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Tokenisierung der Welt : Die Zukunft der Vermögenswerte ist digital

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Nun kann gerade bei einer Immobilie nicht alles glatt verlaufen. Blockchain, Token und Smart Contract bedeuten ja nicht, dass der Mieter stets seine Miete zahlen kann, Reparaturen sich von allein erledigen und Verträge rechtssicher sind. Diese Hindernisse sind aber nicht unüberwindbar. Es ist etwa möglich, mit Sensoren laufend die Funktionsfähigkeit elektrischer Geräte zu prüfen und bei einer Fehlermeldung einen Vertragshandwerker aus einem Adressenpool zu kontaktieren. Ist der Handwerker der Blockchain angeschlossen, kann er sofort Einsicht in die Fehlermeldung erhalten. Mindestens so interessant wäre es, Grundbücher auf die Blockchain zu übertragen. Dies liegt nahe, weil die Ethereum-Blockchain als kaum manipulierbar gilt und Dateneintragungen daher eine hohe Glaubwürdigkeit genießen, ohne dass es eines Notars bedürfte. Das könnte Immobilientransaktionen deutlich günstiger machen.

Noch gibt es Hindernisse

Bei aller Euphorie sollte man aber die Kirche noch im Dorf lassen. Nicht alles, was man auf der Blockchain abbilden kann, ist gleich sinnvoll. Es gilt abzuwägen, zumal die Technik in weiten Teilen noch unreif ist und Angriffsfläche bietet. Der größte Schwachpunkt der Ethereum-Blockchain ist ihre mangelnde Skalierbarkeit. Die derzeit aus dem Boden schießenden, auf ihr basierenden Projekte sorgen für Engpässe und treiben die Transaktionskosten nach oben. Ob der angekündigte kostensparende Wechsel des Überprüfungsverfahrens gelingt, ist noch unsicher.

Es gibt auch andere Probleme. Informationen von Sensoren werden an den Smart Contract via „Oracles“ übertragen. Diese sind aber im Gegensatz zur Blockchain manipulierbar. Hier müssen Lösungen gefunden werden, die einen Missbrauch unwahrscheinlich machen. Die Übertragung des Grundbuchs auf die Blockchain ist sinnvoll, wird aber den Notar nicht überflüssig machen. Bei komplexeren Transaktionen von Gewerbeimmobilien werden diese wohl noch in 20 Jahren eine wichtige Rolle spielen. Nicht zu vergessen sind rechtliche Stolpersteine. Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, in dem tokenisierte Wertpapiere mit traditionellen gleichgestellt werden. Die meisten EU-Länder hinken aber hinterher. Bei internationalen Transaktionen kann das zum Hindernis werden.

Trotz alledem gilt: Auch das Internet begann damit, dass ein Modem surrte und gurrte, bevor mit Glück eine Verbindung aufgebaut wurde und man derweil Kaffee kochen konnte. Heute bewegen sich Menschen mit einer Selbstverständlichkeit im Netz, die in den neunziger Jahren undenkbar war. Das Recht wurde und wird an die neue Realität angepasst, und es wird nicht mehr gefragt, ob so etwas Abstraktes überhaupt funktionieren kann, sondern es wird einfach genutzt. So kann es auch mit Blockchain und Token gehen. Statt diese als fixe Idee abzutun oder als Bedrohung zu empfinden, ist es wichtig, dass Gesetzgeber und Unternehmen am Ball bleiben, um die innewohnenden Chancen wahrzunehmen.

Der Autor ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.

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