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Europäische Zentralbank : Überstrapazierte Geldpolitik

Im Krisenmodus: die EZB Bild: Lando Hass

Es ist falsch, dass die EZB ihr Anleihekaufprogramm ohne jede Not um 600 Milliarden Euro aufstockt. Denn die Anzeichen für eine allmähliche Belebung der Wirtschaft verdichten sich.

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          Es war eine richtige Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), auf die dramatischen Folgen der Corona-Krise im März mit einer Lockerung ihrer Geldpolitik zu antworten und zusätzliche Anleihekäufe zu beschließen, auch wenn man schon damals über das Volumen des neuen Programms diskutieren konnte.

          Es ist falsch, dass die EZB heute, wo sich die Anzeichen für eine allmähliche Belebung der Wirtschaft verdichten, das Anleihekaufprogramm ohne jede Not um 600 Milliarden Euro aufstockt. Und es ist grotesk, wenn Teilnehmer an den Finanzmärkten mit Blick auf sehr niedrige Inflationsprognosen für das Jahr 2022 schon jetzt eine weitere Aufstockung des Programms herbei reden wollen. Wer sich unbedingt lächerlich machen will, sollte dies auf weniger plumpe Weise versuchen.

          Entscheidungen unter großer Unsicherheit sind sehr schwierig. Es spricht aus Sicht der Politik vieles dafür, auf einen schweren wirtschaftlichen Schock schnell und konsequent zu reagieren, um eine Wirtschaft nicht lange Zeit in einer schweren Krise verharren zu lassen. Das ist eine Lehre aus der Weltwirtschaftskrise vor rund 90 Jahren.

          Da expansive Geldpolitik, ebenso wie expansive Finanzpolitik, nach aller Erfahrung mit schwer vorhersehbaren Verzögerungen reagiert, wäre es sinnvoll, nach der ersten starken Reaktion erst einmal zu warten. Der hektische Aktionismus, denn nicht nur die EZB, sondern auch andere Zentralbanken immer noch an den Tag legen, ist der Situation nicht mehr angemessen. Ruhe zu zeigen in einer Zeit, in der mehrjährige Prognosen über Wirtschaftswachstum und Inflation schlechterdings seriös nicht möglich sind, fällt vielen Menschen schwer.

          Manche meinen, man könne umso mehr Sicherheit schaffen, je radikaler wirtschaftspolitische Instrumente eingesetzt werden. Sie vergessen, dass die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Instrumente umso mehr nachlässt, je stärker sie strapaziert werden.

          Das gilt auch für die Geldpolitik. Und so wächst die Gefahr, dass die Abhängigkeit der Geldpolitik, und dies gilt nicht nur für die EZB, von den Finanzmärkten und den Regierungen gerade in einer Zeit immer mehr zunimmt, in der die Zentralbanken mehr Souveränität zeigen müssten.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

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