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Vermögensverwaltung : Stefan Keitel hat das Ohr immer am Markt

Der Diplom-Kaufmann Keitel startete im Jahr 2000 seine Karriere bei der Credit Suisse. Bild: privat

Stefan Keitel hat über Jahre die Anlagestrategie der Deka Gruppe verantwortet. Seit wenigen Monaten führt er die Harald Quandt Holding. Da geht es weniger politisch zu, dafür manchmal emotionaler.

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          Die Entwicklung an den Märkten hat mit der Makroökonomie nichts mehr zu tun“, sagt Stefan Keitel, seit fünf Monaten Chef der Harald Quandt Holding (HQ Holding). Daran werde sich 2021 auch nicht allzu viel ändern, solange die Notenbanken weiter Geld in die Märkte pumpen. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse von Unternehmen hält Keitel teilweise für hoch, so manche Aktie damit für überbewertet. Da könnte es bei den Kurskorrekturen zukünftig das eine oder andere Mal ruppig werden.

          Inken Schönauer

          Redakteurin in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Keitel lässt sich im Gespräch mit der F.A.Z. nicht lange fragen, wenn man ihn um eine Einschätzung der Märkte bittet. Dieses Auf und Ab der Kurse, die Renditen der Anleihen, das Bewegen von großen Investorengeldern, Keitel ist in seinem Element. „Die Märkte sind meine Leidenschaft“, sagt er. Da will es doch eigentlich gar nicht so richtig passen, dass der 51-Jährige nach den vielen Jahren als Investment-Chef der Deka plötzlich in eine übergeordnete Rolle als Vorstandsvorsitzender einer Holding wechselt, bei der das operative Geschäft in den Händen von Geschäftsführern liegt, die an ihn berichten. „Da muss ich mich ganz klar zurücknehmen“, sagt der gebürtige Bingener.

          Allerdings seien auch seine bisherigen beruflichen Stationen immer ein Mix aus Exekutiv- und Management-Aufgaben gewesen. Er sehe sich heute eher als Sparringpartner seiner Geschäftsführerkollegen. Sein Rat dürfte durchaus gefragt sein.

          Keitel war bereit und wurde gestoppt

          Der Diplom-Kaufmann Keitel startete im Jahr 2000 seine Karriere bei der Credit Suisse. Er wurde mit 39 Jahren schon bald globaler Chief Investment Officer und Co-Head Asset Management bei einem Haus, das damals mehr als 50 000 Mitarbeiter zählte. Es folgten Stationen bei Berenberg und Deka, wo er kurz vor dem Sprung in den Konzernvorstand stand. Keitel war bereit und wurde gestoppt. Der Sitz im Vorstand blieb ihm verwehrt. So richtig wurde das nie begründet, es dürfte vermutlich mit internen Machtkämpfen zu tun gehabt haben. In der Sparkassenorganisation geht es durchaus sehr politisch zu. Dennoch blieb Keitel bei der Deka, war Ressortchef Asset Management sowie Chef-Anlagestratege der Deka Gruppe und führte die Fondstochter Deka Investment in Personalunion als CEO.

          Die Reaktion, trotzig bei der Deka hinzuschmeißen, hätten sicher viele verstanden. Keitel aber bleib weitere vier Jahre. „Mir machte die Arbeit Spaß – so nah an den Märkten und den Themen.“ Er macht im Gespräch keinen Hehl daraus, dass er gerne Vorstand geworden wäre, im Rückblick aber scheint von dem Stachel nicht viel geblieben zu sein. „Ich konnte meine Zeit viel besser für das operative Geschäft nutzen.“ Bei der Deka lag dann 2020 auch ein Verlängerungs-Angebot auf dem Tisch. Keitel aber lehnte ab, um Vorstandsvorsitzender der sehr viel kleineren HQ Gruppe zu werden. Kein ganz unbekanntes Unternehmen für Keitel, denn seit 2017 saß er dort im Beirat. Dort hatte er auch die Änderung der Struktur des Unternehmens hin zu einer Holding vorangetrieben. Inzwischen ist der ehemalige Deutsche-Börse-Chefkontrolleur Joachim Faber dort der Aufsichtsratsvorsitzende. Michael Heise, den viele als Chefvolkswirt der Allianz kennen, ist Chefökonom von HQ Trust. Auch auf der Ebene der Geschäftsführer der einzelnen Tochtergesellschaft hatte es zuletzt einige Bewegung gegeben. Es war ein Kommen und Gehen. Nun scheint wieder Ruhe eingekehrt zu sein.

          Rund 200 Mitarbeiter

          Die HQ Gruppe ist einer der größten Vermögensverwalter in Privatbesitz der weitverzweigten Quandt-Familie rund um Gabriele Quandt, der Tochter Harald Quandts. Die Gruppe beschäftigt rund 200 Mitarbeiter an den Standorten Bad Homburg, Düsseldorf, New York sowie Hongkong und verwaltet Vermögen von mehr als 20 Milliarden Dollar. 1982 als Family Office gestartet, bietet die HQ Gruppe spezialisierte Finanzdienstleistungen mit einem Schwerpunkt auf alternativen Anlagen an. Zur Gruppe gehören die auf quantitatives Asset Management spezialisierte HQ Asset Management, der globale Private Equity Investor HQ Capital und das Multi Family Office HQ Trust.

          Die sichtbaren Buchstaben in den Unternehmensteilen HQ, die für Harald Quandt stehen, macht die enge Verbindung zur Familie Quandt überdeutlich. Diese Nähe zu einer Familie dürfte für einen Manger aus der großen, weiten Bankwelt durchaus eine Herausforderung sein.

          „Es ist eine tolle Herausforderung“, sagt Keitel und lacht. „Das ist familiärer, manchmal emotionaler und kann vielleicht auch mal kurzfristig irrational sein. Letztlich aber langfristig viel rationaler in den Entscheidungen.“ In jedem Fall würden Entscheidungen schneller gefällt als in großen Unternehmen, wo für so manches Projekt schon mal zwei bis drei Jahre vergehen können, bis wirklich auch alle Entscheidungsträger genickt haben. Diese Prozesse seien bei HQ deutlich kürzer.

          „Die Wahrheit liegt in der Mitte“

          Wenn man mit Unternehmen in Familienhand immer Traditionen und damit auch eine gewisse Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen vermuten könnte, dann weist dies Keitel entschieden zurück. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung seien aus der Branche überhaupt nicht mehr wegzudenken, auch bei HQ nicht. Und ist es dann vielleicht nicht doch so, dass ein Asset-Manager irgendwann komplett digital die besten Entscheidungen für einen Anleger treffen könnte? „Die Wahrheit liegt in der Mitte“, sagt Keitel. Für ihn führe die Bündelung der Kräfte zum optimalen Ergebnis. Das gelte gerade für diese Zeiten, in denen die Niedrigzinsen eine ordentliche Rendite zu einer echten Herausforderung werden lassen. Und dann ist da ja auch noch die Nachhaltigkeit, die in der Finanzwelt niemand mehr ignorieren kann.

          Keitel weiß um die Bedeutung dieses Megatrends und gibt doch zu, in einigen Teilen bisher nur „Mitschwimmer“ zu sein und die Marktstandards zu adaptieren. In anderen, wie den alternativen Anlagen sei man schon erheblich weiter. Es gehöre zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben, das Profil zu schärfen und den eigenen Ansatz herauszustellen. Keitel ist seit fünf Monaten im Amt, er wird es anpacken.

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