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Umstrittene Vergütungspraxis : US-Börsenaufsicht will Regeln für Neobroker verschärfen

SEC-Chef Gary Gensler will die Kleinanleger vor Interessenskonflikten der Neobroker besser schützen. Bild: Laif

Auch die amerikanischen Aufseher befürchten Nachteile für Privatanleger durch die Vergütungspraxis von Neobrokern wie Trade Republic oder Smartbroker. Doch das Rückvergütungsmodell bietet auch beträchtliche Vorteile.

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          Nun ruft die umstrittene Vergütungspraxis auch die amerikanische Börsenaufsicht SEC auf den Plan. Die EU-Börsen- und Wertpapieraufsicht ESMA prüft schon ein Verbot des Rückvergütungsmodells. Die SEC hat sich nun zum Ziel gesetzt, den Wettbewerb unter Brokerhäusern zu stärken und Kleinanlegern zu besseren Konditionen bei Aktiengeschäften verhelfen. SEC-Chef Gary Gensler stellte am Mittwoch bei einer Fachtagung einen Reformplan vor, der zu den größten Veränderungen am US-Aktienmarkt seit mehr als einem Jahrzehnt führen würde.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei soll auch die umstrittene Vergütungspraxis des Payment-for-Order-Flow (PFOF) hinterfragt werden. Mit einem förmlichen SEC-Vorschlag wird im Herbst gerechnet. Ein Bericht des „Wall Street Journal“ über die Pläne führte bereits am Dienstag zu einem Kursrückgang bei der Trading-App Robinhood, die vor allem von jungen Kleinanlegern genutzt wird. Kern der Reform soll ein Wettstreit unter Handelshäusern um jeden Auftrag von Kleinanlegern sein. Die Broker müssten die Kauf- oder Verkaufsorders an Auktionen weiterleiten, die von Börsen oder anderen Handelsplätzen organisiert werden. Dort würden dann Marktteilnehmer um den besten Deal wetteifern.

          Bislang können Broker Aufträge von Kleinanlegern direkt an große Handelshäuser weiterleiten, die diese Orders abwickeln, sofern der Preis mindestens genauso gut ist wie der offizielle Börsenkurs. Gensler hat dies in der Vergangenheit als Hemmnis für freien Wettbewerb kritisiert. Bei PFOF erhalten Neobroker als Gegenleistung für die Weiterleitung von Aufträgen an große Handelshäuser von diesen Rabatte oder Zahlungen. Regulierer befürchten daher, dass Orders nicht an diejenigen weitergeleitet werden, die die besten Kurse bieten, sondern die höchsten Rückvergütungen.

          „Inhärente Konflikte“

          Die Praxis ist in Großbritannien, Kanada und Australien verboten. Sie weise „inhärente Konflikte“ auf, erklärte Gensler. Er hielt fest, dass einige Broker auch ohne PFOF keinerlei Gebühren von den Kunden verlangten. In der Vergangenheit hat er auch für die USA ein Verbot nicht ausgeschlossen. Wegen der Rückvergütungen durch das PFOF-Modell können Neobroker die Wertpapiertransaktionen deutlich billiger oder sogar gratis anbieten, was klassischen Banken bislang nicht möglich ist. Auch in Europa steht die Vergütungspraxis unter kritischer Beobachtung der Aufseher, weil sie Interessenkonflikte zulasten der Privatkunden befürchten, wenn sich Neobroker wie Trade Republic oder Smartbroker auf einen bestimmten Handelspartner konzentrieren.

          Deshalb prüft die EU-Wertpapieraufsicht ESMA ein PFOF-Verbot. Dazu ging vor wenigen Wochen die deutsche Finanzaufsicht Bafin auf Distanz, weil ihrer Ansicht nach das PFOF-Modell für Privatanleger auch Vorteile bietet. Statt eines Verbots sprach sich Exekutivdirektor Thorsten Pötzsch dafür aus, zuvor die Auswirkungen umfassend zu analysieren und über weniger restriktive Maßnahmen nachzudenken. Auf Grundlage einer Studie verwies der digitale Vermögensverwalter Scalable Capital darauf, dass die Privatanleger an auf sie zugeschnittenen, sogenannten Retail-Börsen, deutlich günstiger handeln als an institutionellen Handelsplätzen. Mit einem PFOF-Verbot würde Brüssel den Kleinanlegern einen Bärendienst erweisen.

          Amerikanische Aktionärsvertreter begrüßten in ersten Reaktionen die SEC-Pläne. „In der Finanzbranche gibt es heute zu viele, die sich an wettbewerbsfeindlichen und räuberischen Praktiken in den stark zersplitterten Märkten bereichern“, sagte Dennis Kelleher von der Interessenvertretung Better Markets. Dies führe dazu, dass Kleinanleger „schlecht behandelt, wenn nicht sogar abgezockt werden“. Branchenvertreter zeigten sich dagegen skeptisch. „Wir reden davon, wie neidisch die Welt auf unsere Märkte ist“, sagte Joseph Mecane von Citadel Securities. „Wir müssen sehr vorsichtig sein, damit wir nicht ungewollt in eine Zeit zurückkehren, in der es noch schlimmer aussah als heute.“

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