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Krise in der Türkei : Was kann den Lira-Crash stoppen?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kämpft gegen den Verfall der Lira. Bild: Jan Bazing

Die türkische Währung verliert jeden Tag an Wert. Die Regierung hat verschiedene Möglichkeiten, den Verfall aufzuhalten – keine dürfte Erdogan leichtfallen.

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          Erst kräftig draufhauen, dann für Vertrauen werben: Daran versucht sich gerade die Türkei. Was im normalen Leben schon schwer ist, ist für das Land am Bosporus noch mühsamer. Denn es hat in den vergangenen Monaten durch allzu scharfe Worte ihres Präsidenten Erdogan in Richtung Ausland sowie wirtschaftspolitische Irrwege einiges Vertrauen verspielt.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch am Donnerstag hat Finanzminister Berat Albayrak, der Schwiegersohn des Präsidenten, versucht, die Wogen zu glätten. Er sprach in einer mit Spannung erwarteten Telefonkonferenz zu 3000 Finanzinvestoren und wollte damit die Anleger beruhigen. Das schien kurzfristig sogar zu funktionieren. Der Kurs der türkischen Lira, der Gradmesser der Angst der Investoren, stieg. Er hatte das schon die ganze Woche getan. Doch schon am Freitag war damit wieder Schluss, als der amerikanische Finanzminister weitere Sanktionen androhte. Die Lira verlor nochmals fünf Prozent an Wert. Vor einer Woche war sie sogar um 20 Prozent an einem Tag nach unten gekracht, als Amerikas Präsident Donald Trump Strafzölle ankündigte.

          Verkaufswelle kann schell zur Riesenwelle werden

          Aber wie kann eine Währung überhaupt so heftig fallen? Am Devisenmarkt kommt das äußerst selten vor. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Türkei am Kapitalmarkt kein unwichtiges Land ist. Der Staat, aber vor allem seine Banken, Unternehmen und Bürger, sind im Ausland mit fast einer halben Billion Dollar verschuldet. In Schwellenländerfonds haben türkische Papiere fast zehn Prozent Anteil. Bei einer solchen Bedeutung schauen Anleger genau hin, was sich in der Türkei tut, schließlich wollen sie das verliehene Geld zurückhaben. Und dann sind auch die Kursbewegungen besonders heftig, wenn mal eine Verkaufswelle in Gang kommt.

          Sie bahnte sich schon in den vergangenen Monaten an, weil sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechterte. Die Inflation ist immer mehr angestiegen und beträgt rund 16 Prozent. Doch die Notenbank hält nicht mit Zinserhöhungen dagegen, Präsident Erdogan hat das verhindert und sich damit in die eigentlich autonome Geldpolitik eingemischt – ein fatales Signal an die Finanzmärkte. Gleichzeitig heizte er seit seiner Wiederwahl im Juni die Konjunktur mit öffentlichen Mitteln zusätzlich an.

          Die Anleger waren also schon nervös und alarmiert, als Trump seine Strafzölle wegen der Inhaftierung eines amerikanischen Priesters ankündigte. Die Zölle selbst haben nur eine minimale Bedeutung, sie beeinträchtigen nur wenige Prozent des türkischen Exports. Die Ankündigung war also in einer angespannten Lage nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Doch wenn eine Verkaufswelle einmal in Gang kommt, dann kann sie schnell zu einer Riesenwelle werden. Wie vor einer Woche: „Jeder Anleger möchte dann der Erste sein, der verkauft“, sagt Gunter Deuber von der auf Osteuropa und die Türkei spezialisieren Raiffeisen Bank International in Wien. Er leitet dort die volkswirtschaftliche Analyse dieser Länder.

          Angst um Schwellenländer wächst

          Hinzu kommen sogenannte Short Seller, die am Kursverfall der Lira verdienen wollen. Das zeigen Zahlen von den Terminmärkten. Anfang Juli wurde noch mit genauso viel Geld auf steigende Lira-Kurse spekuliert wie auf fallende. Seitdem ist der Anteil der Spekulanten, die auf einen Währungscrash setzen, massiv angestiegen, vor allem im August. Wirklich positiv auf die Lira gestimmt waren die Anleger zuletzt im September 2017. Es wäre aber übertrieben, deswegen Erdogan recht zu geben, der von einer Verschwörung und einem Währungskrieg der „internationalen Zinslobby“ gegen sein Land spricht. Das größte Volumen haben nämlich diejenigen Anleger bewegt, die aus Sorge vor der Entwicklung in der Türkei ihr Geld in Sicherheit bringen wollten. Mittlerweile hat die Türkei das Short Selling auch erschwert.

          Dass die türkische Lira hingegen seit vielen Jahren permanent in gemäßigtem Tempo abwertet, ist nicht ungewöhnlich. Es ist sogar typisch für ein Land, in dem die Inflation höher ist als im Euro- oder Dollarraum. Das bringt Währungen immer unter Druck. Das kennen die Europäer zum Beispiel von der italienischen Lira vor der Einführung des Euros, die wegen der hohen Inflation in Italien auch regelmäßig an Wert verlor.

          Der Kursrutsch des türkischen Namensvetters hat auch Währungen von anderen Schwellenländern mit nach unten gerissen, zum Beispiel Südafrikas Rand oder die indische Rupie. Die Angst geht um, dass von der Türkei-Krise viele andere Schwellenländer betroffen sein könnten.

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