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Krise der Lira : Türkei zwingt Betriebe zum Devisentausch

Der türkische Präsident Erdogan will mit zweifelhaften Methoden die Lira stützen. Bild: Reuters

Mit neuen Zwangsmaßnahmen will der türkische Präsident Erdogan den Verfall der Lira stoppen. Ein Erfolg ist zweifelhaft.

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          Mit neuen Beschränkungen für kreditsuchende Unternehmen will die Türkei den Wertverfall der Landeswährung Lira stoppen. Seit einer am Freitagabend ausgegebenen neuen Vorgabe der staatlichen Bankenaufsicht BDDK dürften Banken Unternehmen nur noch dann einen Lira-Kredit gewähren, wenn diese ihr Devisenpolster weitgehend aufgebraucht haben. Die vorgegebene Höchstgrenze der Devisenreserven liegt in der Regel bei 15 Millionen Lira in Fremdwährungen, umgerechnet sind das etwa 900.000 Dollar.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Der Devisenmarkt nahm die nun erwarteten Devisenverkäufe vorweg. Montagnachmittag notierte die Lira nach einigem Auf und Ab um knapp 5 Prozent fester als am Freitagabend, für einen Dollar mussten aber immer noch 16,51 statt 17,30 Lira ausgegeben werden. Der Euro kostete 17,44 statt 18,30 Lira am Freitag vor der Intervention. Damit mischt sich die Türkei abermals in das Fremdwährungsmanagement der Unternehmen ein. Bereits seit Längerem waren sie gezwungen, 40 Prozent ihrer Fremdwährungsguthaben auf Lira-Konten zu halten.

          Schlecht für den Standort

          In der Wirtschaft kam die Verschärfung nicht gut an. Thilo Pahl, Geschäftsführer der Außenhandelskammer Türkei, sagte der F.A.Z.: „Diese neue Maßnahme stabilisiert nur kurzfristig den Wert der türkischen Lira.“ Einige Unternehmen würden nun Devisen in Lira umtauschen, um Kredite für laufende Projekte zu erhalten. „Mittelfristig verunsichert jedoch diese Maßnahme potenzielle Investoren und wird Geschäftsentscheidungen beeinflussen.“ Die Volatilität der türkischen Lira werde ein zentraler Risikofaktor für die deutschen Unternehmen am Standort Türkei bleiben.

          In einer unlängst veröffentlichten Umfrage hatten deutsche Unternehmen im Land diese neben den Energiekosten, Inflation und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als größte Gefahren beschrieben. Deutsche Investoren spielen am Bosporus eine wichtige Rolle: Ist die EU der mit Abstand größte Handelspartner des Landes, so ist dies innerhalb der EU Deutschland.

          Ohne nachhaltige Wirkung

          Ein Jahr vor der Präsidentenwahl ist die Wirtschaftslage überaus angespannt. Die amtlich gemessene Inflation betrug im Mai 73,5 Prozent, das Verbrauchervertrauen fällt angesichts einer amtlich gemessen Verdoppelung der Preise für Lebensmittel schnell. Die Lira, die im vergangenen Jahr 44 Prozent an Wert verloren hatte, war dieses Jahr bereits um weitere 25 Prozent abgestürzt. Das gilt als gefährlich, weil mit sinkendem Lira-Kurs die in Dollar zu begleichende Rechnung für Energie- und Rohstoffe aber auch Zinszahlungen weiter steigt und so Importe die Geldentwertung weiter beschleunigen.

          Analysten billigten dem Schritt keine nachhaltige Wirkung zur Stabilisierung er Lira zu. Der eigentliche Belastungsfaktor sei die „viel zu locker ausgerichtete Geldpolitik mit den zu niedrigen Zinsen“, urteilte Sandra Striffler von der DZ-Bank. Tatsächlich verfolgt die Notenbank trotz Hyperinflation auf Wunsch von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan eine Politik niedriger Leitzinsen mit 14 Prozent – daraus errechnet sich eine negative Realverzinsung von 59 Prozent. Auch die Commerzbank hält diese Politik nicht für zielführend, erwartete aber „weitere Interventionen dieser Art“, die zu erratischen Kurs-Ausschlägen führen könne.

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