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Inflationssorgen : Amerikas Notenbank löst unter Anlegern Zinsängste aus

Fed-Präsident Jerome Powell bereitet die Anleger auf eine straffere Geldpolitik vor. Bild: REUTERS

Die Fed denkt über eine straffere Geldpolitik nach, als die Märkte bislang angenommen haben. Die Aktien verlieren deutlich, die Anleiherenditen ziehen an.

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          Nach einem guten Start in das neue Jahr sind die Aktienmärkte unter Druck geraten. Der Dax gab am Donnerstag im Handelsverlauf um 1,7 Prozent auf 15.993 Punkte nach. Schon am Mittwoch hatte an den New Yorker Börsen der Dow-Jones-Index für Standardwerte um 1,1 Prozent auf 36.407 Punkte verloren. An der Technologiebörse Nasdaq hatte der Composite-Index um 3,3 Prozent nachgegeben. Im frühen Geschäft am Donnerstag zeigten sich die amerikanischen Börsen wenig verändert.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Kursverluste waren durch die Veröffentlichung des Protokolls aus der Dezember-Sitzung („Minutes“) der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) am Mittwochabend ausgelöst worden. Daraus gewannen die Anleger den Eindruck, dass die Fed ihre Geldpolitik rascher straffen könnte als bisher angenommen. Erstmals seit Längerem diskutierten die Notenbanker auch, dass ein Abbau des Anleiheportfolios schneller als bisher kalkuliert nötig werden könnte.

          Im Rahmen des Programms der quantitativen Lockerung hatte die Fed ihr Anleiheportfolio auf knapp 8,8 Billionen Dollar nach oben gefahren. Bisher war nur klar, dass die Zentralbanker das Anleihekaufprogramm bis März auslaufen lassen wollen. Eine Reduzierung könnte auch Anleihenverkäufe der Fed zur Folge haben und den Märkten Liquidität entziehen.

          Teuerung könnte hartnäckiger sein

          Höhere Inflationswerte als von den Zentralbankern erwartet hatten sie zu einer Neueinschätzung der wirtschaftlichen Lage bewogen. Sie wiesen darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum größer und der Arbeitsmarkt stärker sei als erwartet, während sich die Inflation als hartnäckiger erweise. „Es mag geboten sein, die Leitzinsen früher oder schneller anzuheben als bisher gedacht“, heißt es wörtlich im Protokoll. Der von den Zen­tralbankern bevorzugte Inflationsindikator PCE ohne Energie und Lebensmittel zeigte im November ein Plus von 4,7 Prozent im Vergleich zum November 2020. Er war damit schneller gestiegen als in den Vormonaten.

          Nach der Fed-Sitzung im Dezember und den nachfolgenden Stellungnahmen der Fed und von Notenbank-Chef Jerome Powell hatten sich die Fed-Analysten darauf eingestellt, dass das Anleihekaufprogramm bis März ausläuft und danach die Leitzinserhöhungen einsetzen, die im Moment noch in der Bandbreite zwischen 0 und 0,25 Prozent verharren. Bis zu drei Leitzinserhöhungen in diesem Jahr erwarten die Notenbanker selbst. Einige halten es für möglich, dass eine bedeutende Schrumpfung des Anleiheportfolios nach der ersten Leitzinserhöhung nötig werde könnte, geht nun aus den Minutes hervor. Die Zentralbanker hatten in der Sitzung Mitte Dezember bereits das Auftreten der neuen Coronavirus-Variante Omikron im Blick, ohne allerdings ein gutes Bild vom Infektionsgeschehen zu haben.

          An den Anleihemärkten zogen die Renditen deutlich an. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe der Vereinigten Staaten lag am Donnerstag mit 1,75 Prozent um 0,1 Prozentpunkte höher als am Mittwoch. Anfang Dezember hatte sie noch bei 1,35 Prozent notiert. Ähnlich steil, allerdings von einem deutlich niedrigeren und negativen Niveau aus, ist seitdem die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe gestiegen. Anfang Dezember war diese noch auf minus 0,388 Prozent gefallen.

          Rascher Renditeanstieg

          Am Donnerstag näherte sie sich mit minus 0,037 Prozent wieder der Marke von null Prozent, die zuletzt im März 2019 erreicht worden war. Am Anleihemarkt bedeuten steigende Renditen fallende Kurse. Der Analyst der Deutschen Bank Jim Reid erinnerte daran, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe nur drei Tage vor Heiligabend noch bei minus 0,36 Prozent gelegen hatte. Das verdeutlicht, wie schnell sich zuletzt am Anleihemarkt die Stimmung hin zu der Erwartung rasch steigender Zinsen gedreht hat.

          Zwar verfolgt die Europäische Zentralbank (EZB) im Gegensatz zur Fed noch einen vergleichsweise expansiven Kurs und schließt im kommenden Jahr eine Zinserhöhung aus. Doch auch sie will die Anleihekäufe zurückfahren und muss auf die weitere Inflationsentwicklung achten. Hier zeigt sich noch keine Entspannung, nachdem die Inflationsrate im Dezember in Deutschland abermals auf 5,3 Prozent nach 5,2 Prozent im November gestiegen ist. Volkswirte hatten zuvor einen Rückgang der Teuerung im Zwölfmonatsvergleich erwartet.

          Die Volkswirtin der DWS Ulrike Kastens sieht zwar den Höhepunkt in der Inflationsentwicklung in der Eurozone im Dezember erreicht. Doch auf eine wirkliche spürbare Entlastung müssten die Verbraucher weiter warten. Nicht nur der hohe Ölpreis, sondern vor allem die drastisch gestiegenen Gas- und Strompreise zu Beginn des laufenden Jahres würden vor allem beim Verbraucher das Gefühl hinterlassen, dass alles sehr teuer geworden ist, lautet die Einschätzung der Volkswirtin von der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank.

          Für Commerzbank-Analyst Rainer Guntermann unterstreicht das Fed-Protokoll die Risiken für die Märkte angesichts der positiven Inflations- und Wachstumsentwicklung und der Tatsache, dass die Fed über eine schnellere Zinswende und frühere Reduzierung ihrer Bilanz nachdenke. Das belaste amerikanische Staatsanleihen und auch die Risikostimmung der Anleger. Deren größere Vorsicht spiegeln die Kursverluste an den Aktienmärkten wider. Eine Zinserhöhung schon im März rückt für die Commerzbank-Analysten in den Marktfokus.

          Auch DZ-Bank-Analystin Birgit Henseler sprach von einer überraschend aggressiven Sicht der Fed-Geldpolitiker. Einige von ihnen forderten nicht nur rasche Leitzinserhöhungen, sondern ebenfalls eine baldige Reduktion der Notenbankbilanz. Angesichts der Lieferkettenproblematik, die sich nicht so schnell entspannen wird, sind nach Ansicht der DZ-Bank-Analystin die Risiken für anhaltend hohe Inflationsraten enorm.

          Von der Erwartung steigender Zinsen haben allerdings die Bankaktien profitiert. Der europäische Stoxx-Bankenindex gewann gegen die allgemeine Marktentwicklung. Der Kurs der Deutschen Bank legte um bis zu 3,4 Prozent zu.

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