, ist nicht verwerflich. Auf Neudeutsch gilt die Methode gar als große Neuerung und nennt sich Crowd-Financing. Nichts anders hat Prokon betrieben: Er hat Wertpapiere an viele Investoren verkauft.

          Es scheint zudem so, als habe der Prokon-Eigentümer stets mit offenen Karten gespielt, wurden doch immer viele Kennzahlen veröffentlicht.. Nur: die Art von Transparenz war vom Glauben an die Sache getrübt. Rodbertus scheint wirklich geglaubt zu haben, einen alternativen Konzern aufziehen zu können, jenseits der üblichen Finanzmärkte. „Unser Anspruch ist jedoch nicht die Gewinnmaximierung für einzelne Personen, wie sie bei Banken und Großkonzernen leider oft anzutreffen ist. Wir wollen, dass jeder ein gerechtes Stück vom Erfolg der Erneuerbaren Energien abbekommt, denn die Energieversorgung gehört nun einmal nicht in die Hände Einzelner, sondern in die Mitte der Gesellschaft“, heißt es im Kurzprospekt für Genussrechte. Man setze auf eine weitgehende Unabhängigkeit von externen Dienstleistern und bündele das wertvolle Wissen lieber im eigenen Unternehmen. Banken seien für mittelständische Unternehmen seit Ende der 80er Jahre keine verlässlichen Geschäftspartner mehr, deshalb finanziere man sich weitgehend unabhängig von Banken und gebe Genussrechte heraus.

          Damit hat er Finanziers an Bord geholt, die wenig Macht und wenig Einblick hatten – und womöglich noch viel weniger Verständnis für das Geschäft aufbrachten als die Banken. So konnte er hochfliegende Pläne ohne echte Kontrollinstanz verwirklichen, zumal gerade Genussrechte per se keine Mitspracherechte gewähren.

          Hybris und Verweigerung

          Dies spricht zumindest für einen Gutteil an Hybris. Dazu passt, dass Prokon dann, als es Hilfe bedurft hätte, eine Verweigerungshaltung einzunehmen schien. Die Wirtschaftsprüfer sind nicht einverstanden mit der Bilanz? Wir vergeben einen zweiten Auftrag. Wir dürfen etwas nicht bilanzieren? Dann zweifeln wir doch die Bilanz an und behaupten, unsere Zahlen seien zutreffender. Kritik von den Medien? Wir reden nicht mehr mit ihnen. Das ist alles nicht sehr kaufmännisch oder unternehmerisch, sondern viel eher rechthaberisch. Dazu passt der letztlich drohende Ton gegenüber den Genussrechtsgläubigern, der erst kleinlaut wurde, als es schon zu spät war.

          Letztlich scheinen Carsten Rodbertus und Prokon an sich selbst gescheitert zu sein. Am Glauben, die Energie der Zukunft gefunden zu haben und dass sich eine bessere Öko-Welt durchsetzen müsse. Denn nur mit dieser Überzeugung kann man eine Finanzierungsform wählen, die mit etwas Gegenwind ein Unternehmen zu Fall bringen muss, indem man nämlich per se sehr langfristige Investitionen wie Windparks mit jahrelanger Amortisationsdauer mit Kapital finanziert, dass im Ernstfall nur sechs Wochen zur Verfügung steht. Prokon hat zwar probiert, länger laufende Genussrechte zu verkaufen. Doch das war viel zu wenig und viel zu spät.

          Prokon könnte nicht der einzige Fall sein, in der ein Patriarch am Steuer ein an sich lebensfähiges Unternehmen auf die Klippe steuert, weil er sich der Realität verweigert. Gemunkelt wird ähnliches von den Insolvenzen der Windreich und der Getgoods AG. Für die Genussrechtsinhaber von Prokon bleibt zu hoffen, dass bessere Geschäftsleute das Schiff wieder flott bekommen oder ihnen ein Rettungsboot bauen. Geld wird es sie in jedem Fall kosten.

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