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Tokenisierung der Welt : Die Zukunft der Vermögenswerte ist digital

  • -Aktualisiert am

Über Tokens lassen sich Immobilien auch stückchenweise erwerben. Bild: dpa

Immer häufiger werden Vermögenswerte via Blockchain in kleinste Einheiten, sogenannte Token, zerlegt. Was zum Teil immer noch als Bedrohung empfunden wird, bietet vielmehr große Chancen. Ein Gastbeitrag.

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          Wenn jemand sagt, das Konzept der Tokenisierung sei leicht zu verstehen, liegt das entweder daran, dass er nicht mit komplizierten Erklärungen abschrecken möchte oder es selbst nicht verstanden hat. Tokenisierung ist kein leichtes Brot. Doch es lohnt sich zu verstehen, welches disruptive Potential für die Finanz- und andere Branchen darin steckt.

          Die Tokenisierung von Vermögenswerten findet häufig auf der Basis der Ethereum-Blockchain statt. Damit sind schon zwei erklärungsbedürftige Begriffe gefallen. Eine Blockchain ist eine Datenbank, in der Daten so verknüpft sind, dass sie nur schwer oder gar nicht manipuliert werden können. Das gilt umso mehr, wenn diese dezentral organisiert ist, also wie bei der Ethereum-Blockchain auf vielen Tausenden Servern eine identische Kopie liegt. Diese Datenbank ist frei zugänglich. Jeder kann dort Daten in Form von Informationen, Programmen oder digitalen Verträgen einstellen.

          Sind Daten eingestellt, lassen diese sich nicht mehr entfernen oder manipulieren. Dafür sorgen die sogenannten Miner, die sicherstellen, dass die Blöcke mit den Daten kryptographisch so versiegelt sind, dass niemand sie mehr ändern kann. Dafür müssen diese Rechnerkapazität bereitstellen, mit der sie im Wettstreit um die Lösung eines kryptographischen Rätsels treten. Wer dieses zuerst löst, erhält eine Belohnung in Form von Ether, der Transaktionswährung der Ethereum-Blockchain.

          Geringer Verwaltungsaufwand

          Das hat noch nicht viel mit Token zu tun. Allerdings können über digitale Verträge, die „Smart Contracts“, Token geschaffen werden. Ein Smart Contract ist eine Software, die auf der Blockchain gespeichert wird. Diese funktioniert als „Wenn-dann-Bedingung“ und hat eine eigenständige Blockchain-Adresse. Damit kann etwa eine Immobilie tokenisiert werden. Die Bedingung lautet in diesem Fall: Wenn eine bestimmte Zahl Ether an die Adresse des von dem Verkäufer geschaffenen Smart Contracts fließt, erhält die Adresse des Senders der Ether eine entsprechend definierte Menge Token, die Eigentumsanteile an der Immobilie repräsentieren.

          Der Besitz eines Tokens, dem auf der Blockchain die Adresse des Inhabers zugeordnet ist, berechtigt dazu, einen Teil der Mieteinnahmen zu erhalten. Deren Überweisung kann ebenfalls mit einem Smart Contract automatisiert werden. Die Bedingung kann dann lauten: Wenn der 15. Tag eines Monats ist, dann wird die Miete anteilig an die Adressen der Tokeninhaber überwiesen.

          Der Charme ist, dass Prozesse automatisch ablaufen und wenig Verwaltungsaufwand entsteht. Die Extremvorstellung geht sogar dahin, dass es keine Intermediäre mehr gibt. Die Verträge sind nicht korrumpierbar und erfüllen sich selbst. Der Immobilienverwalter ist kein Mensch mehr, sondern nur noch eine Software.

          Für Privatanleger öffnen sich Türen

          Auch für Anleger ergeben sich neue Perspektiven. Token können mit fast beliebig kleiner Wertigkeit verkauft werden, so dass Anleger, die sich normalerweise etwa an einem Versicherungshochhaus nicht beteiligen könnten, für wenige Euro Bruchteile und einen entsprechenden Mietanspruch erwerben können. Viele Token können ohne hohe Kosten an dezentralen, blockchain-basierten Börsen gehandelt werden. Die hohe Teilbarkeit ermöglicht es zudem, auch ein eher kleines Immobilien-Portfolio preisgünstig zu diversifizieren.

          Nun kann gerade bei einer Immobilie nicht alles glatt verlaufen. Blockchain, Token und Smart Contract bedeuten ja nicht, dass der Mieter stets seine Miete zahlen kann, Reparaturen sich von allein erledigen und Verträge rechtssicher sind. Diese Hindernisse sind aber nicht unüberwindbar. Es ist etwa möglich, mit Sensoren laufend die Funktionsfähigkeit elektrischer Geräte zu prüfen und bei einer Fehlermeldung einen Vertragshandwerker aus einem Adressenpool zu kontaktieren. Ist der Handwerker der Blockchain angeschlossen, kann er sofort Einsicht in die Fehlermeldung erhalten. Mindestens so interessant wäre es, Grundbücher auf die Blockchain zu übertragen. Dies liegt nahe, weil die Ethereum-Blockchain als kaum manipulierbar gilt und Dateneintragungen daher eine hohe Glaubwürdigkeit genießen, ohne dass es eines Notars bedürfte. Das könnte Immobilientransaktionen deutlich günstiger machen.

          Noch gibt es Hindernisse

          Bei aller Euphorie sollte man aber die Kirche noch im Dorf lassen. Nicht alles, was man auf der Blockchain abbilden kann, ist gleich sinnvoll. Es gilt abzuwägen, zumal die Technik in weiten Teilen noch unreif ist und Angriffsfläche bietet. Der größte Schwachpunkt der Ethereum-Blockchain ist ihre mangelnde Skalierbarkeit. Die derzeit aus dem Boden schießenden, auf ihr basierenden Projekte sorgen für Engpässe und treiben die Transaktionskosten nach oben. Ob der angekündigte kostensparende Wechsel des Überprüfungsverfahrens gelingt, ist noch unsicher.

          Es gibt auch andere Probleme. Informationen von Sensoren werden an den Smart Contract via „Oracles“ übertragen. Diese sind aber im Gegensatz zur Blockchain manipulierbar. Hier müssen Lösungen gefunden werden, die einen Missbrauch unwahrscheinlich machen. Die Übertragung des Grundbuchs auf die Blockchain ist sinnvoll, wird aber den Notar nicht überflüssig machen. Bei komplexeren Transaktionen von Gewerbeimmobilien werden diese wohl noch in 20 Jahren eine wichtige Rolle spielen. Nicht zu vergessen sind rechtliche Stolpersteine. Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, in dem tokenisierte Wertpapiere mit traditionellen gleichgestellt werden. Die meisten EU-Länder hinken aber hinterher. Bei internationalen Transaktionen kann das zum Hindernis werden.

          Trotz alledem gilt: Auch das Internet begann damit, dass ein Modem surrte und gurrte, bevor mit Glück eine Verbindung aufgebaut wurde und man derweil Kaffee kochen konnte. Heute bewegen sich Menschen mit einer Selbstverständlichkeit im Netz, die in den neunziger Jahren undenkbar war. Das Recht wurde und wird an die neue Realität angepasst, und es wird nicht mehr gefragt, ob so etwas Abstraktes überhaupt funktionieren kann, sondern es wird einfach genutzt. So kann es auch mit Blockchain und Token gehen. Statt diese als fixe Idee abzutun oder als Bedrohung zu empfinden, ist es wichtig, dass Gesetzgeber und Unternehmen am Ball bleiben, um die innewohnenden Chancen wahrzunehmen.

          Der Autor ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

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