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Vermögensfrage : Was Privatleute bei der Geldaufnahme übersehen

Bild: F.A.Z.-Kai

Niedrige Kreditzinsen bergen für Privatleute auch Risiken. Sie sollten besonders auf die Laufzeit der Kredite und die Höhe der Sollzinsen achten anstatt auf niedrige Raten und jährliche Sondertilgungen.

          Die derzeit niedrigen Kreditzinsen sind für viele Privatleute in mehrfacher Hinsicht gefährlich. Das mit Abstand größte Risiko ist die Überschuldung wegen mangelhafter Bonität. Die zweite Gefahr ist die langjährige Verschuldung, wenn die Tilgung zu niedrig ist. Und die dritte Gefahr ist die Überteuerung der Kredite.

          Das wird in folgendem Beispiel deutlich: Ein Anleger ist 37 Jahre alt. Er benötigt für den Kauf einer Wohnung, die etwa 200.000 Euro kostet und selbst genutzt werden soll, noch 150.000 Euro. Kredite in dieser Größenordnung kosten zurzeit etwa 3 Prozent, wenn die Zinsen für 15 Jahre festgeschrieben werden. Die monatliche Rate liegt bei 500 Euro, wenn die Tilgung auf 1 Prozent eingestellt wird. Das mag auf den ersten Blick verlockend sein, weil die 500 Euro möglicherweise der ersparten Miete entsprechen, doch bei genauem Hinsehen ist der Kredit voller Tücken.

          Der heikelste Punkt ist die Bonität des Anlegers. Falls die 500 Euro nur mit Müh und Not zu stemmen sind, besteht die Gefahr, dass der Kreditnehmer beim ersten Windstoß umkippt. Wenn der Mann in fünf Jahren ein neues Auto braucht oder in zehn Jahren einige Zeitlang arbeitslos sein wird, kann er in finanzielle Schieflage geraten. Entweder ist das Auto nicht bezahlbar oder der Wohnungskredit wird notleidend. Auch droht in ferner Zukunft - konkret in 15 Jahren - die Gefahr, dass die Anschlusszinsen höher als die heutigen Vertragszinsen sind. Bei einem Prolongationszins von 6 Prozent wird die neue Monatsrate mit hoher Wahrscheinlichkeit auf mindestens 719 Euro klettern, und das kann dem Anleger, wenn die Kasse nicht mehr als 500 Euro hergibt, zum Verhängnis werden.

          Arbeitsleben in zwei Halbzeiten teilen

          Auch die weiteren Umstände bieten Anlass zum Nachdenken: Der Anleger ist 37 Jahre alt. In diesem Alter ist eine Anfangstilgung glatter Wahnsinn. Sollzinsen von 3 Prozent und Tilgungen von 1 Prozent führen zu Laufzeiten von 46 Jahren, so dass der Privatmann die Kreditraten bis zum 83. Geburtstag auf den Tisch der Hausbank blättern müsste. Es mag Frohnaturen geben, die darin kein Problem sehen, doch nüchterne Betrachter werden sich fragen, was diese Kreditnehmer mit ihrem Geld machen.

          Wenn über die monatliche Kreditrate hinaus keine finanziellen Überschüsse vorhanden sind, sollte die Wohnung überhaupt nicht gekauft werden, weil sie die Möglichkeiten des Anlegers übersteigt. Das führt zwangsläufig zu der Frage, wie viel Geld für die Verzinsung und Tilgung des Kredites zur Verfügung stehen sollte. Die Antwort ist einfach, doch die Konsequenzen sind schwierig. Der Anleger steht vor zwei Aufgaben: Er möchte die Wohnung kaufen, und er will, ja er muss, freies Kapital für die Altersvorsorge ansparen. Vor diesem Hintergrund bietet sich an, das restliche Arbeitsleben in zwei Halbzeiten zu teilen. Erst wird der Kredit getilgt, dann wird das freie Vermögen aufgebaut.

          Überhöhte Sollzinsen für flexible Tilgungen

          Im vorliegenden Fall wird der Anleger noch 30 Jahre arbeiten. Folglich stehen ihm für die beiden Aufgaben jeweils 15 Jahre zur Verfügung. Die Vorgabe der Laufzeit hat bei einem Darlehen von 150.000 Euro und einem Sollzins von 3 Prozent pro Jahr insgesamt 180 Raten von jeweils 1036 Euro zur Folge. Soll die Kreditrate ein Viertel des verfügbaren Einkommens nicht übersteigen, ist ein Nettoeinkommen von 4500 Euro notwendig. Das sind brutto 7500 Euro, so dass klar wird, dass niedrige Zinsen ein Geschenk sein mögen, aber keine Einladung an Leute sein dürfen, die weniger verdienen. Sonst droht der finanzielle Kollaps.

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