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Scherbaums Börse : Viele Anleger haben keine Erfahrung mit Verlusten

  • -Aktualisiert am

Händler an der New Yorker Börse Bild: AP

Binnen drei Wochen sind die Kursgewinne mehr als eines ganzen Jahres pulverisiert. In Amerika endet der längste Bullenmarkt der Geschichte. Sind das schon Kaufgelegenheiten oder geht es weiter abwärts?

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          Die Ausbreitung des Coronavirus hat die Börsenkurse noch weiter einstürzen lassen. Es gibt derzeit keinen Experten, der seriöse Prognosen rund um die künftigen Auswirkungen des Coronavirus treffen will. Einschätzungen wie die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), falls der Ausbruch länger dauere und den asiatisch-pazifischen Raum, Europa und Nordamerika breit erfasse, es zu einer globalen Rezession komme, machen Anlegern große Angst. Der Verkaufsknopf wird ganz schnell gedrückt. Die vergangenen Handelstage zeigten es auf.

          Dem Crash am Montag folgte ein weiterer noch größerer Kursrutsch am Donnerstag, der an der Wall Street die Kurse so stark wie seit dem historischen Crash von 1987 nicht mehr einstürzen ließ. Damit ist nun der längste Bullenmarkt in der Geschichte der amerikanischen Börse zu Ende. Er dauerte fast elf Jahre, vom 9. März 2009 bis zum 19. Februar 2020. Seither verlor der S&P-500-Index mehr als 25 Prozent, so dass laut der offiziellen Definition ein Bärenmarkt begonnen hat. Während des Bullenmarktes verdienten Investoren 529 Prozent, basierend auf dem Indexanstieg und Dividenden.

          S&P 500

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          Es ist derzeit die pure Angst, die das Börsengeschehen beeinflusst. Auch vergleichsweise krisensichere Qualitätsaktien wurden zuletzt gnadenlos verkauft. Seitens der Marktexperten mahnt man zwar weiter zur Ruhe. Für Privatanleger, die gerade in den vergangenen sechs Handelstagen viel Geld verloren haben ist das ein Rat, der angesichts des Blicks in das eigene Depot schwerfallen dürfte.

          Parallele zur Finanzkrise 2008

          Christopher Smart, Chefstratege bei Barings, kommentiert die Kurseinbrüche an den Börsen sehr drastisch: „Was die Märkte in dieser Woche am meisten erschreckt haben dürfte, ist die dämmernde Erkenntnis, dass niemand Verantwortung übernimmt und es keinen Plan gibt. Es habe bisher nur sehr wenig Koordination dazu gegeben, wie Covid-19 am besten eingedämmt werden kann, beklagt Smart.

          Die derzeitige Risikosituation ähnelt der zu Beginn der Finanzkrise 2008. Nicht wegen fallender Kurse oder steigender Volatilität, sondern wegen der Informationsunsicherheit, meint Ivan Mlinaric von Quant Capital. „Weder die Auslöser noch die notwendigen Gegenmaßnahmen waren damals klar definiert – und das sind sie auch heute nicht“. Er führt weiter aus: „Ähnlich wie 2007/2008 umgibt uns aktuell wieder eine Vielzahl an Krisenherden und Ursachen“, sagt Mlinaric. „Wir sehen Angebotskrisen, Nachfragekrisen, Schuldenkrisen, sogar Liquiditätskrisen wie bei den amerikanischen Repo-Märkten oder beim Venture Capital.“ Nicht zu vergessen die Krise am Ölmarkt.

          Kommen koordinierte Liquiditätsspritzen?

          Viele Investoren seien das, was im Moment geschehe, nicht mehr gewohnt. Eine ganze Generation von Marktteilnehmern habe nur Märkte mit klaren Trends und kurzen, V-förmigen Korrekturen kennengelernt, so Mlinaric weiter. Sein Rat an Anleger klingt nachvollziehbar: „Als Investoren sollten wir uns auf unsere alten Erfahrungen besinnen: Wenn die Märkte teuer sind und die Konjunktur schwächelt, ist es an der Zeit, Portfoliorisiken zu reduzieren und konjunkturelle Risiken abzusichern.“

          Das scheint vielen aber zu dürftig zu sein. Der Ruf nach den Notenbanken, nach koordinierten Liquiditätsspritzen, ist in den vergangenen Tagen sehr groß geworden. Viele Experten gestehen aber auch ein, dass Fed & Co in der aktuellen Situation nur bedingt helfen können. Die erste Notfall-Zinssenkung der amerikanischen Notenbank der vergangenen zehn Jahre und die beruhigenden Worte von Fed-Chef Jerome Powell haben die Finanzmärkte nicht wirklich beruhigen können.

          Anleger von EZB enttäuscht

          „Obwohl Zinssenkungen wenig dabei helfen, die direkten Folgen des Virus auf der Angebotsseite zu mildern, könnten doch koordinierte Liquiditätsspritzen für die Wirtschaft dafür sorgen, dem Markt eine klare Botschaft zu senden und die Situation zu stabilisieren“, sagt Jeff Schulze, Investmentstratege der Legg-Mason-Tochter ClearBridge Investments.

          Auch Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei LFDE - La Financière de l’Échiquier relativiert die Wirkung der Notenbanken, kommentiert aber: „Die Zentralbanken werden uns zwar nicht heilen, aber sie helfen Unternehmen, Verbrauchern und Staaten, die Krise besser zu überstehen.

