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Niedrigzinsen : „Der Trend zu niedrigen Zinsen ist global und langfristig“

Ifo-Präsident Clemens Fuest sieht die EZB nicht als Hauptursache der niedrigen Zinsen. Er meint aber, sie habe eine verstärkende Wirkung. Bild: EPA

Ökonomen finden es wenig überzeugend, die aktuelle Geldpolitik der EZB als Hauptgrund für niedrige Zinsen zu benennen. Doch sie könnte die Entwicklung verstärken.

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          Welchen Anteil hat die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) an den derzeit extrem niedrigen Zinsen? Mit dieser Frage haben sich verschiedene Ökonomen im aktuellen „Wirtschaftsdienst“ auseinandergesetzt, einer Zeitschrift für Wirtschaftspolitik. Wie berichtet, hatte der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Philip Lane, im vergangenen Jahr in einer aufsehenerregenden Rede in Dublin vor allem drei Gründe dafür genannt, dass die Realzinsen, also die Zinsen unter Berücksichtigung der Inflation, im Euroraum seit längerem sehr niedrig seien. Ein Grund sei das sinkende Potentialwachstum in den Industrieländern; hinzu kämen demographische Trends, und nicht zuletzt spiele eine Rolle, dass die Finanzmarktteilnehmer in ihren Portfolios sichere Anlagen höher gewichten. In seiner Rede hatte Lane zwar keineswegs Auswirkungen der Geldpolitik auf das Zinsniveau ausgeschlossen, aber er hatte für die langfristige Entwicklung der Realzinsen andere Gründe ausgemacht.

          Gerade in Deutschland wird die EZB stark angegriffen 

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das stehe einer unter EZB-Kritikern in Deutschland verbreiteten Ansicht gegenüber, die behaupteten, die expansive Geldpolitik sei eine wichtige Ursache der niedrigen Zinsen, schreibt Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts, nun im „Wirtschaftsdienst“. Ziel dieser Politik sei nach Meinung der EZB-Kritiker „eine Entlastung der hochverschuldeten Ökonomien in Südeuropa“, Folge sei „eine Umverteilung zu Lasten vor allem von Sparern mit kleinen und mittleren Einkommen“. Dieser Ansicht tritt Fuest nach seinen Analysen ausdrücklich entgegen. Es gebe nachweislich einen „globalen und langfristigen Trend zu niedrigen Zinsen“. Das impliziere, dass es „wenig überzeugend erscheint, die aktuelle Geldpolitik der EZB oder anderer Notenbanken als Hauptgrund für die niedrigen Zinsen zu benennen“. Gleichwohl habe die Geldpolitik die Entwicklung hin zu niedrigen Zinsen „erheblich verstärkt“.

          Welche Rolle spielen die Finanzzyklen?

          Die Düsseldorfer Ökonomin Ulrike Neyer geht möglichen Auswirkungen der Geldpolitik auf die langfristigen Kapitalmarktzinsen nach. Gemeinhin werde in der Ökonomie argumentiert, dass die Geldpolitik in der langen Frist keine realen Effekte habe, sie sei in der langen Frist „neutral“. Neuere Überlegungen von Claudio Borio, dem Chefökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, und anderen aufgreifend, werde das aber in Frage gestellt. Größen wie die demographische Entwicklung oder das Potentialwachstum könnten die Entwicklung des realen Zinses über einen langen Zeitraum nicht hinreichend erklären. „Die Autoren argumentieren mit Hilfe eines theoretischen Modells, dass die Geldpolitik über Finanzzyklen einen Einfluss auf die trendmäßige Entwicklung des realen Zinses hat.“ Die seit der Finanzkrise niedrig gehaltenen Zinssätze der Zentralbanken könnten so durchaus zur Erklärung des trendmäßigen Rückgangs des realen Zinssatzes beitragen.

          Unter anderem mit dem Beitrag der Staaten zum niedrigen Zinsniveau beschäftigen sich Marcel Fratzscher und Alexander Kriwoluzky vom Forschungsinstitut DIW. Sie schreiben, dass es seit der Finanzkrise eine höhere Nachfrage nach risikolosen Wertpapieren und ein geringeres Angebot gebe. So habe die Krise dazu geführt, dass es in Europa weniger Länder gebe, die von den Ratingagenturen den Status „risikolos“ verliehen bekämen. Zudem habe Deutschland als wichtigste Volkswirtschaft in Europa die Schuldenquote von etwas über 80 auf etwa 60 Prozent reduziert. Die Autoren schildern weitere Gründe für die Niedrigzinsen, meinen aber: „Das Fazit lautet deswegen, dass nicht die Geldpolitik für eine Erhöhung der Zinsen in die Pflicht genommen werden kann, sondern dass es vor allem der deutsche Staat ist, der den realen Zinssatz kurzfristig durch ein kluges Investitionsprogramm und durch eine erhöhte Bereitstellung von Schuldtiteln erhöhen kann.“

          Ifo-Präsident Fuest tritt dieser Einschätzung in seinem Beitrag allerdings entgegen. Es handele sich bei den Niedrigzinsen, wie beschrieben, um einen globalen und langfristigen Trend: „Die Behauptung, die Aufgabe der schwarzen Null in der deutschen Finanzpolitik erlaube es, wieder zu höheren Zinsen zu kommen, ist irreführend“, meint Fuest. „Der Einfluss der deutschen Finanzpolitik auf das globale Zinsniveau ist zu gering.“

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