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Wall Street in Aufruhr : Trump macht die Börsen kirre

Was hat er als nächstes vor? Die Wirtschaft reagiert nervös auf Trumps impulsives Verhalten. Bild: dapd

Amerikas Präsident hat die Anleger erst euphorisiert, jetzt wachsen jedoch die Zweifel. Ist der Börsenaufschwung damit schon wieder vorbei?

          Nichts und niemand bewegt die Börsen so sehr wie Donald Trump. Mit seinen andauernden Wortmeldungen über Twitter oder in Interviews, seinen Aussagen vor Unternehmenschefs und seinen Dekreten bestimmt der amerikanische Präsident das Geschehen an den Märkten. Und zwar in weit größerem Ausmaß als die Unternehmen, die in den zurückliegenden Wochen oft gute Geschäftszahlen präsentiert und damit ihren Anteilseignern Freude bereitet haben.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An dem einen Tag beflügelt Trump die Phantasie der Anleger mit seinen Ankündigungen, die amerikanische Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. An einem anderen Tag erlässt er ein Einreisestopp für Menschen aus sieben vorwiegend muslimischen Staaten und schreckt mit seinem Isolationismus viele Investoren ab.

          Am Freitag verfügte Trump, die seit der Finanzkrise strikteren Auflagen der Banken zu lockern und sorgte dafür, dass Anleger massenhaft Aktien amerikanischer Finanzinstitute kauften. Die Folge ist, dass unter Börsianern die Verunsicherung zunimmt, was als nächstes von dem neuen Präsidenten zu erwarten ist. Heute die eine Branche ins Visier zu nehmen und morgen eine andere: „So kann ein Präsident nicht verlässlich agieren“, sagt Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. Trump hat offenkundig nur im Sinn, sehr schnell möglichst viele Erwartungen zu erfüllen, die er bei seinen Wählern geweckt hat.

          Die Anleger zogen nach dem Wahlsieg am 8. November zunächst zügig mit und zeigten sich überaus hoffnungsfroh. Sie schickten amerikanische Börsenindizes wie den Dow Jones oder den S&P 500 auf neue Rekordhöhen. Die Börsianer setzten darauf, dass Trump wie angekündigt Steuersenkungen und ein Investitionsprogramm durchsetzen und den Banken wieder mehr geschäftliche Freiheiten einräumen würde.

          Damit einhergehende Risiken wie Trumps Wille zur Abschottung Amerikas und der absehbar stark steigenden Verschuldung des Landes wurden hintangestellt. „Die 10 Prozent, die die Aktienmärkte seit den Präsidentschaftswahlen im Plus liegen, sind eine Risikoprämie, die wir bezahlen“, sagt Stefan Kreuzkamp, Chefanleger der Fondsgesellschaft DWS.

          Sorgen um politische Stabilität

          Inzwischen zeigt sich jedoch eine Abkühlung. Bildlich gesprochen: Statt Trump-Fieber herrscht an den Börsen nur noch leicht erhöhte Temperatur. Dass der amerikanische Präsident Anfang vergangener Woche vielen Muslimen Knall auf Fall die Einreise verbot, stieß an der Wall Street auf Unverständnis und im Silicon Valley auf Protest.

          Die großen Technologie-Unternehmen an der Westküste bangen um ihre Talente aus aller Herren Länder, die Chefs amerikanischer Großbanken und Investmentgesellschaften an der Ostküste betonen, dass sie und ihre Aktionäre großen Wert auf Vielfalt legten. Vor allem die Aktien von Technologie-Unternehmen und Fluggesellschaften verloren in Folge von Trumps Erlass deutlich, der Dow Jones rutschte vorübergehend wieder unter die Marke von 20.000 Punkten, ehe er zum Wochenende wieder zulegte.

          Der Dax verlor in der vergangenen Woche mehr als ein Prozent an Wert. Man könnte es so ausdrücken: Donald Trump höchstselbst hat die Trump-Rally an den Börsen gebremst. „Wenn das Strohfeuer nicht neue Nahrung bekommt mit etwas wirklich Habhaften, dann wird es schwierig“, sagt LBBW-Ökonom Burkert.

          Aktuelle Umfragen unter professionellen Investoren zeigen, dass sie sich um die politische Stabilität sorgen. Die gestiegene Unruhe zeigt sich auch daran, dass der Volatilitätsindex Vix, der die Schwankungen im Aktienindex S&P 500 misst und als amerikanisches Angstbarometer gilt, zu Wochenbeginn so stark stieg wie seit den Präsidentschaftswahlen nicht mehr. Das bedeutet, dass Anleger an der Wall Street wieder mit stärkeren Kursausschlägen rechnen als bisher. Wobei sich der Vix allerdings historisch gesehen auf einem niedrigem Niveau befindet.

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