          Auf den ersten Blick scheinen die Maßnahmen nur Großunternehmen oder Spekulanten zu nutzen, führt de Berranger weiter aus. „Tatsächlich ermöglichen niedrigere Zinssätze den Staaten jedoch, sich zu geringeren Kosten zu verschulden und auf diesem Wege haushalts- oder fiskalpolitische Konjunkturprogramme aufzulegen.“

          Die Europäische Zentralbank (EZB) reagierte am Donnerstag auf das sich zunehmend ausbreitende Coronavirus. Die Währungshüter beschlossen auf ihrer Sitzung in Frankfurt, bis zum Jahresende, zusätzlich 120 Milliarden Euro für Wertpapierkäufe auszugeben. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte ihre Bereitschaft, „im Notfall alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen“. Für viele Anleger ist der Notfall schon eingetreten. Sie hatten daher eine Zinssenkung erwartet. Die Reaktionen an der Börse nach dem EZB-Entscheid zeigten es auf.

          Mittelfristig wieder Anlegerchancen

          Bei allen Sorgenfalten auf der Stirn der Anleger sehen Anlageexperten aber auch mittelfristig wieder Chancen für Investoren am Aktienmarkt.

          Obwohl Investmentstrategen wie Jeff Schulze, Investmentstratege bei ClearBridge Investments, die aktuelle wirtschaftliche Situation als angespannt bewerten, hätten sich die ersten Maßnahmen der amerikanischen Notenbank bereits bewährt. „Die Ausweitung der Bilanz der Notenbank hat die Rezessionsgefahr in den Vereinigten Staaten deutlich abgemildert. Auch die gesunkenen Ölpreise sind nicht durchweg negativ zu werten und stützen wichtige Branchen wie die Luftfahrt oder auch die Chemieindustrie. Mittels bewährter Maßnahmen aus der Zeit der Finanzkrise und zielgerichteter Investitionen in Zukunftstechnologie kann die Weltwirtschaft bis Jahresende stabilisiert werden“, betont Schulze.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Archiv

          Laut der Experten der Fondsgesellschaft Legg Mason sollten drei Faktoren die Börsen stützen: Neben koordinierten Liquiditätsspritzen der Notenbanken nennen sie den Aufbau grüner Infrastruktur und die Einführung des 5G-Mobilfunkstandards.

          Investitionen in Infrastruktur könnten demnach inmitten der Krise eine stabilisierende Wirkung haben. „Wir gehen davon aus, dass Investitionen in Infrastruktur ein wichtiges Werkzeug für Regierungen sein werden“, sagt Charles Hamieh von der Legg-Mason-Boutique RARE Infrastructure und verweist insbesondere auf nachhaltige Maßnahmen. „Viele Regionen, wie beispielsweise die EU, Kalifornien oder Virginia, haben sich ambitionierte Klimaziele gesteckt. Die schwachen ökonomischen Aussichten und auch die Folgen der Corona-Krise könnten Katalysatoren dafür sein, diese Ziele früher anzugehen als bislang geplant“, so Hamieh und nennt exemplarisch Projekte für erneuerbare Energie. Hinzu komme, dass nachhaltige Investments nach ESG-Kriterien am Markt auf Zuspruch stoßen.

          Daneben könnte auch der neue Mobilfunkstandard 5G dabei helfen, das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte wieder anzuschieben. 5G gilt als Zukunftstechnologie und Voraussetzung für Entwicklungen im Bereich Internet der Dinge. Bei RARE Infrastructure geht man davon aus, dass die Einführung des ersten 5G-iPhones im September der gesamten Branche neue Impulse geben werde. „Hersteller von Smartphones dürften unmittelbar vom neuen Mobilfunkstandard profitieren, aber auch Ausrüster und Zulieferer können zusätzliche Aufträge erwarten“, so ein Analyst und verweist darauf, dass steigende Bandbreiten und größere Datenvolumina auch Investitionen in bestehende Infrastruktur nötig machen.

          Was Anleger tun können

          Bei allen mittelfristigen Chancen wird der deutsche Anleger aber zunächst erst einmal auf den Dax schauen. Beim Anblick des Charts müssen wohl auch Erfahrene schlucken.

          DAX ®

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          Der DAX 30 schloss am Donnerstag 12,24 Prozent tiefer als am Vortag. Nach Einschätzung von Martin Utschneider, Leiter Technische Analyse bei Donner und Reuschel, dürften hohe

          Schwankungsbreiten und Volatilitäten am Aktienmarkt weiterhin „zu wiederkehrenden kurzfristigen und einschneidenden Rücksetzern führen“.

          Auch wenn es abgedroschen für manchen klingen mag: Ruhe bewahren, statt in Panik zu verfallen ist unverändert die beste Devise in der aktuellen Gemengelage.  Der amerikanische Staranleger Warren Buffett sagte jüngst in einem Interview, als er  zu den Corona-Risiken befragt wurde, dass er beim Kauf von Aktien nie groß darum kümmere, wie das Unternehmen in diesem oder im nächsten Jahr dastehe, sondern sich anschaue, wie das Unternehmen sich in den nächsten fünf, zehn oder zwanzig Jahren entwickeln wird und ob vor diesem Hintergrund der aktuelle Börsenkurs als günstig zu beurteilen ist.

          An den Börsen ist der Faktor Gier dem Faktor Angst gewichen, das birgt vielleicht schon bald wieder Chancen.  Nimmt man die Vergangenheit zur Hand, so lehrt diese, dass auf jede Krise eine Erholung folgte.

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