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Tourismus und Nahverkehr : Corona lässt Reisebusmarkt einbrechen

  • -Aktualisiert am

Nur noch mit Maske: Passagiere winken aus einem Reisebus Bild: dpa

Die Angst vor Ansteckung auf Reisen oder im öffentlichen Nahverkehr lässt die Nachfrage nach Bussen erlahmen. Als Gegenmaßnahme unterstützt der Hersteller Daimler seine Kunden etwa mit Finanzierungsangeboten.

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          Die Bushersteller ächzen besonders unter der Corona-Krise. „Am stärksten hat es den Reisebusverkehr getroffen“, sagt Till Oberwörder, der Leiter von Daimler Buses in Stuttgart, der kleinsten Einheit der Daimler AG. Weil ihre gesamten Verkäufe im zweiten Quartal um 63 Prozent einbrachen, macht sie dem Konzern mit die größten Sorgen. Es habe praktisch fast keinen Reisebusmarkt gegeben. „Nun überlegen wir mit den Kunden, wann ist es der richtige Zeitpunkt, ein Fahrzeug zu übernehmen. Wir unterstützen unsere Käufer teilweise auch mit Finanzierungslösungen.“

          Der Reisebusmarkt in Europa ist von vielen mittelständischen Unternehmen geprägt. Und weil sich die Leute nur langsam wieder trauen, mit dem Bus zu verreisen, steht die Branche mit dem Rücken an der Wand. Manche werden die Krise nicht überleben. Mitte März bis Ende Mai waren in Deutschland Busreisen komplett verboten. Viele Unternehmen hatten ihre Fahrzeuge abgemeldet. Doch die Vorhaltekosten sind geblieben. Die Bundesregierung gewährte 170 Millionen Euro an Soforthilfe.

          Passagieren die Angst nehmen

          Doch das reicht nach Auffassung der Branche bei weitem nicht aus. Oberwörder sagt: „Unsere Aufgabe als Hersteller ist es zusammen mit den Reisebusunternehmen, den Kunden die Angst vor einer Fahrt im Bus zu nehmen. Nur so kann man das Geschäft wieder in Schwung bringen.“ Die Unsicherheit müsse angegangen werden. So statte Daimler die Klimaanlagen in den neuen Fahrzeugen mit Hochleistungspartikelfiltern aus. Diese sind mit einer antiviralen Funktionsschicht versehen. Mit ihrer Hilfe könnten die Aerosole, die die Viren übertragen, herausgefiltert werden. Viele Kunden wollten ihre Fahrzeuge auch nachrüsten lassen.

          Ferner stattet der Bushersteller seine Fahrzeuge mit Desinfektionsspendern aus und bringt Schutzscheiben für die Fahrer an. Aktuell werde geprüft, ob Oberflächen antiviral beschichtet werden können. Ähnliche Themen beschäftigen auch die Daimler-Konkurrenz, die MAN Truck & Bus SE. Der für die Busse verantwortliche Manager Rudi Kuchta betont: „Insbesondere dem Thema Klimaanlage kommt in der Öffentlichkeit aktuell eine erhöhte Aufmerksamkeit zu.“ Er verdeutlicht die Probleme der Branche an folgendem Beispiel: Der europäische Bus-Markt verzeichne normalerweise etwa 34000 Neuzulassungen über alle Modelle jährlich. „Jetzt schätzen wir das Volumen bei rund 25 000 Einheiten ein.“ Der Rückgang verteile sich sehr unterschiedlich auf die einzelnen Segmente: Bei Reisebussen erwartet MAN ein Minus von rund 60 bis 70 Prozent, bei Überlandbussen von 10 bis 20 Prozent. „Insbesondere bei Reisebussen kann man zurzeit die Entwicklung nur schwer abschätzen, wir gehen aber auch für 2021 von einem erheblichen Rückgang aus.“

          Das Geschäft mit den Stadtbussen läuft nach Darstellung von MAN und Daimler relativ normal weiter. Daimler-Manager Oberwörder sagt: „Der Linienbus ist wesentlicher Bestandteil der innerstädtischen Beförderung. Außerdem besteht bei vielen Städten in Europa auch eine Notwendigkeit, die Flotte zu erneuern.“ Der Bereich sorgt deshalb für einen gewissen Grundumsatz im Busgeschäft.

          Spät eingestiegen

          Der Konzern ist relativ spät in das Geschäft mit Elektrobussen eingestiegen. Mit dem eCitaro gibt es seit geraumer Zeit den ersten elektrischen Stadtbus. Im ersten vollen Geschäftsjahr 2019 seien einige hundert verkauft worden. Nun kommt eine Gelenkbusvariante hinzu. Oberwörder sagt weiter, er rechne mit einem kontinuierlichen Hochlauf der Elektrobusproduktion. Doch genaue Prognosen will er noch nicht abgeben. Städte wie Hamburg kaufen seit 2020 nur noch Elektrobusse.

          Nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen sind aktuell rund 450 E-Busse auf den Straßen unterwegs. Zum Jahresende sollen es etwa 1000 Busse sein. „Die Lieferzeiten sind natürlich aktuell schwer einschätzbar, aber wir gehen bei einem Elektrobus von etwa einem Jahr Lieferzeit aus, bei einem neuen Dieselbus geht das deutlich schneller“, sagt ein VDV-Sprecher.

          Und Oberwörder fügt hinzu, der Elektrobus sei in der Anfangsphase technologiebedingt deutlich teurer als ein klassischer Bus mit Dieselantrieb. Um die Umstellung der Stadtbusflotten zu unterstützen, stehen in Deutschland und in vielen europäischen Ländern Fördermittel zur Verfügung; in Deutschland sind es seit 2018 insgesamt 650 Millionen Euro. Das Programm ist Anfang des Jahres aufgestockt worden. Das Geld soll die Anschaffung von Nahverkehrsbussen und den Aufbau von Ladepunkten unterstützen.

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