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Union Investment : „Geldpolitik und Finanzpolitik müssen zusammenarbeiten“

Jens Wilhelm ist Vorstandsmitglied von Union Investment, der Investmentgesellschaft der DZ Bank-Gruppe Bild: Frank Röth

Da niedrigere Zinsen nach Ansicht von Jens Wilhelm nichts mehr bringen, sieht der Experte der Fondsgesellschaft Union Investment die Stunde staatlicher Investitionen für gekommen.

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          Jens Wilhelm ist der für die Kapitalanlage zuständige Vorstand der Fondsgesellschaft Union Investment, die ungefähr 350 Milliarden Euro Vermögen verwaltet. „Wir brauchen den Schulterschluss zwischen der Geldpolitik und der Finanzpolitik“, sagt Wilhelm. Der Experte erwartet zwar keine echte Rezession in Europa und auch nicht in Deutschland.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Gleichwohl appelliert er an die Regierungen in Berlin und den anderen europäischen Hauptstädten, mehr zu unternehmen, um die Wirtschaft zu unterstützen, konkret: mehr zu investieren. Denn klar ist für ihn, dass ein Instrument zumal in der Währungsunion ziemlich ausgeschöpft ist – die Macht der Europäischen Zentralbank. „Mehr Geld und niedrigere Zinsen bringen hier nichts mehr“, sagt er.

          Wilhelm hofft dabei auch auf die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die das politische Geschäft beherrscht und jahrelang den Internationalen Währungsfonds leitete, bevor sie vor wenigen Tagen an die Spitze der Euronotenbank wechselte. Sie sei pragmatischer als ihr Vorgänger Mario Draghi. Und sie werde stärker als er auf die europäischen Regierungen einwirken, um das richtige Verhältnis zwischen der Geldpolitik und der Finanzpolitik auszutarieren.

          Deutschland, das derzeit „die rote Laterne in Europa fest in der Hand hält“, habe selbst ein hohes Interesse an einer aktiveren Fiskalpolitik, so Wilhelm. Die Autoindustrie befinde sich in einer schwierigen Situation. „Von Süden her beginnt sich Arbeitslosigkeit durch die Republik zu fressen“, sagt Wilhelm mit drastischen Worten – wissend, dass die Beschäftigung nach wie vor hoch ist in der Bundesrepublik.

          Er begründete seine Forderung nach höheren deutschen Staatsausgaben mit den vielen aufgestauten ausgebliebenen Investitionen der Kommunen und andererseits den günstigen Konditionen, zu denen sich der deutsche Staat verschulden kann – die Rendite auch langlaufender Staatsanleihen befindet sich nach wie vor auf historisch niedrigem Niveau. „In einer solchen Situation sollte ich eigentlich alle Projekte realisieren, die einen positiven Nutzen haben, sonst bin ich ökonomisch nicht rational.“

          So dringend Wilhelms Appelle an Berlin und Brüssel einerseits klingen, so zuversichtlich ist er andererseits für die Weltwirtschaft insgesamt. Die amerikanische Wirtschaft befinde sich weiter in einer robusten Verfassung – getragen durch Konsum und den Dienstleistungsbereich. Er hält für gut möglich, dass die Notenbank Federal Reserve in diesem Jahr noch ein weiteres Mal die Zinsen senkt und im kommenden Jahr zwei Zinssenkungen folgen werden. Mindestens vorübergehend werde sich der Handelskrieg zwischen Amerika und China entspannen, weil der amerikanische Präsident Donald Trump wenigstens eine kleine Einigung anstrebe. Trump befinde sich in einer „misslichen Lage“, weil er einerseits mit Amtsenthebungs-Bestrebungen konfrontiert ist, außenpolitisch auch in der eigenen Partei in die Kritik geraten ist und gerade im anstehenden Wahljahr eine weiterlaufende Wirtschaft vorweisen müsse.

          Die chinesische Führung wolle ebenfalls eine Einigung, so Wilhelm, weil sie um Trumps Schwäche wisse und ihr klar sei, dass der Republikaner im Falle eines abermaligen Wahlsiegs eher ein schwierigerer Verhandlungspartner sein werde. China wiederum, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, verfüge zwar über genügend wirtschaftspolitische Munition, um Konjunkturschwächen abzumildern. Peking werde aber diesmal nicht wie noch im Jahr 2015 stärkere Impulse setzen und die Weltwirtschaft insgesamt zusätzlich anschieben. „Die sind mittendrin im Umbau ihrer eigenen Volkswirtschaft“, befindet Wilhelm.

          Ausgehend von seiner makroökonomischen Analyse, empfiehlt Wilhelm als interessante Anlagemöglichkeiten für das kommende Jahr Aktien. „Ohne die Aktie wird es schwer.“ Er rät sogar dazu, etwas zyklischer zu werden, also eher Anteile an Unternehmen auszuwählen, die enger an der Konjunktur hängen. Zudem nannte er Industriemetalle als attraktive Anlageklasse – auf diesen Märkten setzten immer noch viele große Investoren auf fallende Kurse, was entsprechendes Potential biete. Auf den Rentenmärkten sei das Umfeld nach wie vor schwierig angesichts der niedrigen Zinsen.

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