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Versicherungen : Vorsicht im Unisex-Schlussverkauf

Bild: F.A.Z.

Wer vor dem 21. Dezember eine Versicherung abschließt, muss auf Fallstricke achten. Viele Verträge sichern nicht dauerhaft derzeitige Vorteile.

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          Größere rechtliche Änderungen spornen die Vertriebsmannschaften von Versicherern besonders an. Schließlich kann man den Kunden damit locken, dass nach der Anpassung alles schlechter für ihn wird. Im vergangenen Jahr etwa rettete die Senkung des Garantiezinses von 2,25 auf 1,75 Prozent den Lebensversicherern das Jahresendgeschäft. Zum 21. Dezember steht eine möglicherweise noch gravierendere Änderung ins Haus: Von diesem Tag an dürfen Versicherer Verträge für Männer und Frauen nur noch zu identischen Beiträgen anbieten. Hintergrund ist das Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 1. März vergangenen Jahres.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          „Unisex hat eine sehr viel stärkere materielle Auswirkung für den Kunden als die Senkung des Garantiezinses“, sagt Johannes Lörper, Vorstand der Ergo Leben. „Deshalb erwarte ich ein starkes Kundeninteresse.“ Erste Anzeichen einer Jahresendrally sind schon zu beobachten: Banken und Versicherer versorgen ihre Kunden mit Merkzetteln, auf denen diese vermeintlich über Unisex aufgeklärt werden. Rechtzeitig zu handeln, rät etwa die Targobank in einem Kundenschreiben: „Denn wer sich jetzt schon über die anstehenden Änderungen informiert, kann am besten auf die Umstellung reagieren und - je nach Geschlecht - jetzt noch das passende Produkt abschließen.“

          Dabei sind Makler und andere Vertriebsorganisationen aus dem Schaden der Vergangenheit klug geworden. Einen Vertragsabschluss empfehlen sie nur noch Verbrauchern, die ohnehin über eine neue Police nachdenken. Fachleute erwarten besonders große Preisunterschiede bei Pflegerenten. Derzeit sind Männer wegen des geringeren Pflegerisikos besser gestellt. Künftig könnten die Tarife um bis zu 40 Prozent teurer werden. Umgekehrt sieht es bei Risikolebensversicherungen aus, die für junge Frauen nach altem Recht um bis zu 70 Prozent günstiger sind als nach der Umstellung.

          Anpassungen sind komplex

          Doch im Vergleich zu anderen Rechtsänderungen sind die nötigen Anpassungen an die Unisex-Welt komplexer und beinhalten riskante Fallstricke. So läuft der Kunde Gefahr, sich einen Vertrag des alten Rechts zu sichern und mit einzelnen Komponenten dennoch in der Unisex-Welt zu landen. Ein Beispiel: Ein Selbständiger will vor dem 21. Dezember eine Rürup-Rente für seine private Altersvorsorge abschließen. Häufig vereinbaren Kunden einen niedrigen Sockelbetrag, den sie je nach Geschäftserfolg mit Zuzahlungen aufstocken. Doch knapp vier von fünf Rürupverträgen sind nicht „Unisex-sicher“. Das bedeutet, dass der Rumpfvertrag zwar nach den günstigeren Regeln kalkuliert ist. Die Zuzahlung hingegen erfolgt nach der nachteiligen Unisex-Kalkulation.

          Für den Kunden ist das ärgerlich, wenn er sich zum Abschluss der Versicherung gerade deshalb durchgerungen hat, weil er sich die besseren Vertragsbedingungen vor Dezember 2012 sichern wollte. In der Rürup-Rente ist das besonders eklatant, weil der Anteil von Zuzahlungen oft sogar größer ist als der von regelmäßigen Prämienzahlungen. „Hier verschwindet dann die Grundlage, warum man jetzt noch eine Police abschließen sollte“, sagt Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses Franke & Bornberg.

          In einer Übersicht für diese Zeitung hat Franke analysiert, welche Komponenten von Verträgen „Unisex-sicher“ sind. Vor allem die Zuzahlungen und die dynamische Erhöhung privater Rentenversicherungen wird in der Mehrheit nach neuem Recht geregelt (siehe Grafik). Wenn Kunden den Rentenbeginn später einmal verschieben oder beitragsfrei gestellte Verträge wieder in Kraft setzen wollen, sind die Anbieter mehrheitlich großzügiger und lassen dies zu den alten Bedingungen zu.

          Entstanden ist diese Schwierigkeit ungewollt, weil durch das EuGH-Urteil für eine kurze Zeit der direkte Vergleich zwischen sogenannten „Bisex“- und Unisex-Verträgen für den Kunden relevant geworden ist. Die Versicherer sind dennoch sehenden Auges in diese Situation geraten. Einzelne Anbieter haben ihre Verträge für die Zeit der Umstellung angepasst, um dem Kunden die Vorteile der alten Regelung zu retten. So führte die Continentale im April „Unisex-Retter“-Verträge für sich und die Direktversicherungstochter Europa ein, die sich nach Angaben des Unternehmens gut verkaufen. Auch Alte Leipziger, Debeka, Interrisk und My Life sichern Kunden ihre alten Vorteile, die vor allem auf Makler ausgerichteten Anbieter Stuttgarter und Volkswohl Bund zumindest für einige Jahre oder bis zu einem bestimmten Prämienniveau.

          Für Makler besteht in diesen Fallstricken ein Haftungsrisiko. Bittet sie ein Kunde explizit um ein Angebot, das die Vorteile der alten Welt sichern soll, und sie suchen dann einen Vertrag aus, der nicht „Unisex-sicher“ ist, so haben sie den Kunden fehlberaten. In ihren Beratungsgesprächen müssen sie den Verbraucher also zumindest darüber aufklären, dass es unterschiedliche Arten von Verträgen gibt.

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