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Unfreundlicher Frühling : Heizkosten so hoch wie seit Jahren nicht

Selbst Obstbäume brauchen eine Heizung: Frostschutzkerzen auf einem Obsthof in Sülzetal Ende April Bild: ZB

Der kälteste April seit 40 Jahren treibt die Heizkosten zusätzlich hoch. Im Vergleich zum April des Vorjahres steigen sie um mehr als 50 Prozent.

          3 Min.

          Lockdown bei ungemütlichem Wetter ist besonders unerfreulich. Die kühle Witterung in diesem Frühjahr treibt aber auch die Heizkosten im Homeoffice zusätzlich in die Höhe. Immerhin soll der April in diesem Jahr der kälteste seit 40 Jahren und der zweitfrostreichste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen sein, wie zwei Studien am Dienstag berichten. Entsprechend ist der Heizbedarf für Haushalte im Vergleich zum Vorjahresmonat um 50 Prozent gestiegen und hat den höchsten Stand seit Jahren erreicht, wie das Internetportal Check 24 berichtet. Ein durchschnittlicher Haushalt, der mit Erdgas heizt, habe im April etwa 54 Euro mehr für das Heizen aufwenden müssen als im Vorjahresmonat, Haushalte mit Ölheizung zahlten im Schnitt sogar 61 Euro mehr als im April 2020.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für diesen Kostenanstieg kommen unterschiedliche Faktoren zusammen: „Vor allem der frostige April verhagelte die bis dato so milde Heizsaison“, schreibt das Internetportal Verivox. Die Energiekosten für Verbraucher in Deutschland sind aber auch noch aus anderen Gründen kräftig gestiegen. Sie haben sich mittlerweile zu einem der wichtigsten Posten beim Anstieg der Verbraucherpreise und damit der Inflationsrate in Deutschland insgesamt entwickelt.

          Energiepreise insgesamt steigen

          Die Energiepreise als Teil der Verbraucherpreise hätten im April rund 7,9 Prozent über denen des Vorjahresmonats gelegen, sagte Susanne Hagenkort-Rieger, Verbraucherpreis-Expertin beim Statistischen Bundesamt. Die Inflationsrate insgesamt erreichte in dem Monat in Deutschland 2 Prozent, in der Eurozone insgesamt 1,6 Prozent. Europaweit legten die Energiepreise im April nach Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat sogar um 10,3 Prozent zu.

          Im Augenblick macht sich unter anderem bemerkbar, dass der Ölpreis vor einem Jahr wegen der Pandemie extrem niedrig war, der Preis für die amerikanische Ölsorte West Texas Intermediate fiel zeitweise sogar ins Negative. Im Vergleich dazu ist Rohöl jetzt wieder viel teurer geworden, das hat auch die Heizölpreise mit hochgezogen. Die Rohöl-Nordseesorte Brent stand am Dienstag bei knapp 69 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter), das ist mehr als das Dreifache der Tiefstände aus dem vergangenen Jahr. Amerikanisches Öl notierte bei gut 65 Dollar.

          Glück hatte, wer im Herbst kaufte

          Zum Jahreswechsel wurde außerdem ein CO2-Preis für den Klimaschutz auf Heizöl und Erdgas eingeführt. Zudem wurde die Mehrwertsteuer in Deutschland zum Jahreswechsel wieder angehoben, den Unterschied zum Vorjahr wird man vor allem von Juli an merken. Zuletzt kostete Heizöl dementsprechend knapp 64 Euro je 100 Liter, bei der Abnahme von 3000 Litern. Im vorigen Jahr waren es nach Zahlen des Internetportals Heizoel24 phasenweise weniger als 40 Euro je 100 Liter gewesen.

          Wissen war nie wertvoller

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          Für den durchschnittlichen Haushalt hätten sich höhere Energiepreise und höherer Heizbedarf im April als Kostensteigerung um 57 Prozent bei einer Gasheizung und um 74 Prozent bei einer Ölheizung bemerkbar gemacht, sagte Steffen Suttner, Geschäftsführer Energie bei Check 24.

          Der außergewöhnlich kalte April habe aber auch Auswirkungen auf die Kosten für die Heizperiode insgesamt und damit auf die Heizkostenabrechnungen, führte Suttner aus. Im Zeitraum von September 2020 bis April 2021 sei der Heizbedarf im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 10 Prozent gestiegen. Ein Musterhaushalt, der sein Reihenhaus mit Gas heizte, zahlte der Studie zufolge in der aktuellen Heizperiode rund 1154 Euro. In der Vorjahresperiode seien 1061 Euro fällig gewesen. Das bedeutete also zusätzliche Kosten von rund 9 Prozent.

          Auch der Mai beginnt eher kühl

          Für Haushalte, die mit Öl heizen, hängen die Heizkosten diesmal besonders stark davon ab, wann das Öl gekauft wurde. Glück hatte, wer im Herbst kaufte. Besonders niedrig waren die Preise Anfang November und Mitte September 2020. Das ist nicht immer so: Oftmals ist Heizöl im Winter am günstigsten, wenn die meisten sich eingedeckt haben und noch nicht wieder nachbestellen. Im Durchschnitt zahlte ein Haushalt mit Ölheizung zwischen September 2020 und April 2021 für die übliche Jahresmenge 1003 Euro. Im Vorjahr lagen die Kosten bei 1059 Euro. Das bedeutete im Schnitt also sogar ein Sinken der Heizkosten um 5 Prozent.

          „Seit Jahresbeginn ist der Heizölpreis nun deutlich angestiegen und liegt aktuell 58 Prozent über dem Preistief im September 2020“, sagt Steffen Suttner von Check 24. „Nicht zuletzt macht sich dabei die CO2-Abgabe bemerkbar.“ Seit Januar 2021 werden aus Klimaschutzgründen für den Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid 25 Euro fällig. Ein Musterhaushalt mit 20000 Kilowattstunden Energieverbrauch zahle durch die Abgabe 119 Euro (Gas) beziehungsweise 158 Euro (Heizöl) im Jahr mehr.

          „Heizölkunden sind in diesem Winter noch glimpflich davongekommen“, meinte Thorsten Storck, Energiefachmann bei Verivox. Steigende Erdölpreise und ein schrittweise höherer CO2-Preis würden das Heizen mit Öl mittel- bis langfristig aber immer unattraktiver machen. Im Moment wird über eine Beschleunigung des Tempos dabei diskutiert. Es sollen Anreize für einen niedrigeren Verbrauch und für die Anschaffung von Heizungen mit einem geringeren Kohlendioxid-Ausstoß geschaffen werden, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

          Nach Angaben des Wetterdienstes hat es seit 1980 keinen so kühlen April gegeben wie in diesem Jahr. Und auch der Mai sorgte bislang nicht für eine Erleichterung bei den Heizkosten. Ganz im Gegenteil: Der Wetterdienst hat für Teile Deutschlands weiter Frost vorausgesagt.

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