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Volksabstimmung geplant : Athen stürzt die Märkte in Verzweiflung

Bild: FAZ

Nur kurz währte die Erleichterung: Der Plan einer Volksabstimmung in Griechenland lässt die Anleiherenditen aus Südeuropa wieder steigen und die Aktienkurse fallen.

          Zu Beginn der neuen Handelswoche hat sich die nach dem EU-Gipfeltreffen der vergangenen Woche beobachtete Risikofreude der Anleger wieder verflüchtigt. Fallende Aktienkurse, rückläufige Renditen für Staatsanleihen aus Deutschland und der Schweiz sowie steigende Renditen für Staatsanleihen aus der südeuropäischen Peripherie zeigen eine Rückkehr der Risikoscheu an.

          Gerald Braunberger
          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schon am Montag zeigten sich wachsende Zweifel an einer ausreichenden Nachfrage für Anleihen des EFSF sowie an der Reformbereitschaft Italiens. Der iTraxx-Western-Europe-Sovereign, ein Index für Preise von Kreditausfallderivaten (CDS) auf westeuropäische Staatsanleihen und damit ein Indikator für die Risikoscheu, legt wieder zu.

          Unerwarteter Paukenschlag aus Athen

          Am Montagabend kam noch ein Paukenschlag aus Athen: Nur wenige Tage nach dem Euro-Krisengipfel hat Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou ein Referendum angekündigt. Die Bürger sollen befragt werden, ob sie den neuen Hilfszusagen der internationalen Geldgeber zustimmen wollten oder nicht. Der Sozialist will sich zudem einer Vertrauensabstimmung im Parlament stellen.

          Der Euro rutschte nach der Ankündigung Papandreous deutlich ab. Die europäische Gemeinschaftswährung fiel am Dienstag im frühen Handel auf die Marke von 1,37 Dollar - am Montag hatte der Euro zeitweise noch mehr als 1,41 Dollar gekostet.

          „Abstimmung über Euro-Mitgliedschaft“

          Die überraschend angekündigte Volksabstimmung in Griechenland wird als Abstimmung über die Mitgliedschaft des Landes in der Euro-Zone aufgefasst. „Die Situation ist so angespannt, dass es im Prinzip eine Abstimmung über die Euro-Mitgliedschaft wäre“, sagte etwa der finnische Europaminister Alexander Stubb in einem Fernsehinterview.

          Die Bundesregierung wurde offensichtlich überrascht. Es handle sich dabei um eine „innenpolitische Entwicklung in Griechenland, über die der Bundesregierung bisher noch keine offiziellen Informationen vorliegen und die sie deswegen auch nicht kommentiert“, teilte das Bundesfinanzministerium am Montagabend mit.

          FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle zeigte sich „irritiert“ von der Entscheidung des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou und sprach von einem „merkwürdigen“ Verhalten. Wenn das griechische Volk gegen die vereinbarten Auflagen stimme, die die Gegenleistung für Hilfen seien, dann werde es seines Erachtens zu einem Staatsbankrott kommen.

          Deutsche Anleihen haussieren

          Auch die Zurückhaltung des Marktes gegenüber Italien nimmt in Gestalt einer immer flacheren Renditestrukturkurve zunehmend ernstere Formen an. Dies ist als ein ernstes Warnzeichen zu interpretieren, das es in dieser ausgeprägten Form etwa für spanische Anleihen nicht gibt. Zweijährige italienische Anleihen rentieren mit rund 5 Prozent, fünfjährige mit knapp 6 Prozent und zehnjährige mit gut 6 Prozent.

          Schon die Auktionen in den vergangenen Tagen verliefen schwach,  der Renditeabstand italienischer Staatsanleihen zu Bundesanleihen notiert nahe bei seinem 14-Jahres-Hoch.

          Dagegen gewinnt der richtungweisende Terminkontrakt auf die zehnjährige Bundesanleihe, der Bund-Future, am Dienstagmorgen extrem hohe 166 Basispunkte auf 137,13 Prozent, der kürzer laufende Bobl-Future 60 Basispunkte auf 122,94 Prozent.

          „Am europäischen Staatsanleihemarkt geht nicht nur wieder Skepsis um, sondern seit gestern Abend regelrecht Angst“, sagt Anleihenexperte Volker Brokelmann von der HSH Nordbank. Ein Referendum möge für das griechische Volk und die Regierenden die richtige und möglicherweise auch taktisch beste Vorgehensweise sein - für die Finanzmärkte sei die erhöhte Unsicherheit jedoch ein Tiefschlag.

          Zwischen Katastrophenfurcht und Unglauben

          Am Aktienmarkt büßte der Dax schon am Montagabend mehr als 3 Prozent ein und steht auch am Dienstag noch stärker unter Druck, nachdem in den Vereinigten Staaten der Dow Jones Industrial weiter abgerutscht war und sich in Japan die Kursverluste fortgesetzt hatten

          Die Aktienkurse der Commerzbank und der Deutschen Bank fallen um gut 8 Prozent, die Kurse französischer Banken brechen um 10 bis 15 Prozent ein.

          „Die Ankündigung der Volksabstimmung über die Griechenland-Hilfe trifft die Märkte wie ein Bombeneinschlag“, sagt ein Börsianer. Bis zu einem Votum der Griechen könnten Monate vergehen, da Gesetzesänderungen erst die Voraussetzungen schaffen müssten. Das bedeutet Monate der Unsicherheit für die Märkte und des drohenden Stillstands.

          Eine Ablehnung der finanziellen Hilfen seitens Griechenland wäre aus Sicht der Bremer Landesbank „Selbstmord“. Sollte die Bevölkerung gegen das im Frühjahr geplante Referendum zum neuen Hilfspaket stimmen, würde Griechenland ins Chaos gestürzt, schreibt Chef-Analyst Folker Hellmeyer. Mangels Hilfszahlung und Unterstützung der EZB drohte der totale Kollaps der griechischen Wirtschaft. „Er wäre sehr viel schmerzvoller als das gesamte Reformprogramm, das Griechenland bisher abverlangt wird.“ Zudem hätte die Staatspleite weitreichende Konsequenzen für die Eurozone, das Weltfinanzsystem und die Weltwirtschaft.

          HSH Nordbank-Analyst Brokelmann gibt sich darum optimistisch. Er geht davon aus, dass der neuerliche Schock eher kurzlebig sein werde. Die Regierungen der Euroland-Staaten dürften jetzt sogar noch etwas entschlossener an der Umsetzung der Beschlüsse des EU-Gipfels zur Schuldenkrise arbeiten.

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