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: "Von außen schön, von innen schlimm"

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UPPSALA, 15. Oktober. Ohne Geld lassen sich bekanntlich keine Kriege führen. Diese Banalität war auch Herzog Ludwig dem Reichen von Bayern-Landshut bewusst, als er am 1. Juni 1459 mit Vertrauten aus dem herzoglichen Schatz 104 Säcke mit Geld entnahm.

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          UPPSALA, 15. Oktober. Ohne Geld lassen sich bekanntlich keine Kriege führen. Diese Banalität war auch Herzog Ludwig dem Reichen von Bayern-Landshut bewusst, als er am 1. Juni 1459 mit Vertrauten aus dem herzoglichen Schatz 104 Säcke mit Geld entnahm. Insgesamt handelte es sich um Münzen im Wert von zwei Jahresetats des Herzogtums Landshut, und deren Nennwert sollte durch eine Umprägung bei Verringerung des Edelmetallgehalts noch verdoppelt werden.

          Das Geld war für einen drohenden Krieg gegen Markgraf Albrecht Achilles von Brandenburg gedacht, der auch im März 1460 ausbrach und in dem Ludwig gewisse Erfolge verbuchte. Für die Geldgeschichte wichtiger ist, dass Herzog Ludwig mit seiner unverantwortlichen Geldpolitik maßgeblich die wohl schwerste Inflation des Spätmittelalters anheizte, die sogenannte Schinderlingszeit.

          Überhaupt zählten Kriege zu den wesentlichsten Katalysatoren der Währungsentwicklung im Spätmittelalter. Dies gilt besonders für den zwischen England und Frankreich ausgefochtenen Hundertjährigen Krieg. Im Buhlen um Verbündete zahlte König Edward III. von England umfangreiche Subsidien in Gold, die er nur durch Kredite italienischer Handelsbanken finanzieren konnte. Die italienischen Finanziers mussten in der Folge ihren Bankrott erklären, als der englische König seine Zahlungen einstellte. Die vormals rege Goldprägung in Italien stagnierte angesichts der herben wirtschaftlichen Verluste, während unter anderem im Deutschen Reich zahlreiche neue Münzstätten Gold zu prägen begannen - dort waren Kaiser Ludwig der Bayer und verschiedene Fürsten im Grenzgebiet zu Frankreich Empfänger des Goldes gewesen, das nun ausgemünzt wurde. Mithin reflektiert das Münzwesen zu diesem Zeitpunkt den beginnenden Entwicklungsausgleich zwischen dem Süden und Norden Europas. Der Verlauf des Hundertjährigen Krieges wurde durch die Verfügbarkeit von Goldwährungen wesentlich beeinflusst, und der Krieg seinerseits hatte starken Einfluss auf die künftige Gestalt des europäischen Währungswesens.

          Die Münzen selbst spielten zumindest in der psychologischen Kriegsführung eine Rolle. Zur Erinnerung an die Seeschlacht von Sluis, die 1340 mit einer vernichtenden Niederlage für die französische Seite endete, ließ Edward III. von England seine repräsentativen Goldnoble prägen. Sie zeigen den englischen König wehrhaft mit Schwert und Wappenschild gerüstet an Bord eines Schiffes.

          Das Kriegsglück wendete sich noch öfter in diesem säkularen Kräftemessen. Längerfristig konstant blieb die Tendenz zu einer inflationären Geldpolitik, die von den Herrschern zur Finanzierung der Kampfhandlungen und von Lösegeldern genutzt wurde. So geriet König Johann II. von Frankreich 1356 in englische Gefangenschaft und kam erst 1360 gegen Zahlung von 3 Millionen Ecu Lösegeld wieder frei. Während man um die künftige Geldpolitik und die Aufbringung dieser Summe rang, verfasste der französische Gelehrte Nikolaus von Oresme seine Abhandlung über Geldwertveränderungen (Tractatus de mutatione monetarum). Darin bezeichnet er die minderwertige Nachprägung von Münzen durch fremde Herrscher ausdrücklich als Grund zur Führung eines gerechten Krieges.

