https://www.faz.net/-gv6-9xgc1

Scherbaums Börse : Viele Anleger haben keine Erfahrung mit Verlusten

  • -Aktualisiert am

Händler an der New Yorker Börse Bild: AP

Binnen drei Wochen sind die Kursgewinne mehr als eines ganzen Jahres pulverisiert. In Amerika endet der längste Bullenmarkt der Geschichte. Sind das schon Kaufgelegenheiten oder geht es weiter abwärts?

          5 Min.

          Die Ausbreitung des Coronavirus hat die Börsenkurse noch weiter einstürzen lassen. Es gibt derzeit keinen Experten, der seriöse Prognosen rund um die künftigen Auswirkungen des Coronavirus treffen will. Einschätzungen wie die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), falls der Ausbruch länger dauere und den asiatisch-pazifischen Raum, Europa und Nordamerika breit erfasse, es zu einer globalen Rezession komme, machen Anlegern große Angst. Der Verkaufsknopf wird ganz schnell gedrückt. Die vergangenen Handelstage zeigten es auf.

          Dem Crash am Montag folgte ein weiterer noch größerer Kursrutsch am Donnerstag, der an der Wall Street die Kurse so stark wie seit dem historischen Crash von 1987 nicht mehr einstürzen ließ. Damit ist nun der längste Bullenmarkt in der Geschichte der amerikanischen Börse zu Ende. Er dauerte fast elf Jahre, vom 9. März 2009 bis zum 19. Februar 2020. Seither verlor der S&P-500-Index mehr als 25 Prozent, so dass laut der offiziellen Definition ein Bärenmarkt begonnen hat. Während des Bullenmarktes verdienten Investoren 529 Prozent, basierend auf dem Indexanstieg und Dividenden.

          S&P 500

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Es ist derzeit die pure Angst, die das Börsengeschehen beeinflusst. Auch vergleichsweise krisensichere Qualitätsaktien wurden zuletzt gnadenlos verkauft. Seitens der Marktexperten mahnt man zwar weiter zur Ruhe. Für Privatanleger, die gerade in den vergangenen sechs Handelstagen viel Geld verloren haben ist das ein Rat, der angesichts des Blicks in das eigene Depot schwerfallen dürfte.

          Parallele zur Finanzkrise 2008

          Christopher Smart, Chefstratege bei Barings, kommentiert die Kurseinbrüche an den Börsen sehr drastisch: „Was die Märkte in dieser Woche am meisten erschreckt haben dürfte, ist die dämmernde Erkenntnis, dass niemand Verantwortung übernimmt und es keinen Plan gibt. Es habe bisher nur sehr wenig Koordination dazu gegeben, wie Covid-19 am besten eingedämmt werden kann, beklagt Smart.

          Die derzeitige Risikosituation ähnelt der zu Beginn der Finanzkrise 2008. Nicht wegen fallender Kurse oder steigender Volatilität, sondern wegen der Informationsunsicherheit, meint Ivan Mlinaric von Quant Capital. „Weder die Auslöser noch die notwendigen Gegenmaßnahmen waren damals klar definiert – und das sind sie auch heute nicht“. Er führt weiter aus: „Ähnlich wie 2007/2008 umgibt uns aktuell wieder eine Vielzahl an Krisenherden und Ursachen“, sagt Mlinaric. „Wir sehen Angebotskrisen, Nachfragekrisen, Schuldenkrisen, sogar Liquiditätskrisen wie bei den amerikanischen Repo-Märkten oder beim Venture Capital.“ Nicht zu vergessen die Krise am Ölmarkt.

          Kommen koordinierte Liquiditätsspritzen?

          Viele Investoren seien das, was im Moment geschehe, nicht mehr gewohnt. Eine ganze Generation von Marktteilnehmern habe nur Märkte mit klaren Trends und kurzen, V-förmigen Korrekturen kennengelernt, so Mlinaric weiter. Sein Rat an Anleger klingt nachvollziehbar: „Als Investoren sollten wir uns auf unsere alten Erfahrungen besinnen: Wenn die Märkte teuer sind und die Konjunktur schwächelt, ist es an der Zeit, Portfoliorisiken zu reduzieren und konjunkturelle Risiken abzusichern.“

          Das scheint vielen aber zu dürftig zu sein. Der Ruf nach den Notenbanken, nach koordinierten Liquiditätsspritzen, ist in den vergangenen Tagen sehr groß geworden. Viele Experten gestehen aber auch ein, dass Fed & Co in der aktuellen Situation nur bedingt helfen können. Die erste Notfall-Zinssenkung der amerikanischen Notenbank der vergangenen zehn Jahre und die beruhigenden Worte von Fed-Chef Jerome Powell haben die Finanzmärkte nicht wirklich beruhigen können.

          Anleger von EZB enttäuscht

          „Obwohl Zinssenkungen wenig dabei helfen, die direkten Folgen des Virus auf der Angebotsseite zu mildern, könnten doch koordinierte Liquiditätsspritzen für die Wirtschaft dafür sorgen, dem Markt eine klare Botschaft zu senden und die Situation zu stabilisieren“, sagt Jeff Schulze, Investmentstratege der Legg-Mason-Tochter ClearBridge Investments.

          Auch Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei LFDE - La Financière de l’Échiquier relativiert die Wirkung der Notenbanken, kommentiert aber: „Die Zentralbanken werden uns zwar nicht heilen, aber sie helfen Unternehmen, Verbrauchern und Staaten, die Krise besser zu überstehen.

          Auf den ersten Blick scheinen die Maßnahmen nur Großunternehmen oder Spekulanten zu nutzen, führt de Berranger weiter aus. „Tatsächlich ermöglichen niedrigere Zinssätze den Staaten jedoch, sich zu geringeren Kosten zu verschulden und auf diesem Wege haushalts- oder fiskalpolitische Konjunkturprogramme aufzulegen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sieht so die beste Impfstrategie aus? Das Impfzentrum des Klinikums Stuttgart in der Liederhalle

          Infektionsgeschehen : Das Risiko der Armen

          In immer mehr Städten zeigt sich, dass sich die Menschen in strukturschwachen Vierteln eher mit Corona infizieren. Stuttgart hat das nun genau analysiert. Muss gezielter geimpft werden?
          Französische Fischerboote vor der Küste von Jersey am Donnerstagmorgen

          Brexit-Streit vor Jersey : Wenn Paris und London Kriegsschiffe entsenden

          Die Regierungen rufen nach einer gütlichen Einigung, üben sich aber in militärischen Drohgebärden. Ein französischer Fischer will es wissen: „Wir sind bereit, die Schlacht von Trafalgar noch einmal zu führen.“

          Champions League : Tuchel, der Kontrollfreak

          Sein System funktioniert: In erstaunlichem Tempo hat Trainer Thomas Tuchel das Spiel des FC Chelsea transformiert – nun steht er schon wieder im Champions-League-Finale.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.