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Scherbaums Börse : Viele Anleger haben keine Erfahrung mit Verlusten

  • -Aktualisiert am

Die Europäische Zentralbank (EZB) reagierte am Donnerstag auf das sich zunehmend ausbreitende Coronavirus. Die Währungshüter beschlossen auf ihrer Sitzung in Frankfurt, bis zum Jahresende, zusätzlich 120 Milliarden Euro für Wertpapierkäufe auszugeben. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte ihre Bereitschaft, „im Notfall alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen“. Für viele Anleger ist der Notfall schon eingetreten. Sie hatten daher eine Zinssenkung erwartet. Die Reaktionen an der Börse nach dem EZB-Entscheid zeigten es auf.

Mittelfristig wieder Anlegerchancen

Bei allen Sorgenfalten auf der Stirn der Anleger sehen Anlageexperten aber auch mittelfristig wieder Chancen für Investoren am Aktienmarkt.

Obwohl Investmentstrategen wie Jeff Schulze, Investmentstratege bei ClearBridge Investments, die aktuelle wirtschaftliche Situation als angespannt bewerten, hätten sich die ersten Maßnahmen der amerikanischen Notenbank bereits bewährt. „Die Ausweitung der Bilanz der Notenbank hat die Rezessionsgefahr in den Vereinigten Staaten deutlich abgemildert. Auch die gesunkenen Ölpreise sind nicht durchweg negativ zu werten und stützen wichtige Branchen wie die Luftfahrt oder auch die Chemieindustrie. Mittels bewährter Maßnahmen aus der Zeit der Finanzkrise und zielgerichteter Investitionen in Zukunftstechnologie kann die Weltwirtschaft bis Jahresende stabilisiert werden“, betont Schulze.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Archiv

Laut der Experten der Fondsgesellschaft Legg Mason sollten drei Faktoren die Börsen stützen: Neben koordinierten Liquiditätsspritzen der Notenbanken nennen sie den Aufbau grüner Infrastruktur und die Einführung des 5G-Mobilfunkstandards.

Investitionen in Infrastruktur könnten demnach inmitten der Krise eine stabilisierende Wirkung haben. „Wir gehen davon aus, dass Investitionen in Infrastruktur ein wichtiges Werkzeug für Regierungen sein werden“, sagt Charles Hamieh von der Legg-Mason-Boutique RARE Infrastructure und verweist insbesondere auf nachhaltige Maßnahmen. „Viele Regionen, wie beispielsweise die EU, Kalifornien oder Virginia, haben sich ambitionierte Klimaziele gesteckt. Die schwachen ökonomischen Aussichten und auch die Folgen der Corona-Krise könnten Katalysatoren dafür sein, diese Ziele früher anzugehen als bislang geplant“, so Hamieh und nennt exemplarisch Projekte für erneuerbare Energie. Hinzu komme, dass nachhaltige Investments nach ESG-Kriterien am Markt auf Zuspruch stoßen.

Daneben könnte auch der neue Mobilfunkstandard 5G dabei helfen, das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte wieder anzuschieben. 5G gilt als Zukunftstechnologie und Voraussetzung für Entwicklungen im Bereich Internet der Dinge. Bei RARE Infrastructure geht man davon aus, dass die Einführung des ersten 5G-iPhones im September der gesamten Branche neue Impulse geben werde. „Hersteller von Smartphones dürften unmittelbar vom neuen Mobilfunkstandard profitieren, aber auch Ausrüster und Zulieferer können zusätzliche Aufträge erwarten“, so ein Analyst und verweist darauf, dass steigende Bandbreiten und größere Datenvolumina auch Investitionen in bestehende Infrastruktur nötig machen.

Was Anleger tun können

Bei allen mittelfristigen Chancen wird der deutsche Anleger aber zunächst erst einmal auf den Dax schauen. Beim Anblick des Charts müssen wohl auch Erfahrene schlucken.

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Der DAX 30 schloss am Donnerstag 12,24 Prozent tiefer als am Vortag. Nach Einschätzung von Martin Utschneider, Leiter Technische Analyse bei Donner und Reuschel, dürften hohe

Schwankungsbreiten und Volatilitäten am Aktienmarkt weiterhin „zu wiederkehrenden kurzfristigen und einschneidenden Rücksetzern führen“.

Auch wenn es abgedroschen für manchen klingen mag: Ruhe bewahren, statt in Panik zu verfallen ist unverändert die beste Devise in der aktuellen Gemengelage.  Der amerikanische Staranleger Warren Buffett sagte jüngst in einem Interview, als er  zu den Corona-Risiken befragt wurde, dass er beim Kauf von Aktien nie groß darum kümmere, wie das Unternehmen in diesem oder im nächsten Jahr dastehe, sondern sich anschaue, wie das Unternehmen sich in den nächsten fünf, zehn oder zwanzig Jahren entwickeln wird und ob vor diesem Hintergrund der aktuelle Börsenkurs als günstig zu beurteilen ist.

An den Börsen ist der Faktor Gier dem Faktor Angst gewichen, das birgt vielleicht schon bald wieder Chancen.  Nimmt man die Vergangenheit zur Hand, so lehrt diese, dass auf jede Krise eine Erholung folgte.

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