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Vorwürfe des Vonovia-Chefs : Ließen ETF-Anleger die Immobilienfusion platzen?

Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch (links) und Michael Zahn, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Wohnen, am Ende einer Pressekonferenz im Roten Rathaus Bild: dpa

Für das Scheitern seiner Fusionspläne macht der Vonovia-Chef auch ETF-Anleger verantwortlich. Deren Marktmacht wächst und wächst.

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          Nach dem gescheiterten Übernahmeversuch gehen die Aktionäre von Deutsche Wohnen von einem abermaligen Angebot des Konkurrenten Vonovia aus. Die Aktien des Dax-Konzerns aus Berlin stiegen jedenfalls am Montag um gut 2,4 Prozent auf knapp unter die 52 Euro, die Vonovia für die Anteile geboten hatte. Der größte private Vermieter in Deutschland hat am Montag auch offiziell bestätigt, dass sein Kaufversuch misslungen ist. Zum Stichtag in der Nacht zu Donnerstag kam Vonovia auf 47,62 Prozent des Grundkapitals. Zum Ziel von 50 Prozent fehlten dem Bochumer Dax-Konzern rund 8 Millionen der insgesamt 343 Millionen im Umlauf befindlichen Aktie. „Damit ist die Vollzugsbedingung endgültig ausgefallen“, hieß es in der Pflichtmitteilung. Die Aktien von Deutsche Wohnen würden daher zurückgebucht.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Aktienkurs von Vonovia verlor am Montag zwischenzeitlich mehr als 3 Prozent. Analysten erwarten, dass der Branchenführer für seinen möglichen dritten Übernahmeversuch – ein erster war schon 2016 gescheitert – mehr bezahlen muss. „Es ist klar, dass dafür eine neue und höhere Offerte vorgelegt werden müsste“, schrieb Berenberg-Analyst Kai Klose in einem Kommentar. Er hob das Kursziel für Deutsche Wohnen auf 55 von 52 Euro an und empfahl die Aktie zum Kauf. Vonovia selbst lässt sich noch mehrere Optionen offen: Neben einem abermaligen öffentlichen Angebot gebe es auch noch die Möglichkeit eines Verkaufs von Deutsche-Wohnen-Aktien oder den Erwerb weiterer Papiere, sagte Vonovia-Chef Rolf Buch. Mit einem derzeitigen Anteil von 18,4 Prozent ist Vonovia der größte Aktionär von Deutsche Wohnen.

          ETF und Hedgefonds als Gründe fürs Scheitern

          Das Scheitern der Übernahme schiebt der Immobilienkonzern weiterhin auf die Gegebenheiten am Finanzmarkt: 30 Prozent der Deutsche-Wohnen-Papiere liegen laut Vonovia in den Händen von Hedgefonds, gut ein Fünftel halten demnach die vor allem unter dem Kürzel ETF bekannten Indexfonds. Einige Hedgefonds hätten zu hoch spekuliert, in dem sie nur einen Teil ihrer Aktien angedient hätten, warf Buch ihnen vor. „Viele wussten, dass sie den Deal über die Schwelle tragen müssen, wollten aber gleichzeitig möglichst viel in der Hinterhand halten, weil sie hofften, dass es später irgendwann noch ein besseres Angebot gibt“, sagte der Vonovia-Chef der Nachrichtenagentur Reuters. Vertreter von Hedgefonds kritisierten im Gegenzug, Vonovia habe sie in Sicherheit gewiegt, dass die erforderlichen 50 Prozent ohnehin erreicht würden. Dass dies nicht passiert ist, liegt eben auch daran, dass die Indexfonds ihre Anteile erst hätten andienen können, wenn das Geschäft durchgegangen wäre.

          Das lenkt den Blick auf die wachsende Marktmacht passiver Investoren an den Finanzmärkten. Die Geldanlage in ETF ist einfach und günstig. Statt ihr Geld einem aktiven Fondsmanager anzuvertrauen oder selbst aussichtsreiche Aktien auszuwählen, stecken immer mehr Anleger ihr Erspartes in solche passiven Indexfonds, die einfach einen Wertpapierindex wie den Dax oder den Dow Jones nachbilden. Das lässt den ETF-Markt seit Jahren rasant wachsen: Ende 2020 lagen in aller Welt umgerechnet 6,5 Billionen Euro in solchen Fonds, allein im ersten Halbjahr dieses Jahres kamen knapp 600 Milliarden Euro hinzu.

          Blackrock zweitgrößter Aktionär

          Das führt dazu, dass die Anbieter solcher Indexfonds inzwischen in fast allen großen Unternehmen zu den wichtigsten Aktionären zählen, in mehreren Dax-Konzernen ist der Marktführer Blackrock mit seiner ETF-Marke Ishares sogar größter Einzelaktionär. Im Falle der Deutschen Wohnen ist Blackrock nach Angaben des Unternehmens zweitgrößter Einzelaktionär nach Vonovia mit 7,9 Prozent. Der Vermögensverwalter State Street mit seiner ETF-Marke SPDR kommt auf 3 Prozent.

          Beide ETF-Anbieter verwiesen am Montag allerdings auf Anfrage der F.A.Z. darauf, dass sie schon aufgrund der Regularien von Indexfonds ihre Aktien nicht im Zuge eines Übernahmeangebots andienen könnten. „Wir können Aktien erst kaufen oder verkaufen, wenn eine Übernahme Auswirkungen auf die Indexzusammensetzung hat“, sagte eine Sprecherin von Blackrock. Sophia Wurm aus dem ETF-Vertrieb von State Street sagte: „Wir müssen ja grundsätzlich dem Index folgen daher können wir die Aktien nicht andienen, wenn noch gar nicht absehbar ist, ob die Transaktion zustande kommt.“

          Gegenstimme von Vanguard

          Eine andere Haltung legt Vanguard an den Tag, der zweitgrößte Vermögensverwalter der Welt, unter dessen Dach ETF einst erfunden wurden. „Das Stewardship-Team von Vanguard bewertet Fusions- und Übernahmeaktivitäten, die einer Abstimmung durch die Aktionäre unterliegen, immer von Fall zu Fall“, sagte ein Sprecher des Unternehmens am Montag. Anhand mehrerer Kriterien prüfe der Vermögensverwalter, ob eine Übernahme langfristige Werte schaffe und unterstütze solche Transaktionen dann auch in der Regel. Auch Blackrock hat ein sogenanntes Stewardship-Team, das sich allerdings darauf konzentriert, strategische Fragen innerhalb der Unternehmen anzusprechen, vor allem mit Blick auf Nachhaltigkeitsfragen.

          In Deutschland war die Debatte um Macht und Ohnmacht der ETF-Anbieter im Jahr 2017 hochgekocht. Damals hatten Finanzinvestoren versucht, den Arzneimittelhersteller Stada zu übernehmen, scheiterten aber ebenfalls unter anderem an der großen Zahl passiver Investoren. 12 Prozent der Stada-Aktien lagen damals in passiven Indexfonds. Auch damals hieß es, die ETF-Anbieter könnten ihre Anteile nicht während der Übernahmephase andienen.

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