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Umfrage : Versicherer werden immer knausriger

Die häufigste Ursache für die Berufsunfähigkeit sind psychische Erkrankungen. Bild: dpa

Fast alle Versicherungsfälle werden reibungslos reguliert - sagt die Versicherungswirtschaft. Eine Umfrage des Anwaltvereins zeichnet ein anderes Bild. Die Versicherer wollen das so nicht stehen lassen.

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          Im Juni vor eineinhalb Jahren trumpfte die Versicherungswirtschaft auf. „98 bis 99 Prozent der Fälle werden reibungslos reguliert“, ließ der Branchenverband GDV wissen. Das war das Fazit einer Stellungnahme, um die ihn die damalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gebeten hatte. Denn unter Verbrauchern hatte sich der Eindruck breitgemacht, im Streitfall zahlten Versicherer keine Leistungen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Den Deutschen Anwaltverein (DAV) machte dieses Ergebnis skeptisch. Nun ließ er das Meinungsforschungsinstitut Forsa seine 1257 Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft Versicherungsrecht befragen. Die Tendenz der Studie, die der DAV am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, liest sich ganz anders: 70 Prozent der Befragten gaben an, das Regulierungsverhalten habe sich verschlechtert. Noch dramatischer ist demnach die Entwicklung im Haftungs- und Verkehrsrecht, weniger extrem dagegen im Versicherungsrecht.

          Drama um die Berufsunfähigkeitsversicherung

          Ansprüche würden bewusst verzögert oder vereitelt, klagten 65 Prozent der Befragten. Zudem wollten die Versicherer die Schadenssummen gering halten oder sparten schlicht am Personal, sagte mehr als die Hälfte der Befragten. Nur jeder Zwanzigste gab dagegen an, dass sich das Regulierungsverhalten verbessert habe. Innerhalb dieser Gruppe fanden dann fast 70 Prozent, die Bearbeitungszeit sei schneller geworden.

          Die Brisanz der Untersuchung zeigt sich vor allem, wenn man sich die Versicherungssparten genauer anschaut, in denen Schwierigkeiten auftreten. 77 Prozent der Fachleute für Versicherungsvertragsrecht nannten die Berufsunfähigkeitsversicherung als Beispiel für häufigen Dissens. Eine Ursache sei die Tatsache, dass diese Versicherung anders als Unfallpolicen eine „Alles-oder-Nichts-Versicherung“ sei, bei der entweder gezahlt oder abgelehnt werde, so der Anwaltsverein.

          Für die Kunden ist es besonders bedrohlich, wenn ein erwarteter Anspruch abgelehnt wird, da es um eine existenzielle Absicherung geht. Den Vermittlern komme deshalb eine große Verantwortung zu, so Arno Schubach von der DAV-Arbeitsgruppe: „Gerade im Bereich der Personenversicherung scheint der Beratungsbedarf des Kunden bei Abschluss einer Versicherung nicht ausreichend gedeckt zu sein.“

          Dieser Schluss liegt nahe, weil aus Sicht der Anwälte besonders häufig eine Verletzung der Anzeigepflicht vor dem Vertragsschluss der wichtigste Streitpunkt ist. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn Kunden ihre Gesundheitsfragen falsch beantwortet haben.

          Anwälte und Versicherer wollen reden

          Die Versicherer scheuen offenbar auch den  Gang vor Gericht nicht. Deckungsstreitigkeiten werden laut der Befragung zu 36 Prozent gerichtlich entschieden. Zu 16 Prozent beendet ein gerichtlicher Vergleich die Auseinandersetzung, zu 29 Prozent ein außergerichtlicher Vergleich. „Auch wenn die Versicherer gerne anführen, dass ein Großteil der Schadensregulierungen auch ohne Einschaltung von Rechtsanwälten zur Zufriedenheit der Geschädigten durchgeführt werde, muss bezweifelt werden, dass der Geschädigte tatsächlich alle ihm zustehenden Ansprüche erhalten hat“, sagte DAV-Fachanwältin Monika Maria Risch. Der Anwaltsverein kündigte Gespräche mit dem Versichererverband GDV an, um nach Lösungen zu suchen, wie die Lage der Kunden zumindest bei existenzsichernden Personenversicherungen verbessert werden kann.

          Der GDV zeigte sich für solche Gespräche offen. Allerdings betonte der Verband, dass eine Umfrage, die nur nach den Erfahrungen der Anwälte gefragt habe, kaum mit der Stellungnahme gegenüber dem Justizministerium mithalten könne. In die Stellungnahme dagegen seien umfangreiche Datenerhebungen eingeflossen – darunter aus 23 Millionen Leistungsfällen in der Schaden- und Unfall- sowie der Berufsunfähigkeitsversicherung.

          Auch die Zahlen des brancheneigenen Versicherungsombudsmanns sprächen gegen eine schlechte Schadenbearbeitung. Nur 8000 zulässige Beschwerden seien bei ihm zu diesen Themen eingegangen. „Bei Anwälten landen ja nur die Fälle, in denen ein Kunde oder Geschädigter unzufrieden war mit seinem Versicherer“, erklärte der Vorsitzende des GDV-Hauptausschusses Schaden- und Unfallversicherung, Norbert Rollinger (R+V). Angesichts von rund 23 Millionen Schadenfällen in der Schaden- und Unfallversicherung im Jahr, bleibt aber doch die ganz große Masse  der problemlos regulierten Fälle bei der Betrachtung der Anwälte außen vor.“

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