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Verschuldeter Fußballclub : Warum die Werder-Anleihe einen so hohen Zins bietet

Der Trainer von Werder Bremen während des Spiels gegen Bayer 04 Leverkusen am 32. Bundesligaspieltag Bild: dpa

Nach Schalke 04 begibt nun auch der SV Werder Bremen eine Anleihe am Kapitalmarkt. Die finanzielle Situation ist nicht gut, aber der Verein hofft auf Transfererlöse und den Klassenverbleib.

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          Fußballanleihen sind so eine Sache. Wenn Vereine finanziell der Schuh drückt, bitten sie oftmals ihre Fans in Form von Anleihen um Geld. Doch die Erfahrungen sind nicht besonders gut. Arminia Bielefeld etwa gelang der Lizenzerhalt 2011 nur, weil Fans die seinerzeit fällige Anleihe entweder umtauschten oder ganz auf die Tilgung verzichteten. Auch den HSV drückt der finanzielle Schuh – das drohende abermalige Verpassen des Aufstiegs in die 1. Liga wird die Situation nicht besser machen.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ganz zu schweigen von Schalke 04, dem einzigen deutschen Fußballverein, der eine klassische Anleihe auf dem Kapitalmarkt ausstehen hat. Die Renditen von aktuell knapp 17 Prozent für das 2023 fällige Papier spricht im Nullzinsumfeld Bände.

          Nun kommt unter dem Slogan „kontrollierte Offensive“  Werder Bremen mit einer Mittelstandsanleihe hinzu. Vom kommenden Montag an bis voraussichtlich zum 1. Juni wird der Verein eine Anleihe im Volumen von bis zu 30 Millionen Euro anbieten. Der Zinssatz wird je nach Platzierungserfolg zwischen 6 und 7,5 Prozent betragen. Gezeichnet werden kann ab 1.000 Euro, direkt über die Zeichnungsfunktionalität der Deutschen Börse und die Internetseiten des Vereins. Fällig ist die Rückzahlung am 31. Juli 2026.

          Deutliche Umsatzeinbrüche

          Mit dem Erlös will der akut abstiegsbedrohte Erstligist seine Liquidität stärken sowie strategische Weiterentwicklungsprojekte finanzieren, insbesondere die Nachwuchsförderung, die Digitalisierung und Nachhaltigkeitsprojekte. Zeichnungszusagen lägen schon im zweistelligen Millionen-Bereich vor.

          „Unser Angebot richtet sich an Privatanleger und institutionelle Investoren“, sagt Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung. „Die sehr positiven Rückmeldungen aus der im Vorfeld erfolgten Ansprache ausgewählter Investoren macht uns sehr zuversichtlich, hier ein attraktives Kapitalmarktprodukt zu haben."

          Die mit dem Prospekt veröffentlichten geprüften Jahreszahlen reichen nur bis zum Juni des Vorjahres, so dass die Auswirkungen der leeren Stadien da noch nicht so recht erfasst sind. Nichtsdestoweniger ist schon im Geschäftsjahr 2019/20 der Umsatz gegenüber dem Vorjahr deutlich von rund 154 auf nur noch rund 120 Millionen Euro gefallen. Stand Mitte 2019 noch ein Gewinn von 3,5 Millionen Euro zu Buche, schloss die SV Werder Bremen GmbH & Co KGaA das darauffolgende Geschäftsjahr mit einem satten Minus von 23,8 Millionen Euro ab. Im zweiten Kalenderhalbjahr 2020 sank der Umsatz gegenüber der Vorjahresperiode von 65,4 Millionen Euro auf 43,4 Millionen Euro, der Verlust wuchs von 6,3 auf 17,3 Millionen Euro an.

          Coronagebeutelte Bilanz

          Viel schwerer wiegt jedoch die erhebliche Verschlechterung der Bilanz. Verfügt Werder zum 30. Juni 2019 noch über eine schon eher dünne Eigenkapitaldecke von 14 und zum 31.12.2019 von noch 6 Prozent der Bilanzsumme, so belief sich diese zum Jahresende 2020 auf verheerende minus 35 Prozent. Knapp 60 Millionen Euro Schulden standen Vermögenswerte von 55 Millionen Euro gegenüber. Deutlich bemerkbar machen sich vor allem aber 19,5 Millionen Euro Mindereinnahmen aus dem Spielbetrieb, aus dem praktisch kaum Geld floss und 3 Millionen Euro Werbeeinnahmen weniger.

          Hingegen kalkuliert man mit Transfererlösen von mehr als 11 Millionen Euro in der laufenden ersten Jahreshälfte, die erst einmal erzielt werden wollen. Je nachdem wird sich dann das Verhältnis von Nettofinanzverschuldung und operativem Gewinn mit dem Vierfachen oder eben deutlich darüber mehr oder weniger positiv darstellen.

          „Aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der bestehenden Covid-19-Pandemie, verbunden mit der weiter unsicheren diesbezüglichen Entwicklung, besteht wie bereits im Konzernabschluss zum 30.06.2020 sowie im Zwischenkonzernabschluss zum 31.12.2020 jeweils dargestellt ein wesentliches Bestandsrisiko für den SV Werder Konzern“, heißt es im Prospekt.

          Schreckgespenst 2. Liga

          Ziel der Gesellschaft sei es, die Zahlungsfähigkeit sowie die Eigenkapitalsituation insbesondere durch Transfererlöse zu verbessern. Man gehe davon aus, dass sich der Transfermarkt ab Mitte 2021 wieder normalisiert. Darüber hinaus habe man mit Beginn der Pandemie ein striktes Kostenprogramm aufgelegt sowie Gehaltsverzichte im Bundesligakader, Trainerteam, der Geschäftsführung und der ersten Führungsebene umsetzen können. Über ein gewährtes landesverbürgtes Darlehen hinaus sollen bestehende Kreditvereinbarungen mit drei Banken verlängert werden. Mittelfristig soll damit die Eigenkapitallücke ausgeglichen werden.

          Für die kommende Saison muss Werder bis zum 15.09. noch finanzielle Auflagen erfüllen, um nicht schon mit einem Malus von sechs Punkten starten zu müssen. Im Fall eines Abstiegs in die 2. Bundesliga geht Werder von Mindereinnahmen in Höhe von rund 40 Prozent im Vergleich zur Bundesliga und einem zusätzlichen Finanzierungsbedarf von 10 bis 15 Millionen Euro aus, der aus Fremdmitteln, auch aus der gegebenenfalls aus den Anleiheerlösen gedeckt werden soll.

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