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Amerikas Basketballindustrie : Die Angst vor Pekings Zorn

James Harden, die Nummer 13 der Houston Rockets Bild: AFP

Der Geschäftsführer der Houston Rockets solidarisierte sich mit Hongkongs Protest. Doch dann bekam er die Macht von Chinas Wirtschaft und Konsumenten zu spüren. Für die NBA stehen dabei Milliarden Dollar an Umsatz auf dem Spiel.

          3 Min.

          Als der amerikanische Basketballstar James Harden im Juni auf einem elektrisch betriebenen Scooter durch die Straßen der ehemaligen Französischen Konzession in Schanghai düste, stoppte ihn alsbald die Polizei.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Hardens Team, die Houston Rockets aus Texas, erfreuen sich bei Chinas rund 180 Millionen Basketballfans, die die amerikanische Liga NBA auf den Kanälen der Sozialen Medien verfolgen, zwar großer Beliebtheit. Schließlich waren es die „Rockets“, die den Schanghaier Center Yao Ming im Jahr 2002 verpflichtet und damit den Sport in China weitflächig bekannt gemacht hatten.

          Doch wer Chinas Staatsmacht in die Quere kommt, sei es auf den Straßen oder im Internet, der wird aus dem Verkehr gezogen. So war es in Schanghai im Fall Hardens. So ist es nun mit seinem gesamten Team, den Houston Rockets. Mehr noch: die gesamte Basketballliga NBA ist in das Visier Pekings geraten.

          Sponsoren distanzieren sich

          Der Grund ist ein Tweet, den der Rockets-Geschäftsführer Daryl Morey am Freitagabend absetzte. Dieser hatte den Satz enthalten: „Kämpft für Freiheit. Steht an der Seite Hongkongs.“ (Fight For Freedom. Stand With Hong Kong.)

          Das reichte, um in China eine Welle von Vergeltungsaktionen in Gang zu setzen. Kurz nach dem samstäglichen Tweet verkündete der chinesische Team-Sponsor, der Sportartikelkonzern Li-Ning aus Peking, seine Geschäftsbeziehungen zu den Rockets abgebrochen zu haben, und teilte mit, man sei „empört“ und verurteile die Worte „ausdrücklich“.

          Es folgte die Schanghaier Bank SPD, die kein Verbindungen zu den deutschen Sozialdemokraten aufweist, aber eine der zehn größten börsennotierten Unternehmen des Festlands ist. Man habe fürs erste seine Marketing-Aktivitäten mit den Rockets auf Eis gelegt, bis sich der Club bekenne, hieß es in einer Pressemitteilung am Sonntag. Gegen die „falschen Äußerungen“ von Team-Geschäftsführer Morey äußere man „starken Protest“.

          Empörungsmaschinerie auf vollen Touren

          Da war der Tweet schon längst gelöscht und Morey von Rocket-Besitzer Tilman Fertitta dem Geschäft mit China zuliebe geopfert worden. Sein Angestellter spreche nicht für das Team, schrieb Fertitta auf Twitter am Sonntag. Sein Verein sei „keine politische Organisation“.

          Wie in China üblich, konnte das die einmal warm gelaufene Empörungsmaschinerie nicht mehr stoppen. Der Staatsender CCTV teilte mit, er werde mit sofortiger Wirkung kein einziges Spiel der Rockets mehr auf seinem Sportkanal 5 übertragen. Auch der chinesische Generalkonsul in Houston fand harsche Worte und forderte die Rockets auf, „unverzüglich jeden Fehler zu korrigieren“ und „jede negative Einflüsse zu eliminieren“. Derweil veröffentlichte die „Volkszeitung“ einen Kommentar, der die Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten mit scharfen Worten kritisierte.

          Es dauerte nur ein paar Stunden, dann fügte sich auch Geschäftsführer Morey selbst, der mit seiner kurzen Unterstützungsbotschaft für die Hongkong-Proteste die Welle ausgelöst hatte. „Ich hatte nicht vor, mit meinem Tweet die Rocket-Fans und meine Freunde in China zu beleidigen“, schrieb Morey auf Twitter. Er habe lediglich „einen Gedanken“ geäußert, der auf „einer Interpretation“ der Proteste in der Sonderverwaltungszone am Rande Chinas basiert habe, bei denen es sich um ein „kompliziertes Geschehnis“ handele.

          Seit seinem Tweet habe er „reichlich Gelegenheit“ gehabt, „andere Perspektiven“ auf die Proteste in Hongkong zu hören und zu „berücksichtigen“, schrieb Morey. Selbstverständlich habe er „immer“ die Unterstützung der chinesischen Fans und der Sponsoren zu schätzen gewusst. Und: Er spreche freilich weder für sein Team noch für die amerikanische Basketballliga NBA.

          Die demütigen Worte weisen darauf hin, wie sehr diese um ihr Geschäft im Reich der Mitte fürchtet. In dieser Woche sollen in China die LA Lakers gegen die Brooklyn Nets spielen. Letzteres Team gehört Joseph Tsai, einem Milliardär und Mitbegründer des chinesischen Internetkonzerns Alibaba. Später ist auch ein Auftritt der Houston Rockets in China geplant.

          Am Sonntagabend äußerte sich die NBA selbst zum Hongkong-Tweet des Houston-Geschäftsführers. Es sei „bedauerlich“, dass dieser die Fans und Geschäftspartner in China beleidigt habe, teilte ein Sprecher mit. Man habe „großen Respekt“ für die „Geschichte und Kultur“ Chinas und hoffe, dass der Sport eine einende Kraft sein könne, um verschiedene Völker zusammenzubringen.

          Für die NBA stehen in China Milliarden an Dollar Umsatz auf dem Spiel. Allein auf der Plattform des Internetkonzerns Tencent schauten in der vergangenen Saison eine halbe Milliarden Chinesen die Spiele. Kein anderer Sport außer dem Fußball ist im Reich der Mitte so populär.

          Seine Überzeugungen ganz dem Kommerz zu opfern, das wagt die NBA dann aber doch nicht – womöglich auch aus Angst vor Kritik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der eine neue Attacke auf China als Ablenkung im Streit mit den Demokraten derzeit gut gebrauchen könnte. Die „Werte“ der NBA beinhalteten auch, dass sich „Einzelne“ über politische Ereignisse ihre Meinung bilden und diese „teilen“ könnten, sagte der Ligassprecher am Sonntag.

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