          Einem Währungskrieg sah sich etwa die Stadt Bern ausgesetzt, die von schlechten Münzen der Grafen von Kyburg überschwemmt wurden, denen Kaiser Ludwig der Bayer 1328 das Münzrecht verliehen hatte. Noch anderthalb Jahrhunderte später erinnerte der Chronist Diebold Schilling an diese Verhältnisse und erklärte sie damit, dass die Berner dem vom Papst gebannten Kaiser nicht huldigen wollten und dieser sich mit der Münzrechtsverleihung gerächt habe. Gleichgültig aus welchen Beweggründen die Protagonisten handelten: Das Beispiel zeigt, dass Währungskriege lange im kollektiven Gedächtnis der Menschen verblieben.

          Eine andere Variante von Währungskriegen war die Behauptung, eine Münzsorte sei von fragwürdigem Metallwert. Dieses Vorgehen praktizierten um 1420 die rheinischen Kurfürsten, deren Goldgulden die Hauptwährungsmünze im deutschen Raum war. König Sigismund suchte mit einer eigenen Goldprägung in den Reichsmünzstätten dieses Monopol zu brechen. Die Kurfürsten reagierten darauf mit dem Verbot, diese angeblich geringerwertigen Gepräge in ihren Zollstätten anzunehmen. Allerdings sollte dieses Verbot nicht veröffentlicht werden, was man den Lesern des Schreibens ausdrücklich einschärfte.

          Natürlich waren Währungskriege nicht auf das Mittelalter beschränkt. Um 1530 erregte in deutschen Landen der sogenannte sächsische Münzstreit die Gemüter. Dabei ging es um die Silbermünzprägung Kurfürst Johanns des Beständigen, die alles andere als beständig war. Sie lief vielmehr auf eine Münzverschlechterung hinaus und sollte dem Land mit seinen eigenen Silbervorkommen höhere Gewinne einbringen. Diese Politik führte zu Irritationen zwischen Johann und seinem Vetter, dem Albertiner Herzog Georg, der an einer wertbeständigen Münze interessiert war. Es kam zu einer Trennung der zuvor gemeinschaftlichen Münzprägung, wobei der Bruch zwischen den beiden Herrschern durch drei Flugschriften publik gemacht wurde, in denen beide Parteien ihre Argumente austauschten: "Brodt, Bier und alle andere Wahr wird gegeben werden wie man Müntz hat, man teuscht den Hendeler (Händler) nicht", hieß es von Seiten der Albertiner.

          Die minderwertige Nachprägung und Fälschung der Zahlungsmittel ihrer Kriegsgegner praktizierten unter anderem Friedrich der Große und der schwedische König Gustav III. Nach der Besetzung des mit Österreich verbündeten Kurfürstentums Sachsen im August 1756 hatten die Münzpächter Friedrichs des Großen, Veitel Ephraim und dessen Söhne, in den dortigen Münzstätten Leipzig und Dresden freie Hand zur Prägung minderwertiger sächsischer Münzen erhalten. Dazu konnten sie die Original-Prägestempel verwenden, die den sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. zeigten. Es verbreitete sich bald der Spottvers "Von außen schön, von innen schlimm, von außen Fritz (i.e. Friedrich August), von innen Ephraim" über diese Münzen.

          Auch König Gustav III. von Schweden ließ während seines von 1788 bis 1790 währenden Krieges gegen Russland das gegnerische Geld fälschen. Am bekanntesten sind Fünf-Kopeken-Münzen, die in Avesta entstanden, zum Erstaunen der russischen Behörden allerdings den russischen Originalen in ihrem Metallgehalt gleichwertig waren, weshalb man sie stillschweigend akzeptierte und froh war, die Prägekosten gespart zu haben...

          Spätestens durch den österreichischen Spielfilm "Die Fälscher" (2007) ist die großangelegte Fälschung englischer Banknoten durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg bekanntgeworden. Die Scheine wurden im Konzentrationslager Sachsenhausen gedruckt. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie eng die historische Verbindung von Währungskriegen und militärischen Auseinandersetzungen ist. Umso deutlicher wird die Notwendigkeit der Existenz des Internationalen Währungsfonds, über den sich viele Probleme auf friedlichem Wege lösen lassen.

          Dr. Hendrik Mäkeler ist Leiter des Münzkabinetts an der Universität Uppsala in Schweden.

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